Des Kremls verlorene Schätze: …auf dass sie es mit sehenden Augen sehen, und doch nicht erkennen

29.09.2013 |  Von  |  Alle Länder, Europa
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Des Kremls verlorene Schätze: …auf dass sie es mit sehenden Augen sehen, und doch nicht erkennen
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Viele russische Historiker sind der Meinung, dass der Moskauer Kreml zu den am wenigsten erforschten Denkmälern der russischen Geschichte gehört. Die wichtigste Sehenswürdigkeit Moskaus verbirgt viele Geheimnisse und verlorene, vergessene und verlegte Schätze.





Die Entdeckung zweier davon wurde zu einer echten Sensation für die breite Öffentlichkeit, faszinierte aber vor allem die Geschichts- und Kunstwissenschaftler und die gläubigen orthodoxen Christen.  2010 wurden nämlich zwei unschätzbare Ikonen wieder entdeckt, ohne dass sie eigentlich irgendwann verloren gegangen wären. Und wo? Gleich über den Toren in den bedeutendsten Türmen des Kremls – links und rechts vom Roten Platz. 

Die Erlöserikone über dem Erlösertor und die Nikolausikone über dem Nikolaustor galten unter den orthodoxen Gläubigen seit jeher als wunderwirkend. Doch in der jungen Sowjetunion hatten weder Gott noch die Wunder Platz. Und zwei wundertätige Ikonen gleich am Roten Platz – das war eine ziemlich unpassende Kombination. Doch die Geschichte tut manchmal ihre Wunder.

Die Nikolausikone nach der Atake der Bolschewicken 1917

Die Nikolausikone nach der Atake der Bolschewicken 1917




Noch in der Morgenröte der hellen kommunistischen Zukunft verschwanden die beiden Reliquien. Die Nischen, in welchen sie sich früher befanden, wurden weiss gestrichen und nun starrten sie den Roten Platz wie zwei weisse Leukomen an. Paraden nach Paraden fanden hier statt, Parteisekretäre nach Parteisekretären begrüssten die Massen, und das Land brauchte weder den Erlöser noch den heiligen Nikolaus.

 



Der Nikolausturm (© Andrey / Wikimedia / CC)

Der Nikolausturm (© Andrey / Wikimedia / CC)

Im neuen Russland ist die Religion wieder sehr in geworden. Im neuen religiösen Eifer fing man an, nach verloren gegangenen Ikonen zu suchen. 2007 rief die Sankt-Andreas-Stiftung die Initiative für die Wiederherstellung der Torikonen ins Leben. Da die Wissenschaftler davon ausgingen, dass die Ikonen separate Gegenstände waren, suchten sie jahrelang und ergebnislos in den Hinterräumen der Tretjakow-Galerie und anderen bedeutenden Museen Russlands.

Wahrscheinlich wurde in einem himmlischen Einfall beschlossen, die weiss gestrichenen Nischen über den Toren unter die Lupe zu nehmen.  Ende April 2010 wurde eine Probesondierung durchgeführt. Und siehe da: hinter dicker Schicht Stuck blickten die Forscher Christus der Erlöser und der Heilige Nikolaus an. Sie wurden nicht weggebracht und auch nicht vernichtet: Mehr als 70 Jahren überstanden sie unbeschädigt und wohlbehalten, versteckt hinter dem weissen Stuck wie stille und unmerkbare Zeugen des kommunistischen Experiments.





Die Erlöderikone (© Sergius / Wkimedia / CC)

Die Erlöserikone (© Sergius / Wkimedia / CC)

Keiner weiss, wie die Geschichte tatsächlich war. Die einzige brauchbare Hypothese besagt, die Kunstwerkstatt von Igor Grabar habe von der sowjetischen Regierung den Befehl empfangen, beide Kunstwerke zu vernichten. Der Graf Juri Olsufjew, der aus  der Liebe zum Vaterland nicht emigriert war, arbeitete in dieser Werkstatt. Angeblich mauerten er und andere Restauratoren die Fresken sehr professionell zu, anstatt sie zu vernichten. Über den Nischen wurde ein Netzwerk angebracht und dieses dann mit Stuck gefüllt. Dank dieser gekonnten Arbeit erlitten die Abbildungen selbst fast keinen Schaden. Als der Stuck und das Netz entfernt wurden, brauchten die Fachleute nur zwei Monate, um die Ikonen zu restaurieren.

Die Nikolausikone (© Sergius / Wikimedia / CC)

Die Nikolausikone (© Sergius / Wikimedia / CC)

Ende August 2010 wurden die Baugerüste entfernt und wieder konnten die begeisterten Gläubigen ihre Heiligtümer anbeten. Keiner zweifelt: Wieder ein Wunder!  Aber jetzt werden die Fresken durch  ein spezielles blendfreies Glas und ein Lüftungssystem geschützt. Man lernt doch aus der Geschichte. Im Prinzip auch ein Wunder…

 



 

Oberstes Bild: © Brücke-Osteuropa – Wiki

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Über Natalia Muler

Ich schreibe, seit ich schreiben kann, und reise, seit ich den Reisepass besitze. Momentan lebe ich im sonnigen Spanien und arbeite in der Modebranche, was auch oft mit Reisen verbunden ist, worüber ich dann gerne auf den Portalen von belmedia.ch berichte. Der christliche Glaube ist das Fundament meines Lebens; harmonisches Familienleben, Kindererziehung, gute Freundschaften und Naturverbundenheit sind meine grössten Prioritäten; Reisen und fremde Kulturen erleben meine Leidenschaft; Backen und Naturkosmetik meine Hobbys und immer 5 Minuten zu spät kommen meine Schwäche.


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