Hamburgs Speicherstadt – Deutschlands jüngstes UNESCO-Welterbe

22.07.2015 |  Von  |  Deutschland, Europa
Keine Beiträge mehr verpassen? Hier zum Newsletter anmelden!
Hamburgs Speicherstadt – Deutschlands jüngstes UNESCO-Welterbe
5 (100%)
2 Bewertung(en)

Vor wenigen Tagen konnte sich die Freie und Hansestadt Hamburg über eine gute Nachricht freuen. Die historische Speicherstadt im Zentrum wurde in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen.

Es ist die erste Welterbestätte in Deutschlands grösster Hafenstadt. Die zuständige Kommission der UNESCO honoriert damit die Bemühungen um den Erhalt und die Restaurierung des weltweit einmaligen Speicherviertels. Es bildet gleichzeitig das 40. und jüngste Welterbe Deutschlands.

Eine Besonderheit – der Hamburger Freihafen

Die Bauten in dem Viertel sind Ende des 19. Jahrhunderts entstanden und verdanken ihre Existenz einer politisch-ökonomischen Besonderheit. Als 1871 das Deutsche Kaiserreich gegründet wurde, trat Hamburg zwar dem neuen Staat bei, behielt aber zollrechtlich einen Sonderstatus. Die Stadt gehörte zunächst nicht zum deutschen Zollgebiet, das damals durch den Deutschen Zollverein repräsentiert wurde. Damit wollte man der Bedeutung Hamburgs als internationale Handelsmetropole Rechnung tragen.

1888 endete dieser Sonderstatus, Hamburg wurde auch Mitglied des Zollvereins. Dennoch blieb mit dem Freihafen eine Sonderzone innerhalb der Stadt bestehen. Im Bereich des Freihafengebiets konnten weiterhin Waren gelagert, gehandelt und veredelt werden, ohne dass sie dem deutschen Zoll unterlagen. Bereits 1881 hatten die Hansestadt und das Deutsche Reich die Schaffung einer solchen Sonderzone mit der Errichtung einer Speicherstadt zur zollfreien Warenlagerung vereinbart. Das Abkommen war die Bedingung für den Beitritt Hamburgs zum Zollverein.


Eine Besonderheit – der Hamburger Freihafen (Bild: © canadastock - shutterstock.com)

Eine Besonderheit – der Hamburger Freihafen (Bild: © canadastock – shutterstock.com)


Als Standort für die Speicherstadt wurden zwei Inseln in der Norderelbe – Wandrahm und Kehrwieder – gewählt. Sie grenzen unmittelbar an Hamburgs Altstadt, von der sie durch den Zollkanal getrennt werden. Der Zollkanal ist ein künstlich angelegter Schifffahrtsweg, der Schiffe um das zollfreie Freihafengebiet herumleiten sollte.

Im riesigen Gelände des Hamburger Hafens macht das Viertel nur einen winzigen Teil aus. Es versteckt sich geradezu am nordöstlichen Rand des Hafengebiets. Insgesamt umfasst die Speicherstadt 26 Hektar Fläche von rund eineinhalb Kilometern Länge und 150 bis 250 Metern Breite. Zwischen den langen Reihen der Speicherhäuser verlaufen sogenannte Fleete – künstliche Wasserläufe, auf denen die Waren mit Booten von und zu den Lagern transportiert werden konnten. Insgesamt sechs von zahlreichen Brücken überquerte Fleete durchziehen das Quartier.

Kompakte und geschlossene Backstein-Gotik

1883 begann man mit dem Bau des Speicherviertels. Dazu mussten die bisherigen Bewohner weichen. Die beiden Elbinseln waren seit alters her bewohnt gewesen und bildeten die Heimat von rund 20’000 Menschen. Sie wurden zwangsweise umgesiedelt, ihre Behausungen abgerissen. Damit ging der Hansestadt einiges an historischer Bausubstanz verloren. Im Zeitalter des Wirtschaftsbooms vor dem Ersten Weltkrieg achtete man auf solche Dinge allerdings wenig.

