Eine Klosterfestung im Weissen Meer – Das Solowezki-Kloster

17.04.2015 |  Von  |  Europa
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Es gibt immer noch Gegenden in Europa, die uns endlos weit entfernt scheinen und selten in den Blick geraten. Dazu gehört fraglos die Region um das Weisse Meer im nördlichen Russland. Hier existiert fast unberührte Natur und sind noch menschenleere Landschaften zu finden. 

Nur an wenigen Orten konzentriert sich in den riesigen Weiten des russischen Nordens die moderne Zivilisation. Trotzdem weist auch dieses ferne Gebiet grossartige Kulturdenkmäler auf, die man hier nicht vermuten würde – wie das Solowezki-Kloster.

Das Weisse Meer – unbekannte See

Mit einer Fläche von gut 90.000 Quadratkilometern ist das Weisse Meer etwas mehr als doppelt so gross wie die Schweiz. Genau genommen handelt es sich nicht um ein eigenes Meer, sondern um einen tiefen Einschnitt der Barentssee in die russische Landmasse – ein sogenanntes Randmeer. Im Westen werden die Gewässer durch die Halbinsel Kola und Karelien begrenzt – eine Landschaft, die praktisch eine Fortsetzung der finnischen Seen und Wälder auf russischem Boden darstellt. Im Süden und Osten erstreckt sich das Oblast Archangelsk. Die Hafenstadt Archangelsk ist gleichzeitig das urbane Zentrum des ganzen riesigen Gebiets.

Trotz der nördlichen Lage verfügt das Weisse Meer über eine erstaunlich vielfältige Tierwelt. Grönland-Robben überwintern gerne in seinem Umfeld, ausserdem sind hier zahlreiche Weisswale zu finden. Im Sommer brüten viele Meeresvögel auf den Inseln. Und unterhalb der Wasseroberfläche gibt es u.a. bunte Seesterne, Korallen und Muscheln zu entdecken. Das Klima ist ausgesprochen kontinental. Im Winter kann das Thermometer auf bis zu -30 Grad Celsius fallen, dann frieren grosse Teile des Meeres zu. Dafür sind die Sommer recht warm. Das Wasser erreicht im Hochsommer Temperaturen zwischen 15 und 20 Grad und eignet sich sogar zum Baden.


Trotz der nördlichen Lage verfügt das Weisse Meer über eine erstaunlich vielfältige Tierwelt. (Bild: © Gorshkov Igor - shutterstock.com)

Trotz der nördlichen Lage verfügt das Weisse Meer über eine erstaunlich vielfältige Tierwelt. (Bild: © Gorshkov Igor – shutterstock.com)


Die Solowezki-Inseln 

Ein Besuch im Solowezki-Kloster führt auf den gleichnamigen Insel-Archipel mitten im Weissen Meer. Die Inseln liegen im südlichen Bereich des Meeres am Ausgang der weiträumigen Onega-Bucht. Der Archipel besteht aus den drei grösseren Inseln Gross-Solowezki, Anserski und der Grösseren Muksalma, darüber hinaus gibt es zahlreichere Klein- und Kleinstinseln. Auf dem ganzen Archipel leben weniger als tausend Menschen, die meisten davon im Umfeld des Klosters auf der Hauptinsel Gross-Solowezki. Man befindet sich hier etwas mehr als 500 Kilometer nördlich von Sankt Petersburg. Trotzdem liegen die Solowezki-Inseln immer noch südlich des Polarkreises. Er ist etwa 160 Kilometer entfernt.

Angesichts dieser abgeschiedenen Position überrascht es, an diesem Ort einen solch grossartigen Baukomplex zu finden. Bis heute gilt das Solowezki-Kloster als eines der wichtigsten Zentren der russischen Orthodoxie im Norden. Über Jahrhunderte wurden die Archimandriten des Klosters – etwa einem Abt vergleichbar – direkt von dem russischen Patriarchen oder dem Zaren ernannt.

Ein Ort für Einsamkeit und Gottesnähe

Die Anfänge waren bescheiden. Im Jahre 1429 soll der Mönch Sawatti zusammen mit dem Einsiedler German auf der Suche nach Einsamkeit und Gottesnähe mit einem Boot zu den unbewohnten Solowezki-Inseln aufgebrochen sein. Später folgten andere Mönche und unter Sawattis Nachfolger Sossima wurde ein Kloster auf Gross-Solowezki erbaut. Die Neugründung blühte schon bald auf. Es folgten ständige Erweiterungen und auf den Nachbarinseln wurden weitere Dependancen errichtet. Durch Wirtschaft und Handel gelangte das Solowezki-Kloster schnell zu wachsendem Wohlstand. Es wurde so etwas wie das ökonomische und zivilisatorische Zentrum der ganzen Region. Salz, Fische, Pelze, Eisenverarbeitung und Perlengewinnung bildeten die Grundlagen seines Reichtums. Im 16. Jahrhundert lebten hier bereits 350 Mönche sowie rund 700 Handwerker und Bauern mit ihren Familien, mehr Menschen als heute.

Der Wohlstand hatte Folgen. Das Solowezki-Kloster wurde aufgrund seiner Lage und Bedeutung bald in politische und religiöse Auseinandersetzungen verwickelt. Dies ist der Grund, warum das Kloster nicht nur mit sakralen Bauwerken ausgestattet, sondern später auch gezielt zur Festung ausgebaut wurde. Wer das Kloster besucht, sieht zunächst eine mauerumsäumte, trutzig wirkende Anlage, die sich fast unvermittelt aus der umgebenden Land- und Wasserfläche zu erheben scheint.


