Eine planlose Segelreise von Neuseeland in die Südsee

13.01.2016 |  Von  |  Pazifik
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Eine planlose Segelreise von Neuseeland in die Südsee
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Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, auf einem alten Piratenschiff quer über den Ozean zu segeln? Doch kann das ohne Segelkenntnisse gut gehen?

Vor mir liegt ein grosses Abenteuer: Mein Freund Tobias und ich, Helena, heuern auf einem 100 Jahre alten Segelschiff an. Es liegt im Hafen von Russell, einem kleinen Fischerort auf Neuseelands Nordinsel, vor Anker. Das ferne Ziel soll eine Südseeinsel sein. Hinaus aufs weite Meer. Wasser und Himmel, soweit das Auge reicht. Und das bei Tag und bei Nacht. Die Sonne weckt dich in der Früh und lässt dich am Abend innehalten, wenn sie in ihren prachtvollsten Farben wieder am Horizont verschwindet. In der Nacht navigierst du den Weg nach den Sternen.

Ein Lebensalltag, der dich auf das Wesentliche zurückbesinnen lässt. Hier bist nur du und lebst im Rhythmus der Gezeiten. Du befindest dich auf dem Weg, doch kannst du das Ziel nur mit Hilfe des Windes erreichen, der dich vorantreibt. Mal schneller und mal langsamer. Und die Wellen schaukeln dich beruhigend in den Schlaf.

Die Vorbereitungszeit

Die „Alvei“ ist ein alter Dreimaster. Hier gibt es allerhand zu tun, um das Schiff seetüchtig zu machen. Doch was uns fehlt, ist mehr Crew. Wir sind nur zu dritt: eine 22-jährige Engländerin, mein Freund und ich, plus unser brummeliger Käpt‘n. Ein Seemann, wie er im Buche steht. Mit blau-weissem Hemd,  Halstuch und Seemannsmütze, unter der zwei lustige grosse Ohren hervorlugen. Sein braun gebranntes Gesicht wirkt verwittert, von der Sonne gegerbt, aber freundlich. Lässt sich dieses 35 Meter lange Segelschiff zu viert über den Ozean bis nach Fiji segeln?

So malen wir kurzerhand Flyer und ziehen los, mehr Crew zu finden. Ein lustiger Franzose und ein amerikanisches Pärchen finden sogleich Gefallen am alten Seemannsleben. Von da an leben und arbeiten wir zwei Monate lang auf der „Alvei“, wie in einer Kommune. Jeder weiss um des anderen Stärken und Schwächen.

An jedem Tag hämmern, streichen, hobeln und scheuern wir an Deck des Segelschiffs, in das der Käpt‘n einst viel Liebe steckte. Wir klettern in den Masten herum und prüfen die Seile. Flicken die Segel und säubern die Tanks unter Deck. Doch Segeln lernen wir hier nicht.


Tobi klettert in den Masten herum und prüft die Seile.

Tobi klettert in den Masten herum und prüft die Seile.


Es gleicht einem Lebensalltag wie vor 100 Jahren. Eine Dusche gibt es nicht an Bord. Zum Waschen dient ein Eimer Meerwasser, oder aber man springt über die Reling.

Abends sitzen wir in der Schiffskombüse beisammen, spielen Karten und erzählen uns Geschichten aus fernen Ländern. An manchen Abenden gesellen sich auch einheimische Fischer dazu, denn im kleinen Ort Russell sind wir längst zu einer Attraktion geworden. So wird bei Rum und Kerzenschein so mancher Seemannsgarn gesponnen.


So wird bei Rum und Kerzenschein so mancher Seemannsgarn gesponnen.

So wird bei Rum und Kerzenschein so mancher Seemannsgarn gesponnen.


So könnte es ewig weitergehen, wenn nicht eines Tages ein Abschied naht. Zugegeben, Abenteuer wird an Bord der „Alvei“ gross, Sicherheit eher klein geschrieben. Doch was, wenn dir jeder Seemann im Hafen von dieser Reise abrät? Was, wenn die Hälfte der Crew kurz vorm endgültigen Segelhissen wieder von Bord geht? Wie viel bist du persönlich bereit, für ein Abenteuer wie diese Segelreise zu riskieren?

Ein anonymer Warnbrief erreicht uns kurz vor Abfahrt. Was sollen wir tun? 