Die neue Stadt entstand nach einem einheitlichen Konzept. Die Lagerhäuser orientieren sich an der klassischen norddeutschen Backsteingotik, die hier als Gestaltungsmuster diente. So stellt das Speicherviertel heute einen der grössten Gebäudekomplexe dar, in denen sich Neogotik und Wirtschaftsarchitektur miteinander verbinden.


Kompakte und geschlossene Backstein-Gotik (Bild: © Christian Mueller - shutterstock.com)

Kompakte und geschlossene Backstein-Gotik (Bild: © Christian Mueller – shutterstock.com)


Trotz der funktionalen Bauweise verzichtete man dabei nicht auf Schmuckelemente; so tragen nicht wenige Speicherhäuser Türme, Erker, Giebel, Dachgauben und andere Zierstücke. Das Dekor blieb jedoch zurückhaltend schlicht. Praktisch alle Lagergebäude verfügen über fünf Böden – sprich Etagen – und damit eine nahezu gleiche Höhe. Des „schlüpfrigen“ Untergrundes wegen sind die Bauten auf Tausenden von Eichenpfählen errichtet.

Der einheitliche Stil, die gleiche Etagenzahl und der rote Backstein geben dem ganzen Viertel bis heute den Eindruck grosser baulicher Geschlossenheit und Kompaktheit. Jedes Speicherhaus verfügt dabei auf einer Seite an eine Fleet-Anbindung und auf der anderen Seite über eine Strassenverbindung. Damit konnten die Waren auf unterschiedliche Transportmittel umgeladen werden. Logistik-Know-how war bereits damals gefragt.

Niedergang und Renaissance  

1888 fand die feierliche Einweihung statt. Kaiser Wilhelm II. setzte persönlich den Schlussstein zum ersten grossen Bauabschnitt. Aber bis zum Ersten Weltkrieg wurde noch weitergebaut, dann setzte der Krieg den noch vorgesehenen Erweiterungen ein Ende. Einige geplante Abschnitte wurden nie realisiert. In den Speicherhäusern wurde vor allem Stückgut gelagert, es handelte sich bevorzugt um Kaffee, Kakao, Tee und exotische Gewürze, später auch Tuche und Teppiche. Noch heute gilt Hamburg als grösster Kaffee-Umschlagplatz Europas, auch wenn sich das Geschehen längst ausserhalb des Speicherviertels abspielt.

Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Speicherstadt durch Bombardierungen Schäden, die aber in der Nachkriegszeit beseitigt wurden. Der Niedergang begann mit dem Aufkommen der Container-Schifffahrt ab Ende der 1960er-Jahre. Dafür wurden klassische Lagerhäuser wie im Speicherviertel nicht mehr benötigt. In der Folge standen viele Speicher in der Speicherstadt leer und das Quartier verfiel allmählich.



Die Wende brachte das Jahr 1991, als die Hansestadt das gesamte Viertel unter Denkmalschutz stellte. Seither bemüht man sich um die systematische Erhaltung und Pflege der Bausubstanz. Waren, insbesondere Teppiche, werden hier zwar immer noch gelagert, auch wenn die Zugehörigkeit der Speicherstadt zum Freihafen 2003 definitiv endete. Viele der alten Speicherhäuser sind aber inzwischen umfunktioniert worden. Büros, Wohnungen, Geschäfte und andere Einrichtungen sind hier zu finden.

Auch etliche touristische Attraktionen wurden angesiedelt, wie das Speicherstadtmuseum oder das Gewürzmuseum. Hier können Besucher dem früheren Leben und Treiben in dem Viertel nachspüren und erfahren Näheres zu den einstmals gelagerten Waren. Ein besonderer Anziehungspunkt ist das Miniatur Wunderland, die grösste Modelleisenbahn der Welt. Mit dem Theater in der Speicherstadt und dem Kehrwieder-Theater haben auch Schauspielkunst und Varieté einen Platz in alten Lagerräumen bekommen. Den besten Gesamteindruck des Viertels bietet eine Fahrt mit einer Barkasse durch die Fleet-Schluchten.