Das Solowezki-Kloster ist ein Ort für Einsamkeit und Gottesnähe. (Bild: © lisovsergey - shutterstock.com)

Das Solowezki-Kloster ist ein Ort für Einsamkeit und Gottesnähe. (Bild: © lisovsergey – shutterstock.com)


Im Mittelpunkt von Politik und Religion 

Die Mönche mussten im Lauf der Zeit manche Belagerung überstehen. Denn die Solowezki-Inseln besassen lange eine strategisch herausgehobene Position im hohen Norden. Sie lagen im Grenzland, in der frühen Neuzeit hatte die Grossmacht Schweden ihren Einflussbereich weit nach Osten vorgeschoben. Im 16. und 17. Jahrhundert gab es mehrere schwedische Angriffe, die erfolgreich abgewehrt wurden. 1702 startete Zar Peter der Grosse von hier aus Attacken auf die schwedischen Festungen an der Onega-Bucht. Damals lagen die Solowezki-Inseln sozusagen im Zentrum der Grossmacht-Politik. Die letzte Beschiessung erfolgte übrigens im 19. Jahrhundert – und zwar durch englische Schiffe im Rahmen des Krim-Krieges.

Auch bei religiösen Streitigkeiten spielte das Kloster eine wichtige Rolle. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war es ein Hort der Opposition gegen die Kirchenreformen des Patriarchen Nikon. Der hatte selbst zuvor auf einer der Inseln des Archipels als Einsiedler gelebt. Das Kloster wurde damals zu einem Zentrum der Altgläubigen, die sich von der offiziellen orthodoxen Kirche abgespalten hatten und noch heute existieren. 1676 setzte die Eroberung durch vom Patriarchen entsandte Truppen der Rebellion an diesem Ort ein Ende.

Keimzelle des Archipels Gulag 

Danach wurde das Kloster zu einer gerne genutzten Verbannungsstätte für Oppositionelle gegen die kirchliche und weltliche Obrigkeit. So mancher der Bewohner in der späten Zarenzeit verbrachte seinen Aufenthalt hier nicht freiwillig. Die abgeschiedene und isolierte Lage des Klosters mit seinen massiven Mauern prädestinierte den Ort geradezu für den Zweck als Exil-Gefängnis. Die kommunistische Kotoberrevolution setzte dem mönchischen Leben ein Ende. Das Kloster wurde geschlossen.


Ein Bild des Klosters um 1917. (Bild: © Unbekannt - CC BY-SA 2.0)

Ein Bild des Klosters um 1917. (Bild: © Unbekannt – CC BY-SA 2.0)


Damit sollte die düsterste Epoche in der Klostergeschichte aber erst beginnen. Nahtlos anknüpfend an die Gefängnis-Tradition der Zarenzeit wurde noch in der Lenin-Ära im Bereich des Klosters ein Arbeitslager eingerichtet. Die ersten Gefangenen trafen schon 1920 an, 1923 waren es bereits 3.000, unter Stalin sollten bis zu 70.000 Häftlinge hier festgehalten werden. Das Solowezki-Lager gilt als Keimzelle und Prototyp des berühmt-berüchtigten „Archipels Gulag“ – des sowjetischen Lager-Systems zur Unterdrückung tatsächlicher oder vermeintlicher Oppositioneller, das Alexander Solschenizyn so eindrucksvoll beschrieben hat. Tausende Häftlinge starben hier an Krankheiten, Misshandlungen, mangelhafter Versorgung und unmenschlichen Bedingungen.

Ein Erinnerungsort 

Heute ist wieder klösterliches Leben an diesen Ort zurückgekehrt und wenig erinnert an die Zeit des sowjetischen Lagersystems. Wehrhaft wirkt die Klosterfestung mit ihren bis zu elf Meter hohen Mauern, den wuchtigen Türmen mit ihren spitzen Hauben und den niedrigen Toren dabei allemal. Gewaltige Steinquader bestimmen das Mauerwerk, das sich dem Betrachter in einer Mischung aus Rot, Braun und Grau präsentiert. Die weissen Kloster- und Kirchenbauten mit ihren charakteristischen Zwiebeltürmen zeigen einen bemerkenswerten Kontrast dazu. Die Verklärungs-Kathedrale, die Himmelfahrts-Kathedrale und die Verkündungs-Kathedrale – alle aus dem 16. Jahrhundert – bilden den baulichen und ideellen Mittelpunkt der Anlage. Um die Kathedralen gruppieren sich die umfangreichen Klostergebäude, dazu gehören weitere Kirchen und Kapellen, der Glockenturm und eine Wassermühle. Sie bilden heute zusammen ein eindrucksvolles museales Baudenkmal innerhalb der mächtigen Festungsmauern.



Das Solowezki-Kloster ist wie kaum ein Ort ein Spiegel und Symbol der wechselvollen russischen Geschichte, die grossen Glanz, Macht und Prachtentfaltung ebenso kennt wie menschliches Leid, Elend und Unterdrückung. Daran sollte man sich an diesem Ort, der so malerisch in der Inselwelt des Weissen Meers liegt, auch erinnern.

 

Oberstes Bild: © irakite – shutterstock.com

Über Stephan Gerhard

ist seit Jahren als freier Autor und Texter tätig und beschäftigt sich bevorzugt mit Themen rund um Finanzen, Geldanlagen und Versicherungen sowie Wirtschaft. Als langjähriger Mitarbeiter bei einem Bankenverband und einem großen Logistikkonzern verfügt er über umfassende Erfahrungen in diesen Gebieten.

Darüber hinaus deckt er eine Vielzahl an Themen im Bereich Reisen, Tourismus und Freizeitgestaltung ab. Er bietet seinen Kunden kompetente und schnelle Unterstützung bei der Erstellung von Texten und Präsentationen.


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