Australien – Oodnadatta Track: 617 staubige Radel-Kilometer durch die Einsamkeit

18.05.2015 |  Von  |  Australien
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Australien – Oodnadatta Track: 617 staubige Radel-Kilometer durch die Einsamkeit
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Ich fange an, diese Biester zu hassen. Es sind Millionen, überall, fast jeden Tag.

Sobald die Sonne aufgeht, kommen sie in Scharen und verschwinden leider erst wieder, wenn es dunkel wird.

Fliegen, ganz normale Hausfliegen, die einen in den Wahnsinn treiben. Sie krabbeln mir pausenlos im Gesicht herum. In den Augen und Ohren, in der Nase und sogar im Mund. Meine Geschwindigkeit auf diesen brutalen Wellblechpisten ist leider so gering, dass ich sie nie abschütteln kann. Sie sind immer da.



„Grey Nomades“ dagegen sind der totale Kontrast des täglichen Leidens. Die grauen Nomaden sind meine Engel hier draussen in der Wüste. Rentner, die mit ihren Wohnmobilen ihr eigenes Land durchqueren. Richtige Aussies. Cowboy-Hut, Aussie-Slang, BBQ, XXXX-Bier und saugute Laune. Ich liebe die Aussies. Ein richtig lockeres Volk.

„Mate, wo willst du denn hin? Bist du verrückt, hier ganz alleine durch die Wüste zu radeln? Hast du genug Wasser? Hast du Hunger?“ Keine Sekunde später bin ich Gast in einem nagelneuen Campervan. Bekomme Spiegeleier gebacken, Brot getoastet, Cola und zum Nachtisch den ultimativen, genial sättigenden Aussie-Früchte-Kuchen mit Vanille-Sosse. Einfach nur lecker!


Unterwegs auf dem Oodnadatta Track. (Bild: © Heike Pirngruber)

Unterwegs auf dem Oodnadatta Track. (Bild: © Heike Pirngruber)


Ab und an dagegen ist es auch still und einsam hier draussen. Vor allem dann, wenn der Wind mal nicht bläst. Zeit zum Geniessen, am Lagerfeuer zu sitzen, dem Knistern des Feuers zu lauschen, die Sterne zu bewundern und die Stille in sich aufzusaugen.

Doch leider kämpft diesen Winter das ganze Outback mit einer nie da gewesenen Mausplage. Es hat so viel geregnet, dass es Futter im Überschuss gab, und die Viecher haben sich buchstäblich vermehrt wie die Ratten. Doch der Regen hat bereits lange nachgelassen, und die Nager fangen an zu verhungern. Sie belagern dadurch jeden Ort, an dem sie Essen vermuten.

An vielen Abenden teile ich mit ihnen den Platz am Feuer. Die Biester sind so frech, dass sie mir während meines Abendessens um die Füsse herum rennen – und nicht nur das, sie krabbeln mir sogar ein paar Mal die Beine hoch. Ein Glück habe ich keine Mäuse-Phobie, sondern nur eine gegen Spinnen.

Mein Zelt finden die kleinen Nager ganz besonders toll. Vor allem die Kopfseite, die sie als geniale Rutschbahn zweckentfremden. Sie rennen zuerst um das gesamte Zelt herum, krabbeln dann an der einen Querseite die Zeltwand hoch, um danach knapp über meinem Kopf wieder an der Zeltplane herunterzurutschen. Kurzer Aufprall – und das Spiel geht wieder von vorne los. Die ganze Nacht lang.


617 Kilometern in einer staubtrockenen Wüste (Bild: © Heike Pirngruber)

617 Kilometern in einer staubtrockenen Wüste (Bild: © Heike Pirngruber)


Es ist unglaublich, und wenn mir das jemand vorher erzählt hätte, hätte ich zu ihm gesagt: „Du spinnst ja, das glaube ich Dir nicht!“ Aber genauso ist es.

Einige werden sich vielleicht fragen, was denn sonst noch so alles hier draussen in dieser Einöde passiert; denn eigentlich ist das doch total langweilig – jeder Tag ist doch gleich, oder?

