Im Reich des Rübezahl – unterwegs im Riesengebirge

02.06.2016 |  Von  |  Alle Länder, Europa
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Im Reich des Rübezahl – unterwegs im Riesengebirge
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Etwa auf halbem Wege zwischen den beiden Metropolen Prag und Breslau liegt das Riesengebirge, eine wildromantische Berglandschaft, um die sich viele Legenden ranken. In Zeiten des Eisernen Vorhangs im Westen fast in Vergessenheit geraten, wird dieser Teil der Sudeten seit einigen Jahren wieder als Wanderparadies entdeckt.

Der Name „Riesengebirge“ mutet dabei etwas grossspurig an. Denn weder flächenmässig, noch von den Gipfelhöhen ist die Berglandschaft so gewaltig, wie der Name vermuten lässt. Nur etwa 40 Kilometer lang und 20 Kilometer breit ist die Gebirgsregion und der höchste Gipfel – die Schneekoppe – erreicht mal gerade 1.602 Meter. Immerhin sind das schon subalpine Höhen und weit und breit findet sich nichts Vergleichbares.

Rübezahl – vielgestaltig und ambivalent

Es ist das Reich des Rübezahl, eines Berggeistes, der seit Jahrhunderten Quelle für Sagen und Märchen ist. Er soll in den Bergen sein unterirdisches Reich haben, für den Namen „Rübezahl“ gibt es verschiedene Erklärungen. Eine Sage führt ihn auf eine Spottbezeichnung zurück, die ihm einst eine gefangen gesetzte Prinzessin gab, als er für ein Heiratsversprechen Rüben zählte, während sie diese Gelegenheit zur Flucht nutzte. Jedenfalls soll Rübezahl auf diese Benennung mehr als ungehalten reagieren, die „richtige“ Bezeichnung ist „Herr der Berge“.


Sonneaufgang im Riesengebirge (Bild: © Tomas Tichy - shutterstock.com)

Sonneaufgang im Riesengebirge (Bild: © Tomas Tichy – shutterstock.com)


Der Berg Snizeka (Bild: © Premysl - shutterstock.com)

Der Berg Snizeka (Bild: © Premysl – shutterstock.com)


Er erscheint in der Literatur als ein Geist mit vielen Gesichtern und wechselvollen Charakterzügen. Mal ist er Riese, mal Gnom, manchmal zeigt er sich als Mönch, in Tiergestalt, als Stein, Baumstumpf, Wolke oder Diabolus. Es gibt vielfältige Darstellungen von ihm. Auch sonst ist er ein launischer Geist mit sehr ambivalentem Verhalten. Guten Menschen gegenüber begegnet er in der Regel hilfreich, bösen Zeitgenossen spielt er übel mit. Auf seinen Spottnamen reagiert er mit schwerem Unwetter, Wanderer führt er gelegentlich in die Irre. Es gibt zahllose Geschichten über ihn, manche sind mit konkreten Orten im Riesengebirge verbunden.


Rübezahl- Skulptur im Smetana Park in Hořice, Tschechien. (Bild: Ben Skála, Wikimedia, GNU)

Rübezahl- Skulptur im Smetana Park in Hořice, Tschechien. (Bild: Ben Skála, Wikimedia, GNU)


Polnische und tschechische Seite

Bis zum Zweiten Weltkrieg war das Riesengebirge auf beiden Seiten der Gebirgskämme von Deutschen besiedelt. Der nördliche Teil gehörte zum deutschen Niederschlesien, der grössere südliche Teil zu Böhmen. Die Grenz- und Bevölkerungsverschiebungen infolge des Krieges brachten nicht nur sehr viel Leid und Elend, sondern auch das Ende einer jahrhundertelangen Siedlungsgeschichte und -kultur. Heute ist das nördliche Drittel des Riesengebirges Teil Polens, während der grössere Rest zu Tschechien gehört. Der Hauptkamm des Riesengebirges, der sogenannte „Schlesische Kamm“ bildet dabei die Grenze zwischen beiden Ländern. Parallel dazu verläuft auf tschechischer Seite der nur hundert Meter niedrigere „Böhmische Kamm“ mit mehreren Nebenkämmen.


Der Berg Snezka (Bild: © CCat82 - shutterstock.com)

Der Berg Snezka (Bild: © CCat82 – shutterstock.com)


Tschechisch heisst das Riesengebirge „Krkonoše“, der polnische Name „Karkonosze“ ist davon abgeleitet. Die deutsche Bezeichnung „Riesengebirge“ ist erst seit dem 19. Jahrhundert allgemein gebräuchlich geworden, vorher sprach man vom „Schneegebirge“, vom „Böhmischen Gebirge“ oder einfach nur vom „Gebirge“. Interessanterweise haben auch die neuen Bewohner der Gegend die Rübezahl-Tradition übernommen. Der tschechische „Krakonoš“ ist nach dem Gebirge benannt, während der polnische „Liczyrzepa“ die Übersetzung von Rübezahl darstellt.


Caspar David Friedrich, Erinnerungen an das Riesengebirge, Öl auf Leinwand (Bild: Hermitage Torrent, Wikimedia)

Caspar David Friedrich, Erinnerungen an das Riesengebirge, Öl auf Leinwand (Bild: Hermitage Torrent, Wikimedia)


Tourismusgebiet mit grosser Tradition

Das Riesengebirge bildet eine der traditionsreichsten Touristenregionen Europas. Bereits im 18. und 19. Jahrhundert kamen Gäste hierher, um die Berghöhen zu erklimmen. Zu den prominentesten Gipfelstürmern der Schneekoppe gehörte zum Beispiel Johann Wolfgang von Goethe. Vor dem Zweiten Weltkrieg bestand bereits ein ausgebautes Wanderwegenetz. Der Krieg und die Zeit danach brachten dann einen tiefen Einschnitt und erst einmal das Ende des klassischen Tourismus. In der kommunistischen Ära wurde das Riesengebirge vor allem als Wintersportziel genutzt. Erst nach der Grenzöffnung und dem Fall des Eisernen Vorhangs begann man wieder, an die alte Reisetradition anzuknüpfen.


