Kutná Hora – alte Silberstadt im Herzen Böhmens

27.06.2015 |  Von  |  Europa
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Kutná Hora – alte Silberstadt im Herzen Böhmens
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Gut eine Autostunde östlich von Prag liegt die tschechische Kleinstadt Kutná Hora auf einem Plateau oberhalb des Flüsschens Vrchlice. Die Altstadt von Kuttenberg – so der deutsche Name – birgt eine Vielzahl baulicher Sehenswürdigkeiten und gehört zum UNESCO-Welterbe.

Diesen Umstand hat die Stadt in der Mitte Böhmens dem Silberbergbau im Mittelalter zu verdanken. Er machte Kutná Hora zu einer äusserst wohlhabenden Stadt, die an Bedeutung nur von Prag übertroffen wurde. Wer heute durch die stillen Strassen und Plätze des gerade mal 20’000 Einwohner zählenden Ortes streift, vermag sich kaum vorzustellen, welche Blütezeit Kutná Hora vor Jahrhunderten erlebte.

Ein mittelalterlicher Silberrausch

Die grosse Ära der Stadt begann im 13. Jahrhundert mit der Entdeckung reicher Silbervorkommen in der unmittelbaren Umgebung. Dass es hier Silber gab, war wohl schon länger bekannt, aber erst zu dieser Zeit begann man mit der systematischen Erkundung und Erschliessung der Vorkommen.

Wahrscheinlich besteht ein enger Zusammenhang mit der Gründung des Klosters Sedletz im heutigen Stadtgebiet. Die Zisterzienserabtei war ein Tochterkloster der Abtei Waldsassen in der bayerischen Oberpfalz. Möglicherweise wussten die Mönche um den im Boden versteckten Reichtum und kamen deshalb hierher. Darum rankt sich auch eine Legende zur Entstehung des Namens „Kuttenberg“. Ein Mönch der Abtei soll bei Arbeiten im Weinberg Silber entdeckt und es mit seiner Kutte bedeckt haben – daraus wurde dann Kuttenberg. Der tschechische Name Kutná Hora ist nichts anderes als die Übersetzung davon.


Klosters Sedletz (Bild: Ondřej Kořínek – shutterstock.com)

Klosters Sedletz (Bild: Ondřej Kořínek – shutterstock.com)


Jedenfalls lösten die Erzfunde im Mittelalter geradezu einen „Silberrausch“ aus. Zahlreiche Bergleute aus dem heutigen Deutschland zogen in die Gegend, um vom Bergbau zu profitieren. Sie siedelten sich direkt dort an, wo das Silber zu finden war – in Kuttenberg. Der Ort wuchs stürmisch und entwickelte sich schnell zur Stadt. Im Jahr 1300 verlieh der böhmische König Kuttenberg das Münzrecht. Dies sollte die zentrale Bedeutung noch verstärken.

Fortan wurde hier der sogenannte „Prager Groschen“ geprägt. Die Bezeichnung ist irreführend, denn tatsächlich war Kuttenberg der Prägeort. Der Prager Groschen war zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert die gängigste Währung in Mitteleuropa – wenn man so will, ein Vorläufer des Euro. In Hochzeiten wurden hier Jahr für Jahr sechs bis sieben Tonnen Silber zu Münzen verarbeitet. Das reichte für etwa 1,7 Millionen Prager Groschen pro anno, eine wahrhaft expansive Geldpolitik.


„Prager Groschen“ (Bild: Vaclav Volrab – shutterstock.com)

„Prager Groschen“ (Bild: Vaclav Volrab – shutterstock.com)


Gotische Sakralbauten aus Kutná Horas Glanzzeit

Ein jähes Ende fand diese Blütezeit im 15. Jahrhundert während der Hussitenkriege. Die Hussiten waren eine revolutionäre reformatorische Bewegung, die damals in Böhmen viele Anhänger fand und gegen den Kaiser kämpfte. 1424 besetzten und brandschatzten sie das kaisertreue Kuttenberg, ein erheblicher Teil der Bevölkerung kam dabei ums Leben. Viele deutsche Bewohner wanderten daraufhin ab.

Zwar erholte sich die Stadt danach wieder, doch im 16. Jahrhundert gingen die Silbervorkommen allmählich zur Neige. Dadurch wurde die wirtschaftliche Basis mehr und mehr infrage gestellt. 1757 ging auch das Münzrecht verloren, damit war die grosse Ära Kuttenbergs endgültig vorbei. Danach sollte die Stadt nicht mehr an ihre frühere Glanzzeit anknüpfen können. Nur viele erhaltene Bauten im historischen Zentrum erinnern bis heute noch daran.



Im Mittelalter mit seinem Gottesbezug stand vor allem sakrale Baukunst im Fokus, so auch in Kutná Hora. Die Gotik wirkte dabei stilbildend und ist auch für die beiden bedeutendsten Kirchen der Stadt bestimmend gewesen: den Dom der Heiligen Barbara und die Kirche des Heiligen Jakobs und des Erzdekanats.

Der turmlose Dom wirkt vor allem nach aussen eindrucksvoll. Durch sein einzigartiges dreiteiliges Zeltdach und die zahlreichen Aussenpfeiler erhält er ein markantes unverwechselbares Gesicht. Ursprünglich sollte der Bau einmal doppelt so gross werden. Man baute nach dem Ertrag der Silberminen. Als dieser spärlicher wurde, mussten die ursprünglichen Pläne gestutzt werden. Zusammen mit dem unmittelbar benachbarten Jesuitenkolleg aus dem Barock bildet Sankt Barbara einen imposanten Baukomplex, der die Stadtseite zum grünen Tal der Vrchlice beherrscht. Das Gewässer – mehr Bach als Fluss – verschwindet dabei fast unter Baumkronen und Gebüsch.