Nun, mich begeistert vor allem die endlose Weite und der Natur voll ausgesetzt zu sein. Ich habe Zeit zu denken. Ich freue mich, wenn ich nach 50 anstrengenden, staubigen Kilometern ein Schild sehe, auf dem vielleicht die nächste Farm angeschrieben steht – oder noch viel besser, wenn ich einen schönen Waran beobachten kann; ein Känguruh vorbeigesprungen kommt, ein Kamel oder ein Echidna (Ameisenigel) auftaucht.

Dann gibt es hier noch alle paar hundert Kilometer irgendwelche witzigen Road Houses, an denen man die schrägsten Typen trifft. Da hängen BH’s und Tangas von der Decke, da stolpern die Cowboys besoffen aus der Türe und jeder lebt getreu der Philosophie „No worries, mate!“. Alles kein Problem und bloss kein Stress hier draussen, schliesslich sind wir im Outback, da ticken die Uhren deutlich langsamer als sonst.


Alle paar hundert Kilometer gibt es hier irgendwelche witzigen Road Houses. (Bild: © Heike Pirngruber)

Alle paar hundert Kilometer gibt es hier irgendwelche witzigen Road Houses. (Bild: © Heike Pirngruber)


Klaus, der „camel man“, steht plötzlich mit seinem merkwürdigen Gespann vor mir. Ein Deutscher, der seit sieben Jahren mit seinen zwei Kamelen durch die Wüste zieht. Das Witzige daran ist, dass die beiden Kamele ein Auto ziehen, bei dem allerdings nur noch die Karosserie und die vier Reifen übrig sind. In der Schrottkarre bewahrt er seine Vorräte auf, seine Ausrüstung, sein ganzes Hab und Gut.

Klaus erzählt mir von den Sternen mit einer solchen Begeisterung, als hätte er sie heute Abend das erste Mal gesehen. Er fasziniert mich und ist sicherlich der ausgeglichenste Mensch, den ich je getroffen habe.

Dann gibt es noch so eine Eigenart der Aussies, mit der ich hier draussen des Öfteren konfrontiert werde. Grundsätzlich wird jedes Stück Fleisch und alles Gemüse immer wieder angekokelt – oder auch auf gut deutsch: total verbrannt. So auch an diesem Abend wieder. Ich sitze bei netten Rentnern, „could eat the crotch out of a low flying duck“ – was so viel heisst wie „ich habe Bärenhunger“ – und muss leider mit ansehen, wie sich vor meinen Augen das ganze leckere Essen von einer gesunden Farbe in Acrylamit verwandelt.


Als Cowgirl auf einer riesigen Rinderfarm. (Bild: © Heike Pirngruber)

Als Cowgirl auf einer riesigen Rinderfarm. (Bild: © Heike Pirngruber)


An einer riesigen Rinderfarm hoffe ich auf einen freiwilligen Einsatz als Cowgirl. Don, der Cowboy des Hauses, begrüsst mich mit den Worten: „Hast du dich verfahren? Was um Himmels Willen machst du in dieser verlassenen Gegend mit dem Rad?“

Ich darf bleiben und scheuche per Motorrad Hunderte Rinder vor mir her. Über mir der Hubschrauber und neben mir zwei Jeeps. Ich bin Cowgirl und finde es richtig klasse.

„Beer o’clock“, also zum Feierabend, sitzen die Cowboys zusammen und trinken genüsslich ihr Bier. Reden von ihren Heldentaten und wundern sich darüber, wie viel Hunger so eine Radlerin aus Deutschland haben kann.

Die letzten Kilometer bis zur Hauptstrasse schüttelt es mich noch einmal richtig durch. Doch dann hat mich die Zivilisation wieder und ich begrüsse die Teerstrasse mit einem freudigen „G’day, mate!“.


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Da soll noch einmal einer sagen, dass man auf 617 Kilometern in einer staubtrockenen Wüste nichts erleben kann!

 

Bilder: © Heike Pirngruber


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