Gent – stolze Stadt mit grosser Tradition im belgischen Flandern

19.05.2015 |  Von  |  Europa
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Als touristisches Ziel steht das alte Tuchhandelszentrum Gent etwas im Schatten des nahen Brügge. Zu Unrecht, denn ähnlich wie ihre flandrische Schwester verfügt die Stadt im Nordwesten Belgiens über viele bauliche Sehenswürdigkeiten aus der Zeit, als sie eines der bedeutendsten urbanen Zentren Europas war.

Anders als in Brügge leidet der Besucher aber in Hochsaison-Zeiten in Gent auch nicht unter akutem Platzmangel. Dennoch ist Gent eine lebendige und quirlige Stadt, die viele Facetten hat. Mit fast 250.000 Einwohnern bildet sie nach Brüssel und Antwerpen die drittgrösste Metropole Belgiens. Mehr als 65.000 Studenten der Universität und mehrerer anderer Hochschulen verleihen der Stadt trotz vieler historischer Bauten ein jugendliches Flair.



Durch den Tuchhandel reich geworden

Als Standort und Ausgangspunkt für eine Erkundung dieses Teils Belgiens liegt die Stadt nahezu ideal. Sie befindet sich ziemlich genau in der Mitte eines Dreiecks, dessen Eckpunkte Brüssel, Antwerpen und Brügge bilden. Alle drei Städte liegen jeweils nur zwischen vierzig und fünfzig Kilometer von Gent entfernt und sind binnen Stundenfrist zu erreichen. Nicht viel weiter ist es an die Seebäder an der belgischen Nordseeküste.

Das historische Stadtbild im Zentrum verdankt Gent seiner Glanzzeit im Mittelalter. Damals war Flandern so etwas wie die Boomregion Europas. Flachs und Leinen bildeten die Grundlage einer blühenden Wirtschaft und einer prosperierenden Textilindustrie. Die Städte der gesamten Region wurden durch den Tuchhandel reich – so auch Gent. Im 11. Jahrhundert lebten bereits 50.000 bis 60.000 Menschen in der Stadt.

Damals konnten in Europa nur die grossen norditalienischen Städte und Paris mit Gent mithalten. Der Wohlstand drückte sich in den Bauwerken aus. Grosse Kirchen entstanden, daneben aber auch viele Kaufmannshäuser und profane Zweckbauten wie die Tuchhalle. Allmählich konnten sich die Bürger von der Vorherrschaft der Grafen von Flandern lösen und errangen eine gewisse Autonomie. Aus diese Zeit nimmt auch die Bezeichnung Gents als „die stolze Stadt“ Bezug.


Einer der Genter Kanäle mit einem typischen Sightseeing-Boot. (Bild: © Raphael Markert / Wikipedia / <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en" target="_blank">CC</a>)

Einer der Genter Kanäle mit einem typischen Sightseeing-Boot. (Bild: © Raphael Markert / Wikipedia / CC)


Ein flämisches Venedig

Wie so oft profitierten einige Bürger mehr von dem Reichtum als andere, es kam zu inneren Konflikten und Bürgerkriegen. Die nachmittelalterliche Geschichte Gents ist verwirrend und von vielen fremden Herren geprägt. Ab 1522 gehörte die Stadt zum Reich der Habsburger, zuerst als Teil der sogenannten spanischen Niederlande, dann später der österreichischen Niederlande.

In dieser Zeit kam es zu einem dramatischen wirtschaftlichen Niedergang. Erst die napoleonische Ära brachte einen Umschwung. Im Zeitalter der Industrialisierung erlebte die Textilbranche in Gent einen erneuten Aufschwung. Dem 1830 gegründeten Kunststaat Belgien trat die Stadt nur widerwillig bei. Die Skepsis gegenüber dem belgischen Königreich ist bis heute in ganz Flandern lebendig.

Gent ist eine Stadt am Wasser. Sie liegt am Zusammenfluss von Schelde und Leie. Darüber hinaus durchzieht ein Netz von künstlich angelegten Wasserstrassen und Kanälen das gesamte Stadtgebiet, so dass manchmal der Eindruck eines flämischen Venedigs aufkommt. Der bedeutendste Wasserweg ist der Zeekanaal Gent–Terneuzen.

Er verbindet Gent mit der Westerschelde in den Niederlanden und der Nordsee. Obwohl im Binnenland gelegen ist Gent daher auch eine wichtige Hafenstadt. Hier befindet sich nach Antwerpen und Zeebrügge der drittgrössten belgische Seehafen. Der Position am Wasser hat die Stadt auch ihren Namen zu verdanken. „Gent“ kommt vom keltischen „Ganta“, was so viel wie Zusammenfluss bedeutet.


Sankt Nikolaus-Kirche und Belfried im historischen Zentrum von Gent. (Bild: © Emi Cristea - shutterstock.com)

Sankt Nikolaus-Kirche und Belfried im historischen Zentrum von Gent. (Bild: © Emi Cristea – shutterstock.com)


Das Wahrzeichen – die drei Türme

In Gents historischem Zentrum gibt es fast 10.000 geschützte Baudenkmäler aus unterschiedlichen Epochen. Die Silhouette der Innenstadt wird durch drei Türme bestimmt – den Turm der Bavo-Kathedrale, den sogenannten Belfried und den Turm der Sankt Nikolaus-Kirche. Diese drei Türme – „de drie torens“ – formen mit annähernd gleicher Höhe eine gerade Linie und sind seit dem späten Mittelalter ein Genter Wahr- und Erkennungszeichen.

