Die Semana Santa in Sevilla – eine andalusische Tradition

16.03.2015 |  Von  |  Alle Länder, Europa
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Die Semana Santa in Sevilla – eine andalusische Tradition
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In Andalusiens Hauptstadt Sevilla sind religiöse Traditionen noch lebendig. Die jahrhundertelange Prägung durch den Katholizismus ist nach wie vor zu spüren. Kein Bauwerk ist dafür so sehr sichtbares Symbol wie die gewaltige Kathedrale Maria de la Sede, das Wahrzeichen der Stadt und nach dem Petersdom zweitgrösste Kirche der katholischen Christenheit. Sie steht im Mittelpunkt der Prozessionen in der „Semana Santa“, der Heiligen Woche vor dem Ostersonntag, die zu den markantesten Ereignissen im Leben der Metropole gehören und jedes Jahr Hunderttausende von Besuchern und Gläubigen anzieht. Bald ist es wieder so weit, denn die Karwoche beginnt am 29. März.

In der Zeit zwischen Palmsonntag und Ostersonntag gedenken gläubige Christen auf der ganzen Welt des Leidens und Sterbens Jesu, ehe mit dem Osterfest die Auferstehung gefeiert wird. Im Gegensatz zu den deutschsprachigen Ländern, wo die Karwoche traditionell eher still begangen wird, ist sie in vielen Gegenden Spaniens mit besonderen Feierlichkeiten verbunden. Nirgendwo sonst erreichen sie aber eine solche Dimension wie in Sevilla.



Plaza Virgen de los Reyes in Sevilla (Bild: DAVID ILIFF, Wikimedia, CC)

Plaza Virgen de los Reyes in Sevilla (Bild: DAVID ILIFF, Wikimedia, CC)

Bussprozessionen der Hermandades

Im Kern handelt es sich dabei um Bussprozessionen, die während der Tage der Karwoche aus unterschiedlichen Stadtvierteln zur Kathedrale führen. Der Brauch geht auf das 16. Jahrhundert zurück. Fadrique Enríquez de Ribera, ein Adliger aus dem nahen Tarifa, richtete nach seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land 1521 einen Kreuzweg in der Stadt ein, an dessen Stationen bald regelmässig Prozessionen von Büsser-Bruderschaften Halt machten. Büsser-Bruderschaften, sogenannte Hermandades, sind in Sevilla aber schon viel früher, nämlich seit dem 14. Jahrhundert bezeugt. Sie wirkten durch öffentliche Selbst-Geisselungen, um damit um Sündenvergebung zu bitten – ein Brauch, der im Mittelalter in Europa weit verbreitet war. Im Lauf der Jahrhunderte bildete sich dann das heutige Prozessionsgeschehen in der Karwoche aus.



Tragend sind dabei nach wie vor die Hermandades, die allerdings längst das Thema „Geisselung“ abgelegt haben. Sie haben sich im Lauf der Zeit zu Vereinigungen der einzelnen Stadtviertel Sevillas entwickelt, die eng mit ihrem jeweiligen Quartier verbunden sind. Eine Hermandad verfügt meist über eine eigene Kirche oder Kapelle mit besonderen Schutzheiligen. Neben der Pflege dieses Heiligtums und der gemeinsamen Glaubensausübung widmen sich die Hermandades oft auch gemeinnützigen, karitativen und sozialen Aktivitäten in ihrem Viertel. Früher waren es reine Männer-Veranstaltungen, heute sind auch Frauen zugelassen.

Jeden Tag unter einem anderen Motto

Während jedes Tages der Karwoche finden Prozessionen statt. Sie nehmen üblicherweise ihren Ausgang an der Kirche oder Kapelle der jeweiligen Bruderschaft und ziehen dann durch die Stadt bis zur Kathedrale. Der letzte Teil der Strecke, die „carrera oficial“ ist dabei für alle Prozessionen gleich, ansonsten hat jede je nach ihrem Ausgangspunkt einen individuellen Weg. Aus den entfernteren Stadtteilen dauert es manchmal einige Stunden, bis die Prozession ihr Ziel – die Kathedrale – erreicht hat. In dem Gotteshaus findet dann die abschliessende Bussstation statt. Jeder Bruderschaft ist dabei ein bestimmter Tag in der Semana Santa für ihren Zug zugewiesen, der auch thematisch genau definiert ist. So wird am Palmsonntag des Einzugs Jesu in Jerusalem auf einem Esel gedacht, am Heiligen Montag („Lunes Santo“) steht der verräterische Judaskuss im Fokus, am Heiligen Dienstag („Martes Santo“) die Gefangennahme Jesu und so weiter.





