Auf den Spuren der Anasazi – in Mesa Verde im US-Bundesstaat Colorado

23.04.2015 |  Von  |  Alle Länder, Nordamerika
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Auf den Spuren der Anasazi – in Mesa Verde im US-Bundesstaat Colorado
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Die Vereinigten Staaten sind nicht unbedingt für grosse archäologische Funde bekannt. Zu jung erscheint die Nation auf dem amerikanischen Kontinent im Vergleich zu den Völkern und Kulturen der Alten Welt und in Asien. Doch auch lange vor der Ankunft der Europäer lebten in dem weiten Land Menschen, die Spuren hinterlassen haben.

Besonders deutlich zeigt sich das im US-Nationalpark Mesa Verde. In ihm sind eindrucksvolle Bauten der hier einst lebenden Anasazi zu finden, eines indianischen Kulturvolkes, das sicher nicht den heute noch verbreiteten Klischee-Vorstellungen von Indianern entsprach.

Zwischen Wüsten und Rocky Mountains

Der Mesa-Verde-Nationalpark ist der einzige in den USA, der seine Existenz vor allem archäologischen Funden zu verdanken hat. Die anderen US-Nationalparks sind mehr auf die Naturschönheiten und -wunder des Landes ausgerichtet. Dennoch muss man auch im Mesa Verde-Park nicht auf Naturerlebnisse verzichten. Ganz im Gegenteil – menschliches Schaffen und natürliche Landschaftsformen sind hier eine einzigartige Verbindung eingegangen. Es war der berühmte amerikanische Präsident Theodore Roosevelt, der 1906 die nationale Bedeutung der Bauten in der Mesa Verde-Region erkannte und die Einrichtung eines Nationalparks zu deren Schutz anregte. Insgesamt 4000 archäologische Stätten befinden sich in der Region. Das ist verglichen mit der überschaubaren Fläche des Parks eine erstaunliche Konzentration. Sie weisen auf die dichte Besiedlung vor der Zeit der Europäer hin.

Mit 210 Quadratkilometern umfasst der Park für US-Verhältnisse eine eher bescheidene Fläche. Er liegt ganz im Südwesten des Bundesstaates Colorado, der zu den sogenannten „Mountain States“ gehört – den Staaten, die von der zentralen Gebirgskette der Rocky Mountains durchzogen werden. Die Hauptstadt von Colorado, die alte Goldgräber-Metropole Denver, liegt vom Park etwa 420 Kilometer entfernt. Die Gegend um den Nationalpark selbst ist dünn besiedelt, urbane Zentren sucht man hier vergebens. Die grössten Siedlungen im Umfeld sind Cortez – ein Städtchen, das gerne als Zwischenstation für Touren nach Mesa Verde oder in den Grand Canyon genutzt wird – und das nicht viel grössere Durango, ein touristisches Zentrum mit Skigebieten im Umfeld und guten Möglichkeiten zum Sportfischen und Jagen.

Siedlungsspuren im Bereich der Grünen Tafel

Mesa Verde ist spanisch und bedeutet übersetzt „Grüne Tafel“. Diese Bezeichnung wurde von den ersten spanischen Entdeckern der Region geprägt, die aus dem heutigen Mexiko den Weg hierherfanden. Der Tafelberg, der als natürliches Wahrzeichen aus dem Gebiet herausragt und heute Besucher am Eingang des Parks begrüsst, wirkte vermutlich namensgebend, vielleicht waren es aber auch die tischgleichen Flächenanteile. Bei der Mesa Verde-Region handelt es sich nämlich weniger um eine Berggegend, sondern um eine Übergangszone zwischen den weiter südlich und westlich gelegenen Wüstenflächen Utahs, Nevadas und in Arizona einerseits sowie den Rocky Mountains andererseits. Tatsächlich ähneln grosse Teile eher einer Ebene, wären da nicht die tiefen Einschnitte in die Landschaft. In feuchteren Klimazeiten gab es viel Wasser in der Region, die Erosion grub tiefe Täler und Canyon-artige Schluchten in den vorhandenen weichen Sandstein. Schroffe Felsabbrüche und dramatische Überhänge sind daher typisch für die Gegend. Sie bildeten die geeignete Kulisse für die Anasazi-Bauten. Heute ist das Klima semi-aride. Viele Bäume und Sträucher wachsen hier und verleihen dem Mesa Verde-Park trotz der Nähe zur Wüste ein grünes Antlitz.

Der Beginn der menschlichen Besiedlung in dem Gebiet setzte nach Erkenntnissen der Archäologen um 600 n.Chr. ein. Die ersten indianischen Siedler errichteten ihre Behausungen wohl zunächst auf den Flächen der Mesa Verde-Region. Damals waren die Ebenen der Region noch sehr fruchtbar: es gab viel Regen, die Böden trugen reiche Frucht und die Wälder boten genügend Wild zum Jagen. Bei den ersten Wohnhäusern handelte sich um typische Grubenhäuser – eine Erdgrube, die von einem einfachen Dach überdeckt wurde. Später wurden diese Grubenhäuser aufgegeben und durch Bauten aus Lehm, Holz und Flechtwänden – also einer Art Fachwerk – ersetzt. Eine weitere Entwicklungsstufe war die Verwendung von Steinen als Baumaterial. Sie dienten zum Bau von Pueblos, geschlossenen Baukomplexen mit Wohn-, Vorrats- und Kulträumen für bis zu 500 Menschen.