Neues Wahrzeichen – die Elbphilharmonie

Im unmittelbaren Umfeld der Speicherstadt ist bereits ein künftiges Wahrzeichen Hamburgs zu sehen – die Elbphilharmonie. Das Konzerthaus entsteht in markanter Lage auf einer Landzunge im Hafenbereich und ist von der Speicherstadt aus fussläufig erreichbar. Der 2007 begonnene Bau wird auf den Grundmauern eines modernen Lagergebäudes errichtet und nimmt damit unmittelbar auf die Funktion seiner Umgebung Bezug. Seine spektakuläre Glasfassade mit dem geschwungenen Dach wird das Stadtbild unverwechselbar prägen. Wie bei vielen grossen Bauprojekten sind auch bei der Elbphilharmonie Verzögerungen und Kostenexplosion ein ständiges Thema, das Projekt sah sich lange harter Kritik ausgesetzt. Die Eröffnung ist jetzt für Anfang 2017 geplant.


Auch bei der Elbphilharmonie sind Verzögerungen und Kostenexplosion ein ständiges Thema. (Bild: © ksl - shutterstock.com)

Auch bei der Elbphilharmonie sind Verzögerungen und Kostenexplosion ein ständiges Thema. (Bild: © ksl – shutterstock.com)


Auch Welterbe – das Kontorhausviertel

Auf der Altstadtseite der Speicherstadt lohnen sich die Überquerung des Zollkanals und ein Abstecher in das benachbarte Kontorhausviertel. Es wurde zusammen mit dem Speicherviertel ebenfalls zum UNESCO-Welterbe erklärt. Bei Kontorhäusern handelt es sich um grosse Bürogebäude von Handelsunternehmen. Die Bauten im Kontorhausviertel sind in den 1920er-Jahren entstanden und verbinden in einzigartiger Weise Backstein – das traditionelle Baumaterial der Region – mit expressionistischer Architektur. Die Ergebnisse – zum Beispiel das Chilehaus, der Sprinkenhof oder das Miramarhaus – können sich sehen lassen und beweisen, dass moderne Bürobauten nicht einfallslos sein müssen.


Die Bauten im Kontorhausviertel sind in den 1920er-Jahren entstanden. (Bild: © Marco2811 - fotolia.com)

Die Bauten im Kontorhausviertel sind in den 1920er-Jahren entstanden. (Bild: © Marco2811 – fotolia.com)


Die Speicherstadt und ihr Umfeld dürfen jedenfalls bei keinem Hamburg-Besuch im Programm fehlen. Wer wissen will, wie die Hansestadt das geworden ist, was sie heute ist, sollte sich hier umsehen.

 

Oberstes Bild: © elxeneize – shutterstock.com

Über Stephan Gerhard

ist seit Jahren als freier Autor und Texter tätig und beschäftigt sich bevorzugt mit Themen rund um Finanzen, Geldanlagen und Versicherungen sowie Wirtschaft. Als langjähriger Mitarbeiter bei einem Bankenverband und einem grossen Logistikkonzern verfügt er über umfassende Erfahrungen in diesen Gebieten.

Darüber hinaus deckt er eine Vielzahl an Themen im Bereich Reisen, Tourismus und Freizeitgestaltung ab. Er bietet seinen Kunden kompetente und schnelle Unterstützung bei der Erstellung von Texten und Präsentationen.


Ihr Kommentar zu:

Hamburgs Speicherstadt – Deutschlands jüngstes UNESCO-Welterbe

Für die Kommentare gilt die Netiquette! Erwünscht sind weder diskriminierende bzw. beleidigende Kommentare noch solche, die zur Platzierung von Werbelinks dienen. Die belmedia AG behält sich vor, Kommentare ggf. nicht zu veröffentlichen.