Avignon – eine halbe Brücke und Stadt der Päpste

19.05.2015 |  Von  |  Europa
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Die alte Stadt Avignon gehört zweifelsohne zu den interessantesten Städtezielen in der Provence. Bis heute wird ihre Silhouette von der Zeit geprägt, als sich hier die Residenz der Päpste befand. Sie hinterliessen der Stadt nicht nur einen reichen Schatz an Kirchenbauten, sondern auch Paläste und mächtige Mauern.

Besucher schätzen Avignon aber nicht nur wegen seiner zahlreichen historischen Sehenswürdigkeiten. Schon weit im Süden Frankreichs gelegen verbreitet die Stadt eine ausgesprochen mediterrane Atmosphäre. Das jährliche „Festival von Avignon“ ist eine bunte Kunst- und Kulturveranstaltung, die zahlreiche Besucher aus Nah und Fern anzieht.



Papstresidenz unter französischer Überwachung

Die Stadt befindet sich in einer strategisch günstigen Lage am Zusammenfluss von Rhône und Durance. Die vorteilhafte Position wurde bereits in der Steinzeit erkannt. Aus dieser Epoche stammen die frühesten Siedlungsspuren. In der Antike geriet der Ort in den Einflussbereich des griechisch besiedelten Marseilles – die Griechen nannten den Flusshafen Avenio, hieraus leitet sich der Name Avignon ab. Später wurde der Ort römische Provinzstadt.

Im Mittelalter gehörte Avignon zunächst zum Königreich Arelat, das auch die heutige Provence umfasste. Arelat war Teil des Heiligen Römischen Reiches. Die berühmte Brücke von Avignon bildete damals eine Grenztrasse ins benachbarte Frankreich, das hier allmählich mehr und mehr Macht gewann. Seine Glanzzeit erlebte Avignon im Zeitraum zwischen 1309 und 1377 als Residenz der Päpste. Insgesamt sieben „Pontifex“ kehrten Rom den Rücken und regierten die katholische Kirche von hier aus. Innere Wirren in der Heiligen Stadt und die nachhaltige Einflussnahme des französischen Königs hatten zu dieser Entscheidung geführt.


Der Papstpalast in Avignon - ein Highlight für Touristen. (Bild: © sansa55 - shutterstock.com)

Der Papstpalast in Avignon – ein Highlight für Touristen. (Bild: © sansa55 – shutterstock.com)


Weltliches Regiment geistlicher Herrscher

Der Stadt bescherte die Anwesenheit des Papstes und der Kurie einen ungeahnten Bauboom und grossen Wohlstand. Prächtige Repräsentativbauten und Befestigungsanlagen entstanden. Die Päpste betätigten sich als Kunstmäzene und förderten die Universität der Stadt. Avignon erhielt de facto den Rang einer Hauptstadt. In der Kirchengeschichte hat die Zeit des „Avignoner Exils“ der Päpste allerdings keinen allzu guten Ruf. Die hier residierenden Päpste waren stark vom französischen König abhängig, betrieben eine aufwändige und sehr weltliche Hofhaltung sowie eine wuchernde Vetternwirtschaft. Ihre eigentlichen Aufgaben kamen dabei oft zu kurz. Schon prominente Zeitgenossen wie Katharina von Siena forderten daher zur Rückkehr nach Rom auf – ein Ruf, dem Papst Gregor XI. 1377 schliesslich widerstrebend folgte.

Das war aber noch nicht das Ende des Papsttums in Avignon. Nach dem Tod Gregors XI. kam es zum Streit um dessen rechtmässige Nachfolge. Das Ergebnis war, dass es fortan neben dem Papst in Rom auch noch einen „französischen“ Gegenpapst in Avignon gab – ein Konflikt, der erst 1417 endgültig gelöst wurde. Damit endete Avignons Zeit als Papstresidenz endgültig. Wer sich der Stadt heute nähert, dem fallen drei Bauwerke unmittelbar ins Auge: der Papstpalast, der die Dächer des historischen Zentrums überragt, die Stadtmauer und der „halbe“ Pont Saint-Bénézet, die berühmte Brücke von Avignon.


Die Stadtmauer von Avignon vermittelte den Einwohnern früher Schutz und Sicherheit. (Bild: © Véronique Pagnier /

Die Stadtmauer von Avignon vermittelte den Einwohnern früher Schutz und Sicherheit. (Bild: © Véronique Pagnier / Wikipedia / public domain)


Paläste, Kirchen und die Brücke von Avignon

Die Stadtmauer umgibt seit Jahrhunderten die Altstadt und bot in früheren Zeiten den Bewohnern der Stadt Schutz und Sicherheit. Sie ist praktisch komplett erhalten und vermittelt mit ihren 39 Türmen und sieben Toren einen guten Eindruck von der mittelalterlichen Stadtbegrenzung. Einst war sie von Wassergräben umgeben, die heute längst zugeschüttet sind.

