Das Dorf Guarda im Engadin – Heimat des Schellen-Ursli; architektonisch wertvoll

04.12.2014 |  Von  |  Alle Länder, Europa, Schweiz
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Das Dorf Guarda im Engadin – Heimat des Schellen-Ursli; architektonisch wertvoll
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Viele Engadiner Dörfer sind historisch und kulturell geprägt. Ein besonderes Kleinod mit gerade mal 200 Einwohnern liegt 1653 m hoch über dem Inn auf einem Sonnenhang: Guarda. Das Dörfli ist vermutlich jedem Schweizer ein Begriff, spielt hier doch die Geschichte vom Schellen-Ursli, einem Bauernbub, der eine grosse Kuhglocke zum Ausschellen des Winters braucht…

Aber nicht nur durch das 1945 erschienene Kinderbuch von Alois Carigiet und Selina Chönz ist Guarda bekannt. Der besonders gut erhaltene Zustand des Dorfes und die typische Engadiner Baukultur wurden im Jahr 1975 mit dem Henri-Louis-Wakker-Preis gewürdigt.



Guarda gilt als eines der architektonisch wertvollsten Dörfer der Schweiz, deshalb steht es unter nationalem Schutz. Besucher haben die Möglichkeit, sich mit der Architektur und Geschichte auf einem geführten Dorfrundgang vertraut zu machen, der rund 1 ¼ Stunde dauert. Mit Bemalungen und Blumen geschmückt, prägen die mit Sgraffiti verzierten, bauchigen Häuser das Bild des Dorfes. Heimatschutz und Denkmalpflege werden hier bestens von denjenigen unterstützt, die ihre Heimat liebevoll erhalten wollen: Neben kreativen Menschen leben in Guarda Handwerker, Kunsthandwerker sowie engagierte Bauern. Sie alle sorgen dafür, dass die Einzigartigkeit ihres Dorfes erhalten bleibt.

Platz mit Schellen-Ursli-Haus in Guarda (Bild: Böhringer Friedrich, Wikimedia, CC)

Platz mit Schellen-Ursli-Haus in Guarda (Bild: Böhringer Friedrich, Wikimedia, CC)

Dass der Ort weitestgehend autofrei ist, verdankt er einem öffentlichen Parkplatz direkt am Dorfeingang: Wer mit dem Auto anreist, parkt dort. Romantisch ist eine Fahrt mit der Rhätischen Bahn. Schon das Bahnhofsgebäude in Guarda ist ein besonderes Schmuckstück. Auf dem Bahnhof geht es beschaulich zu, nur wenige Reisende klettern dort aus dem Zug. Während andere Engadiner Orte wirtschaftlich vom Tourismus profitieren und dabei manchmal ein stückweit ihre Identität aufgeben, erweist es sich für Guarda von Vorteil, dass der Ort nicht überlaufen ist und seine Ursprünglichkeit so bewahren konnte.

Bahnhof von Guarda (Bild: NAC, Wikimedia, CC)

Bahnhof von Guarda (Bild: NAC, Wikimedia, CC)




Erstmals erwähnt wurde das Dorf in einer Schenkungsurkunde aus dem Jahr 1160, damals noch „Warda“ genannt. Der Ort war ein Geschenk an den Bischof von Chur von den Edlen von Tarasp. Das Wort Warda stammt aus dem Altgermanischen und bedeutet Warte. Worauf sich der Begriff bezog, ist nicht genau bekannt. Einerseits soll vor Jahrhunderten ein alter Wachturm oberhalb der Ortschaft gestanden haben, anderseits könnte auch die Lage des Dorfes gemeint sein: Die mittelalterliche Unterengadiner Strasse erreicht in Guarda ihren höchsten Punkt. Die Aussicht über das Inntal ist auch heute noch atemberaubend.