Ein anonymer Warnbrief

Ein anonymer Warnbrief


Auf hoher See

Es gleicht fast einem Wunder, doch einige Tage später kommen vier neue Crewmitglieder an Bord. Nun sind wir zu sechst plus unser Käpt‘n. Wir sind alles Backpacker, die vom Segeln absolut keinen Plan haben. Und unser Käpt‘n ist zu müde, es uns beizubringen. Auch wenn wir ihn jeden Tag aufs Neue darum bitten. Trotzdem ist nun der Tag des endgültigen Segelhissens gekommen.

Was lang ersehnt, wandelt sich irgendwann zum Albtraum.

Eigentlich wusste ich es ganz genau. Die Seekrankheit hält mich ganze 12 Tage über der Reling. Es ist einfach zum Kotzen.


Helena kotzt über die Reling

Helena kotzt über die Reling


Ob bei Regen oder Sturm, bei unseren Schichten gilt es: Augen, Ohren und Nase auf und immer gut festhalten. Denn die nächste Welle kommt bestimmt.

Danach verkrümeln wir uns in den Kojen. Hier ist es feucht und kalt. Alles stinkt. Schnell einschlafen, denn in wenigen Stunden wirst du wieder geweckt und musst hinaus in die Dunkelheit. Es zerrt an den Kräften. An Schlaf ist kaum zu denken. Das alte Schiff ächzt und kracht und an Deck rumpelt es laut. Es schwankt unaufhörlich. Müde Gesichter zu jeder Tages und Nachtzeit.

Vier Stunden Schicht lösen sich mit vier Stunden Freizeit ab. Zusätzlich ist jeder von uns einen Tag lang der Koch für die ganze Meute. Kochen ist gar nicht so einfach, wenn alles aus den Regalen purzelt und auch die Suppe bei hohem Seegang nicht im Topf bleiben mag.


Rennfahrerin Helena

Rennfahrerin Helena


Die Wellen schaukeln unser Schiff zu allen Seiten. Fünf, sechs Meter kracht die Bugspitze hinunter in die Tiefen des Meeres. Und wieder hinauf. Es gleicht einer Achterbahnfahrt. Doch du weisst ganz genau, aus dieser Fahrt kannst du nicht so einfach aussteigen. Das kann noch ewig so weiter gehen. Ich kralle mich am Steuerrad fest, doch die Welle ist zu stark und reisst mich hinunter.

Welch ein Glück, dass wir als Crew so sehr aufeinander aufpassen. Denn es ist stockfinster. Wenn du den Halt verlierst und über die Reling gerissen wirst, bist du verloren.

So manches Segel hat der Sturm zerrissen. Es wird ein langer Weg nach Fiji werden.


Zerfetztes Segel

Zerfetztes Segel


Irgendwann lässt der Sturm nach, die Seekrankheit schwindet und langsam schippern wir nun dahin. An manchen Tagen drehen wir uns im Kreis. 

Das wir uns unserem Südseetraum langsam nähern, lässt sich auch an der ansteigenden Wärme des Meeres festmachen. An manchen Tagen könnten wir schneller schwimmen als segeln. Das machen wir auch und lassen uns immer wieder an einem lose hängenden Seil hinunter in den Pazifik schwingen. Mit lautem Gejohle stürzen wir uns in die Tiefe des Ozeans, von dem sich die kleinen und grossen Fische nicht verscheuchen lassen. Auch Wale und Delfine begleiten uns. Wunderbar, den Bewegungsradius nach Wochen des Gefangenfühlens endlich zu erweitern.

An einem Abend stehen sich Sonne und Vollmond am Horizont gegenüber. Was folgt, ist ein Farbenspiel, wie ich es mit blossen Worten kaum beschreiben kann. Alles ist friedlich und still. Alles bis auf die unermüdlichen Wellen des Meeres, die um unsere Schiffswände spülen.

Das schwache Zauberlicht hat sich schon bald in ein purpurfarbenes Dämmerlicht gewandet. Es glitzert zu allen Seiten auf der Wasseroberfläche. Langsam wird es immer dunkler. Wir schauen gebannt in die Ferne. Irgendwann ist es stockdunkel um uns herum geworden. Dunkle Wolken haben Mond und Sterne bedeckt. Und mit den Wolken kam der Wind, der uns mässig vorantreibt. Majestätisch gleitet unser Segelschiff mit seinen hohen Masten in die stockfinstere Nacht dahin.


Logbuch und Karte

Logbuch und Karte


Es ist eine Segelreise nach traditioneller Art. Jede Stunde führen wir ein Logbuch und ermitteln unsere Position auf alten Seefahrerkarten. Der Kompass gibt uns die Richtung vor, immer nach Norden.