Die Sankt Bavo-Kathedrale ist die Domkirche des Bistums Gent. Sie ist Sankt Bavo, einem lokalen Heiligen aus dem Frühmittelalter, geweiht. Äusserlich zeigt sich die Kathedrale als ein typisches Werk der Gotik, im Inneren präsentiert sie vor allem barocke Ausstattung. Ihr wertvollstes Stück ist der Genter Altar – ein gotischer Dreiflügelaltar, der die Anbetung des Lammes zum Thema hat. Er gilt als ein Meisterwerk der frühen niederländischen Malerei.

Der Belfried ist ein profaner Glockenturm, der ein charakteristisches Merkmal vieler flämischer Städte darstellt. Er bildet zusammen mit der angrenzenden Tuchhalle eine bauliche Einheit. Die Tuchhalle wurde bereits im 15. Jahrhundert begonnen, aber erst im 19. Jahrhundert nach den ursprünglichen Plänen fertiggestellt. Ebenfalls gotisch ist die Sankt Nikolaus-Kirche, die Trägerin des dritten Turms. Kirchen und Klöster hat Gent noch viele zu bieten.

Auch die drei Beginenhöfe der Stadt hatten ursprünglich religiösen Charakter. Beginenhöfe sind eine typisch flämische Einrichtung. Es handelt sich um klosterähnliche geschlossene Wohnanlagen, in denen Frauen nach festgelegten christlichen Regeln lebten, ohne die Ordensgelübde einer Nonne abzulegen. Zwei davon – der Begijnhof „Onze Lieve Vrouw“ Ter Hoyen und der Groot Begijnhof Sint Elisabeth at Sint Amandsberg – sind heute Teil des UNESCO-Weltkulturerbes „Flämische Beginenhöfe“.


Eindrucksvoll - die Burg Grafenstein in Gent. (Bild: © Maros M r a z / Wikipedia / <a title="creativecommons.org - Creative Commons" href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en" target="_blank">CC</a>)

Eindrucksvoll – die Burg Grafenstein in Gent. (Bild: © Maros M r a z / Wikipedia / CC)


Trutzig – Burg Grafenstein

Den eindrucksvollsten weltlichen Bau Gents bildet sicher die Burg Grafenstein. Es handelt sich um den ältesten und bedeutendsten Burgbau Flanderns. Grafenstein wurde auf den Resten einer alten Wikingerfeste als romanische Wasserburg errichtet. Sie wurde lange Zeit von den Grafen von Flandern als Residenz genutzt. Ihre wuchtigen Mauern und ihre zahlreichen runden Türme weisen aber auch auf ausgesprochene Wehrhaftigkeit hin – kein Zufall, denn der Bau diente unter anderem dazu, die immer wieder aufsässigen Genter Bürger in Schach zu halten.

Später zogen die Grafen in den Prinzenhof – eine bequemere Residenz – um. Der Bau ist heute nicht mehr erhalten. An seiner Stelle wurde ein pittoreskes Viertel errichtet mit einigen Reminiszenzen an die Residenzzeit. Im Prinzenhof wurde auch der berühmteste Sohn Gents geboren, Kaiser Karl V.. Er kann als einer der ersten Global Player im Zeitalter der Entdeckungen bezeichnet werden. Als römisch-deutscher Herrscher war er gleichzeitig König von Spanien und Herr über Latein- und Südamerika – ein Kaiser, in dessen Reich die Sonne nicht unterging.


Multimediale Einführung in die Geschichte der Stadt Gent, Stadsmuseum Gent. (Bild: © Paul Hermans / Wikipedia / <a title="creativecommons.org - Creative Commons" href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en" target="_blank">CC</a>)

Multimediale Einführung in die Geschichte der Stadt Gent, Stadsmuseum Gent. (Bild: © Paul Hermans / Wikipedia / CC)


Eine Stadt der Kunst und Kultur

Neben diesen „herausragenden“ Bauten lohnt es sich aber auch, das historische Zentrum Gents mit seinen zahlreichen Kaufmanns- und Handelshäusern als Gesamtkunstwerk auf sich wirken zu lassen. Besonders schön ist zum Beispiel die Häuserkulisse an der Graslei und der Korenlai, den beiden Kais am alten Hafen der Leie. Besonders malerisch wirkt das Häuserensemble, wenn es abends und in der Nacht kunstvoll illuminiert wird.

Darüber hinaus ist Gent eine Stadt der Kunst und Kultur. Es gibt etliche Museen, die unterschiedlichste Themengebiete behandeln – zum Beispiel die Stadtgeschichte, die das Stadtmuseum zeigt. Gent verfügt zusammen mit Antwerpen über eine Oper, den bekannten Konzertsaal Handelsbörse und diverse Theaterangebote. Das Gent Jazz Festival und die Gentse Feesten, ein buntes Kulturfest, sind nur zwei in einer ganzen Reihe von regelmässigen Veranstaltungen, die zahlreiche Besucher in die alte Stadt locken. Es gibt viele Gründe für eine Reise nach Gent.

 

Oberstes Bild: Gent – © skyfish – shutterstock.com

Über Stephan Gerhard

ist seit Jahren als freier Autor und Texter tätig und beschäftigt sich bevorzugt mit Themen rund um Finanzen, Geldanlagen und Versicherungen sowie Wirtschaft. Als langjähriger Mitarbeiter bei einem Bankenverband und einem grossen Logistikkonzern verfügt er über umfassende Erfahrungen in diesen Gebieten.

Darüber hinaus deckt er eine Vielzahl an Themen im Bereich Reisen, Tourismus und Freizeitgestaltung ab. Er bietet seinen Kunden kompetente und schnelle Unterstützung bei der Erstellung von Texten und Präsentationen.


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