Die Landschaft bei Guarda (Bild: Böhringer Friedrich, Wikimedia, CC)

Die Landschaft bei Guarda (Bild: Böhringer Friedrich, Wikimedia, CC)

Die heutige Substanz des Ortes geht auf die Zeit nach dem Österreicher-Sturm zurück. 1622 begann der Wiederaufbau von Guarda. Für einen sinnvollen Denkmalschutz setzt sich die Stiftung Pro Guarda ein. Die Stiftung stellt sicher, dass Altes erhalten bleibt, ohne dass man den Anschluss an die heutige Zeit verpasst. Neben dem Erhalt der typischen, mittelalterlichen Engadiner Gebäude wird die zeitgemässe Kommunikationsinfrastruktur und die Förderung von erneuerbarer Energie unterstützt. Um die Lebensqualität im Dorf zu fördern und zu erhalten, handelt die Stiftung Pro Guarda im Sinne einer auf die Zukunft ausgerichteten Denkmalpflege.



Ein paar Projekte der Stiftung stellen wir im Folgenden vor. Da gibt es beispielsweise der Dorfladen. Das Lädeli-Sterben ist leider in vielen Regionen zu beobachten. Der kleine Laden in Guarda stand Ende des vergangenen Jahrhunderts kurz vor der Schliessung. In der kleinen Gemeinde kommen ihm aber wichtige Funktionen zu: Die Versorgung mit Waren, aber auch der Treffpunkt für einen Schwatz mit den Nachbarn. Der Dorfladen gehört zum Leben im Dorf einfach dazu. Pro Guarda half der Besitzerfamilie zusammen mit der Berghilfe bei der Modernisierung und unterstützte sie auch finanziell. Heute floriert das Dorflädeli wieder und wird rege genutzt.

Dorf Guarda steht unter nationalem Schutz. (Bild: Gregory Zeier, WIkimedia, GNU)

Dorf Guarda steht unter nationalem Schutz. (Bild: Gregory Zeier, WIkimedia, GNU)

1985 kaufte die Stiftung das Haus Nr. 87, ein für eine Familie geeignetes Wohnhaus mit fünf Zimmern. Dieses wurde renoviert und die Ställe wurden ausgebaut. Dadurch bekam die Familie die Möglichkeit, eine Töpferei aufzubauen und einen Laden dort zu eröffnen. Damit wurde es ihnen ermöglicht, im Dorf Fuss zu fassen. Dass das Projekt ein Erfolg war, zeigt sich auch daran, dass dort heute Keramikkurse angeboten werden und zwei Mitarbeiterinnen Arbeit in der Töpferei fanden. Somit wurde nicht nur die Familie selbst unterstützt werden, sondern es wurde mehr Leben ins ganze Dorf gebracht.

Weitere erfolgreiche Projekte, welche die Stiftung mitfinanzierte und denen sie tatkräftige Unterstützung bot, sind beispielsweise der Spiel- und Sportplatz, der im Winter auch als Eisplatz genutzt werden kann. Erwähnenswert ist auch die Umgestaltung der Turnhalle zu einer Mehrzweckhalle. Um die Akustik dort zu verbessern, finanzierte Pro Guarda im Jahr 1996 Vorhänge. Die Halle ist heute ein Ort für kulturelle Anlässe, und ist eine Bereicherung für das ganze Dorf. 1989 erwarb die Stiftung die Webstühle und das weitere Inventar einer Weberei aus Scuol. Damit wurde eine Familie unterstützt, die eine eigene Weberei, den Heimatwerkladen und eine Korberei in Guarda gründete. Inzwischen ist das Geschäft deutlich vergrössert und die Familie konnte ein eigenes Haus erwerben.

An diesen Beispielen sieht man, dass Denkmalpflege direkt vor Ort helfen und dort viel erreichen kann. Pro Guarda setzt sich für Kultur, Tradition, Tourismus, Wirtschaftsförderung, Landschaft, Architektur und Infrastruktur ein. Die Geschichte und die Geschichten von Guarda müssen bewahrt werden, gleichzeitig soll das Dorf auch eine Zukunft bekommen. Das kleine Engadiner Dorf, die Heimat des Schellen-Ursli, steht zu Recht unter nationalem Schutz und es zeigt sich, wie modern es ist, alte Werte zu bewahren!



 

Oberstes Bild: Guarda gehört zu den wertvollsten Dörfern in der Schweiz. (© Fritschichristian, Wikimeda, CC)

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