Pancavsky Wasserfall (Bild: © TTstudio - shutterstock.com)

Pancavsky Wasserfall (Bild: © TTstudio – shutterstock.com)


Inzwischen zählt das Riesengebirge jedes Jahr Millionen von Besuchern. Es ist dabei gleichermassen Wintersportziel wie ein ideales Terrain zum Wandern. Dabei bemüht man sich um Natur- und Umweltschutz. Sowohl auf polnischer als auch auf tschechischer Seite wurden grosse Teile der Region zu Nationalparks erklärt. Seit 1992 gilt das Riesengebirge als UNESCO-Biosphärenreservat. Die alte Bezeichnung „Schneegebirge“ ist dabei kein Zufall. Die Winter im Riesengebirge sind schneereich und kalt. Manche Höhen befinden sich fast ein halbes Jahr unter einer Schneedecke, die bis zu drei Meter dick werden kann. Bekannte Wintersport-Orte auf tschechischer Seite sind Harrachov (Harrachsdorf) und Spindleruv Mlyn (Spindlermühle), auf polnischer Seite Karpacz (Krummhübel).


Winter im Karkonosze, Polen (Bild: © Mariusz Szczygiel - shutterstock.com)

Winter im Karkonosze, Polen (Bild: © Mariusz Szczygiel – shutterstock.com)


Entdeckungstouren zu Fuss

Mindestens genauso lohnt sich aber eine Entdeckungsreise zu Fuss in der schneefreien Jahreszeit. Einer der bekanntesten Wandersteige ist der „Freundschaftsweg“, der entlang der Kammlinie an der Grenze zwischen beiden Ländern führt. Er passiert unter anderem auch die Schneekoppe als höchste Erhebung. Sie präsentiert sich wie viele der grösseren Gipfel des Riesengebirges baumlos, denn man befindet sich hier bereits jenseits der Baumgrenze. Zur polnischen Seite fällt das Riesengebirge relativ steil ab, zur tschechischen geht es eher allmählich in niedrigere Gefilde über. Die ganze Gegend ist reich an Flüssen und Bächen mit einigen markanten Wasserfällen.


Karkonosze (Bild: © Stepniak - shutterstock.com)

Karkonosze (Bild: © Stepniak – shutterstock.com)


Ein weiteres beliebtes Wanderziel ist die Elbquelle in der Nähe von Spindleruv Mlyn. An dieser Stelle im Riesengebirge beginnt der Lauf des Flusses, der nach mehr als tausend Kilometern bei Hamburg als Strom in die Nordsee mündet. Zu den Attraktionen im Umfeld der Elbquelle gehört der rund 40 Meter tiefe Elbfall, der etwa einen Kilometer von hier entfernt in einen Talkessel stürzt. Aber auch sonst bietet die Region eine Vielzahl an Wandermöglichkeiten.


Ein weiteres beliebtes Wanderziel ist die Elbquelle in der Nähe von Spindleruv Mlyn. (Bild: © martinarady - shutterstock.com)

Ein weiteres beliebtes Wanderziel ist die Elbquelle in der Nähe von Spindleruv Mlyn. (Bild: © martinarady – shutterstock.com)


Wandern im Riesengebirge lässt sich gut mit einer Einkehr oder Übernachtung in einer der zahlreichen Bauden verbinden. So werden hier traditionell die Hütten genannt, die bereits im 19. Jahrhundert gezielt zu Herbergen umfunktioniert wurden. Viele der alten Bauden, die traditionell aus Holz sind, existieren noch und werden weiter bewirtschaftet, auch modernere Bauden aus Beton und Stahl gibt es. Als eine der schönsten gilt die Kleine Teichbaude bei Karpacz. Sie liegt besonders idyllisch in einem Talkessel an einem kleinen Bergsee.


Wandern im Riesengebirge (Bild: © Difught - shutterstock.com)

Wandern im Riesengebirge (Bild: © Difught – shutterstock.com)


Verbindung mit Prag-Reise

Mittlerweile existiert auch ein vielfältiges Angebot über schlichtes Wandern hinaus. Mountainbiker gehören schon fast selbstverständlich zum Bild und auch für andere landschaftsorientierte Aktivitäten wie Paragliding, Klettern oder Reiten gibt es entsprechende Angebote.



Das Riesengebirge hat sich auf die Ansprüche des modernen Tourismus eingestellt. Eine Reise hierhin lässt sich sehr gut mit einem Städteziel, zum Beispiel Prag, verbinden. Die tschechische Hauptstadt liegt gut 130 Kilometer von hier entfernt und ist in etwa zwei Stunden mit dem Auto erreichbar.

 

Artikelbild: © SarkaSch – shutterstock.com

Über Stephan Gerhard

ist seit Jahren als freier Autor und Texter tätig und beschäftigt sich bevorzugt mit Themen rund um Finanzen, Geldanlagen und Versicherungen sowie Wirtschaft. Als langjähriger Mitarbeiter bei einem Bankenverband und einem großen Logistikkonzern verfügt er über umfassende Erfahrungen in diesen Gebieten.

Darüber hinaus deckt er eine Vielzahl an Themen im Bereich Reisen, Tourismus und Freizeitgestaltung ab. Er bietet seinen Kunden kompetente und schnelle Unterstützung bei der Erstellung von Texten und Präsentationen.


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