Rätselhafte Bauten in Felsnischen

Um das Jahr 1200 veränderte sich das Siedlungsverhalten grundlegend. Der Siedlungsschwerpunkt verlagerte sich in die Schluchten und Canyons. Bevorzugt wurden Felsabrisse und -überhänge genutzt, um die Bauten darin zu errichten. Sie verleihen den heute noch erhaltenen Ruinen ihr einzigartiges Bild. Warum man zu dieser veränderten Siedlungsform überging, ist bis heute nicht geklärt. Reine Verteidigungsgründe scheinen auszuscheiden, womöglich wollte man die besseren klimatischen Bedingungen in den geschützten Felsnischen nutzen. Die Felsen speicherten die Wärme der Sonne, so dass die Temperaturen hier vor allem im Winter deutlich höher lagen als auf den ebenen Flächen. Es hätte sich danach um eine besonders frühe Form der Solarenergie-Nutzung gehandelt – eine Spekulation.

Die sehr häufig oben, unten und an den Seiten von massiven Felsen umrahmten Bauten der Anasazi üben noch heute auf den Betrachter eine besondere Faszination aus. Reste von Türmen, Mauern, Stufen und Räumen, deren Sinn und Zweck verborgen bleibt, präsentieren sich dem Besucher wie ein Rätsel. Schwarze Fensternischen verstärken das mysteriöse Erscheinungsbild noch. Besonders rätselhaft die immer wieder anzutreffenden kreisrunden, in die Erde eingelassenen ummauerten Gruben. Es handelte sich um sogenannte „kivas“, besondere Kult- und Zeremonialräume für uns nicht bekannte Riten.

Abruptes Ende einer blühenden Kultur

Die Indianer der Anasazi-Kultur waren bereits hoch entwickelt. Sie waren sehr gute Töpfer und Korbflechter. Unter anderem wurden Töpfe, Schöpfkellen, Trinkgefässe aber auch Zeremonialgegenstände gefunden. Für den Anbau von Mais, Bohnen und Kürbissen wurden ausgeklügelte künstliche Bewässerungssysteme angelegt, neben der Landwirtschaft betrieb man die Jagd. Es bestanden vermutlich sogar Handelsbeziehungen zu den mittelamerikanischen Hochkulturen. Die schönsten und bekanntesten Anasazi-Ruinen im Park sind die von Cliff Palace, Balcony House oder Spruce Tree House. Es gibt aber noch viele andere Zeugnisse der Anasazi-Kultur im Nationalpark.

Um das Jahr 1300 endet die Anasazi-Kultur in der Mesa Verde-Region plötzlich – nur etwa hundert Jahre nach ihrer grössten Blüte. Die bestehenden Siedlungen wurden innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums verlassen, neue nicht mehr gebaut. Die Spanier fanden bereits nur noch leere Ruinen. Auch hier ist die Forschung weitgehend auf Vermutungen angewiesen. Manche Wissenschaftler gehen von einer anhaltenden Dürreperiode als Ursache der Abwanderung aus, die auch bei anderen Kulturen in dieser Zeit drastische Auswirkungen hatte. Andere sehen den möglichen Grund in der Überbevölkerung und dem Raubbau an der Natur.

Nicht ganz verschwunden

Ganz verschwunden sind die Anasazi aber nicht. Sie leben in einigen indianischen Stämmen auch noch heute fort. Insbesondere die Hopi-Indianer im heutigen Arizona gelten als legitime Nachfahren der Anasazi. Sie haben bis heute die Pueblo-Bauweise beibehalten. Es ist eine ganz andere amerikanische Tradition und Kultur, die sich dem Reisenden aus Europa bei einem Besuch im Mesa Verde-Nationalpark präsentiert. Es lohnt sich, auch diese Seite der Vereinigten Staaten zu kennenzulernen.

 

Oberstes Bild: © Ian Abbott – flickr.com – CC BY-SA 2.0

Über Stephan Gerhard

ist seit Jahren als freier Autor und Texter tätig und beschäftigt sich bevorzugt mit Themen rund um Finanzen, Geldanlagen und Versicherungen sowie Wirtschaft. Als langjähriger Mitarbeiter bei einem Bankenverband und einem großen Logistikkonzern verfügt er über umfassende Erfahrungen in diesen Gebieten.

Darüber hinaus deckt er eine Vielzahl an Themen im Bereich Reisen, Tourismus und Freizeitgestaltung ab. Er bietet seinen Kunden kompetente und schnelle Unterstützung bei der Erstellung von Texten und Präsentationen.


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