Der Papstpalast präsentiert sich äusserlich als trutzige, ja sogar abweisende Festung mit Wehrtürmen, Zinnen und Schiessscharten – einer Architektur, die keineswegs nur als Dekoration gedacht war und ziemlich düster wirkt. Erst im Inneren gibt sich das komplexe Bauwerk gefälliger. Hier finden sich grosse Säle, mehrere Innenhöfe und viele Kapellen, von denen die Kapelle St. Jean noch sehr schöne Fresken zeigt. Mit einer Nutzfläche von 15.000 Quadratmetern gehörte der Palast zu den umfangreichsten Schlössern seiner Zeit. Der grösste Raum im Palast ist übrigens der Speisesaal des Papstes, was auch ein Symbol für den damaligen Zustand des Papsttums ist.


Die Kathedrale von Avignon befindet sich in unmittelbarer Nähe des Papstpalastes. (Bild: © Tael / Wikipedia / <a title="creativecommons.org - Creative Commons" href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en" target="_blank">CC</a>)

Die Kathedrale von Avignon befindet sich in unmittelbarer Nähe des Papstpalastes. (Bild: © Tael / Wikipedia / CC)


Ein Lied macht ein Bauwerk berühmt

In der pittoresken Altstadt rund um den Papstpalast finden sich noch zahlreiche Bauten aus der Zeit der Päpste: Kirchen und Kapellen – vorwiegend im Stil der Romanik und Gotik -, ehemalige Kardinalsresidenzen und Bürgerhäuser. Auch mancher Barockbau aus späterer Zeit ist dabei. Das bedeutendste Sakralbauwerk der Stadt ist die Kathedrale „Nôtre-Dame des Doms d’Avignon“. Sie wurde in unmittelbarer Nähe des Papstpalastes auf einem Felsvorsprung errichtet. Ihr markanter Turm mit der vergoldeten Marienstatue an der Spitze bildet zusammen mit den wuchtigen Palastmauern eine fast symbiotische architektonische Einheit, obwohl es sich um zwei getrennte und unabhängig voneinander entstandene Bauten handelt.

Ein Muss beim Avignon-Besuch ist ein Abstecher zum Pont Saint-Bénézet. Die berühmte „Brücke von Avignon“ endet mitten im Fluss und prägt seit Jahrhunderten unverwechselbar die Stadtansicht. Nur vier ihrer einst 22 Rundbögen sind stehengeblieben, die übrigen Teile wurden von einer grossen Flut im 17. Jahrhundert mitgerissen. Als sie noch komplett war, galt sei einmal als längste Brücke Europas. Bekannt wurde die Brücke durch das altfranzösische Volkslied „Sur le Pont d’Avignon“.


Das Festival von Avignon zieht jählich viele Besucher an. Aufnahme von 2006, Bühne im Papstpalast.  (Bild: © Jialiang Gao / Wikipedia / <a title="creativecommons.org - Creative Commons" href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en" target="_blank">CC</a>)

Das Festival von Avignon zieht jählich viele Besucher an. Aufnahme von 2006, Bühne im Papstpalast.  (Bild: © Jialiang Gao / Wikipedia / CC)


Das Festival von Avignon

Eine kulturelle Institution von europäischen Rang ist das jährliche „Festival von Avignon“. Es findet seit 1947 immer in den letzten drei Wochen im Juli statt. Dabei werde Theaterstücke, Tanz- und Gesangsvorführungen im Rahmen des zeitgenössischen Theaters geboten. Neben den offiziellen Festival-Veranstaltungen, die unter anderem auch den Papstpalast nutzen, gibt es hunderte inoffizielle „Off“-Events. Sie erstrecken sich über das gesamte historische Zentrum und darüber hinaus. Die Strassen, Plätze und Paläste von Avignon sind eine ideale Kulisse für eine solche Veranstaltung und bieten in der Zeit des Festivals ein buntes Bild. Für Theaterbegeisterte ist Avignon ein absolutes Highlight. Ein Besuch des Festivals lässt sich hervorragend mit einer Besichtigung der Stadt verbinden. Bei einem Aufenthalt in der Provence sollte ein Besuch in der „Stadt der Päpste“ unbedingt mit auf dem Programm stehen.

 

Oberstes Bild: © Bertl123 – shutterstock.com

Über Stephan Gerhard

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