Prozession auf dem San-Lorenzo-Platz in Sevilla (Bild: José Luis Filpo Cabana, Wikimedia, GNU)

Prozession auf dem San-Lorenzo-Platz in Sevilla (Bild: José Luis Filpo Cabana, Wikimedia, GNU)




Die Prozession – ein Kraftakt

Zwischen Palmsonntag und Karfreitag ziehen so täglich mindestens ein halbes Dutzend Prozessionen durch die Stadt. Jede Prozession folgt dabei einem bestimmten Aufbau:

  • an der Spitze wird das Kreuz („Cruz de Guía“) praktisch als Leitzeichen geführt. Manchmal schliesst sich daran bereits eine Kapelle an;
  • es folgen die “Nazarenos del Cristo“: es handelt sich dabei um den ersten Teil der Büsser. Sie fallen durch ihre langen Tuniken, die Gesichtsmasken und die spitzen (an den Ku-Klux-Klan erinnernden, aber damit nicht in Zusammenhang stehenden) Kapuzen auf – ein ebenso eindrucksvolles wie einschüchterndes Bild. Die Nazarenos tragen lange Kerzen und andere Insignien;
  • daran schliesst sich der „Paso del Christo“ an, eine figürliche Darstellung einer Szene aus der Leidensgeschichte Jesu entsprechend dem Tagesmotto. Die Figuren werden von mehreren Dutzend kräftigen Männern getragen, die unter einem Aufbau weitgehend verdeckt sind. Meist schliesst sich daran eine (weitere) Kapelle mit getragener Marschmusik an;
  • dann folgt der zweite Teil der Büsser, die „Nazarenos de la Virgen“, manchmal auch in anderem Aufzug als die erste Büsser-Gruppe;
  • den Abschluss bildet der „Paso de la Virgen“ mit einem baldachinüberdeckten und kerzengeschmückten Marienbild, das ebenfalls von mehreren Männern getragen wird. Meist wird es wieder von einer Kapelle begleitet. Viele sehen in diesem Bild das eigentliche Highlight der Prozession. Auf die Erscheinung und Aufmachung der Jungfrau wird dabei besonders geachtet. Die Marienverehrung ist in Andalusien ausgeprägter als woanders und birgt durchaus auch erotische und heidnische Komponenten.

So drängt sich der Zug durch die zum Teil dichten Menschenmassen zur Kathedrale. Zum Prozessionszug gehört auch die „Saeta“. Das ist ein aus dem Flamenco abgeleiteter Gesang, der von einzelnen Sängern oder Sängerinnen von Balkonen entlang der Prozessionsstrecke „a cappella“ vorgetragen wird. In der Regel widmet sich der Text dem mitgeführten Marienbildnis.

Ein mystisches Erlebnis

Der Höhepunkt der Semana Santa bildet die „Madrugá“, die Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag. Ab Mitternacht finden dann die wichtigsten Prozessionen der Semana Santa statt und ziehen sich bis in den kommenden Vormittag. Das flackernde Kerzenlicht in der Dunkelheit, die Kapuzengestalten, die Begleitmusik und Gesänge verleihen dem Ganzen eine mystische Atmosphäre. Auch wer dieser Art der Glaubensbekundung fern steht, kann sich spätestens jetzt der Faszination der Aufmärsche nicht entziehen.

Ein Besuch von Sevilla in der Semana Santa bietet Ihnen die Möglichkeit, etwas von der andalusischen Seele zu erfahren. Dem Mitteleuropäer mag diese Form der Volksfrömmigkeit fremd und fern erscheinen. Im Süden der iberischen Halbinsel ist sie eine selbstverständliche Tradition. Ihre Wurzeln reichen weit in die Vergangenheit zurück, manchmal sogar bis in vorchristliche Zeit. Die Osterzeit ist übrigens eine der schönsten Termine für eine Andalusien-Reise. Im Frühling zeigt sich Spaniens südlichste Provinz mit ihrem grünen und blühenden Antlitz besonders reizvoll.



 

Oberstes Bild: Ein Besuch der Semana Santa in Sevilla ist ein besonderes Erlebnis. (© Posible2006, Wikimedia, CC)

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Über Stephan Gerhard

ist seit Jahren als freier Autor und Texter tätig und beschäftigt sich bevorzugt mit Themen rund um Finanzen, Geldanlagen und Versicherungen sowie Wirtschaft. Als langjähriger Mitarbeiter bei einem Bankenverband und einem grossen Logistikkonzern verfügt er über umfassende Erfahrungen in diesen Gebieten.

Darüber hinaus deckt er eine Vielzahl an Themen im Bereich Reisen, Tourismus und Freizeitgestaltung ab. Er bietet seinen Kunden kompetente und schnelle Unterstützung bei der Erstellung von Texten und Präsentationen.


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