Über einen Monat auf dem weiten Meer. Irgendwann wollen wir alle nur noch ankommen.


Helena's Blick in die Ferne

Helena’s Blick in die Ferne


Land in Sicht! Nach 34 Tagen auf hoher See erreichen wir lang ersehntes Land! Bula Fiji! Hallo Fiji!

Alle Mann von Bord

Am Ende haben wir nicht nur 1400 Seemeilen den Pazifik überquert, unzählige Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge erlebt, sondern auch 100 Tage lang auf einem alten Segelschiff gelebt, was uns auf eine Reise in ein Leben längst vergessener Zeiten führte.


Alvei Rettungsring

Alvei Rettungsring


Wie glücklich bin ich, wieder festen Boden unter meinen Füssen zu spüren. Wie bedeutsam unser Leben doch ist und welch grossen Einfluss die Gewalten Wasser und Wind haben können, denen wir uns in manchen Situationen nicht anders als beugen können.

Mit den einfachsten Mitteln haben wir es geschafft, uns das Leben an Bord so angenehm wie möglich zu gestalten. Wir hatten kein Geld für neue Segel, darum haben wir sie einfach geflickt. Hier rätselte man nicht lang über ein Problem, man nahm sich dessen an und versuchte das, was eben möglich war.

Ich habe den Aufenthalt an Bord geliebt, gehasst, verflucht und neben Freud war Leid. Es war ein grosses Abenteuer. An jedem Rat, an jeder Warnung war etwas Wahres dran.

So kann ich diese Segelreise an Bord der „Alvei“ keinesfalls mit gutem Gewissen weiterempfehlen!

Erfahrt im kompletten Reisetagebuch alles vom ersten Tag der Vorbereitungszeit, den Tagen und Wochen auf hoher See, den Höhen und Tiefen sowie den abschliessenden Gedanken nach 100 Tagen an Bord auf aroundworld.de.

Taucht ein in eine längst vergessene Welt und segelt in Gedanken mit über den Ozean!

Fazit

Abenteuer wie diese Segelreise auf der „Alvei“ lassen dich an deine Grenzen stossen, bringen dich in Situationen, in denen dein Leben und das der anderen in Gefahr ist. Es führt dir vor Augen, wie essenziell Teamarbeit und voneinander Lernen sind. Es erinnert dich daran, wie kostbar dein Leben ist. Die Segelreise auf der „Alvei“ wird zu den grössten Abenteuern in meinem Leben zählen.

Mein Tipp für Abenteurer, die ähnliches suchen

Auf diversen Internetseiten wie Hand-gegen-Koje, Facebook oder Crewbay eröffnet sich euch ein grosses Angebot, um als Crewmitglied auf einem Schiff anzuheuern. Einige Segler setzen explizit Segelerfahrungen voraus. Würde ich mich wieder für eine Segelreise entscheiden, würde ich mich wie viele Backpacker persönlich am Hafen umsehen und die Kapitäne ansprechen.

Einige bieten sogar eine Probezeit an Bord an. So kannst du einen direkten Eindruck erhalten, ob solch eine Reise überhaupt zu dir passt. Zudem bieten Informationstafeln in Yachtclubs oftmals eine Vielzahl von Crewgesuchangeboten, auf die man sich bewerben kann. Die „Alvei“ können wir nun aus erlebter Erfahrung mangels der Sicherheit an Bord nicht mit gutem Gewissen weiterempfehlen.

 

Artikelbilder: © Helena Sonnen und Tobias Retzlaff

Über Helena Sonnen und Tobias Retzlaff

Seit Oktober 2014 hat das Backpackerpaar Helena (28) und Tobias (28) die Grossstadt Berlin hinter sich gelassen. Nun suchen sie ihr Glück gemeinsam in der Ferne. Nach einer Working-Holiday-Zeit in Australien folgte ein Roadtrip durch Neuseeland und im Anschluss ein dreimonatiges Segelabenteuer auf hoher See.
Zurzeit reisen sie mit der Bahn quer durch Asien.
Auf ihrem Blog aroundworld.de halten die Kunststudentin und der Filmschaffende ihre Erlebnisse in Reiseberichten und Tagebüchern fest. Schenken in Kurzfilmen Einblicke in ihre Abenteuer und geben Anleitungen und Hilfestellungen für Reisende, die Ähnliches suchen.


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