Dom der Heiligen Barbara (Bild: siloto – shutterstock.com)

Dom der Heiligen Barbara (Bild: siloto – shutterstock.com)


Noli me tangere

Fehlt dem Dom auch der Turm, so bietet die Kirche Sankt Jakob dafür angemessenen Ersatz. Ihr schlanker Turm gilt immer noch als der höchste in Böhmen und ist zusammen mit dem Kirchenbau weithin sichtbar. Genau genommen besitzt Sankt Jakob zwei Türme. Der Zwilling wurde allerdings – aus Geldmangel – nie vollendet und blieb sozusagen auf halber Höhe stecken.

Die Innenausstattung der Kirche ist barock. Unmittelbar neben dem Bau liegt der Welsche Hof, einer der wichtigsten Profanbauten Kutná Horas. Der im Ursprung auf das 13. Jahrhundert zurückgehende schlossartige Bau war einmal Silbertresor und Münzstätte zugleich. In dieser Funktion diente er auch als königliche Residenz. An der Schatzkammer unterhalb der königlichen Kapelle ist immer noch die lateinische Inschrift an der gut gesicherten Eingangstür zu sehen: „Noli me tangere“ – Anrühren verboten!

Die Verbindung zwischen Dom und Jesuitenkolleg einerseits und Sankt Jakob sowie dem Welschen Hof andererseits bildet die sogenannte Burg. Tatsächlich war sie ursprünglich wohl eine Befestigungsanlage, wurde aber später zum Patriziersitz umgebaut. Sie gehört ebenso wie das Steinerne Haus oder der Steinerne Brunnen zu den wenigen bürgerlichen Zeugnissen Kuttenbergs aus der Zeit des Silberbergbaus. Die meisten heute noch zu sehenden Bauten in der Altstadt sind nach Stadtbränden erst im Zeitalter des Barock neu entstanden. Dies gilt auch für die beiden Kirchen Sankt Johannes Nepomuk und das ehemalige Ursulinenkloster im Zentrum. Daher wirken die Strassen und Plätze Kutná Horas heute im Erscheinungsbild mehr barock als gotisch.


Kirche Sankt Jakob in Kutná Hora (Bild: Pecold – shutterstock.com)

Kirche Sankt Jakob in Kutná Hora (Bild: Pecold – shutterstock.com)


Knochenkunst – nicht für jeden Geschmack

Kloster Sedletz ist ein Ursprungsort von Kutná Hora. Mit seiner Gründung begannen die Silberära und die Stadtgeschichte. Die fast an eine Kathedrale erinnernde Klosterkirche wurde im 13. Jahrhundert errichtet und orientiert sich im Stil an der französischen Gotik. Der eindrucksvolle Bau befindet sich im recht dörflich wirkenden Stadtteil Sedlec im Nordosten von Kuttenberg. Der elegante Bau erscheint in der Umgebung schlichter niedriger Häuser fast ein wenig fremd und deplatziert.

Sedlec hat noch eine andere Sehenswürdigkeit der besonderen Art zu bieten. Im Untergeschoss der Kapelle des Klosterfriedhofs befindet sich das sogenannte Beinhaus oder Sedletz-Ossarium. Ein tschechischer Künstler des 19. Jahrhunderts hat hier rund 40’000 menschliche Knochenreste aus aufgelassenen Gräbern zu Raumschmuck verarbeitet. Der Friedhof von Sedlec besass Erde vom Kalvarienberg in Jerusalem und war daher lange ein sehr begehrter Begräbnisort, daher gab es genug „Material“. Der „Höhepunkt“ des Ossariums ist ein achtarmiger Kronleuchter aus menschlichen Knochen – eine makabre Beleuchtung.


Sedletz-Ossarium (Bild: Grisha Bruev – shutterstock.com)

Sedletz-Ossarium (Bild: Grisha Bruev – shutterstock.com)


Besuch im Silberstollen

Wer sich von dieser Sehenswürdigkeit erholen will, kann dies im Silbermuseum von Kutná Hora tun. Das in der Burg untergebrachte Museum präsentiert sehr authentisch die Bedingungen des Silberbergbaus im Mittelalter. Im Keller ist unter anderem ein Silberstollen originalgetreu nachgebaut, so dass man Bergwerksatmosphäre schnuppern kann. Gezeigt werden ausserdem Gerätschaften, die einst bei der Silbergewinnung Verwendung fanden. Zu den Führungen des Silbermuseums gehört auch ein Besuch in einem Originalstollen, der erst 1967 wiederentdeckt wurde. So wird die silberne Vergangenheit Kutná Horas auch für den heutigen Besucher wieder lebendig.



 

Oberstes Bild: graphia – shutterstock.com

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Über Stephan Gerhard

ist seit Jahren als freier Autor und Texter tätig und beschäftigt sich bevorzugt mit Themen rund um Finanzen, Geldanlagen und Versicherungen sowie Wirtschaft. Als langjähriger Mitarbeiter bei einem Bankenverband und einem großen Logistikkonzern verfügt er über umfassende Erfahrungen in diesen Gebieten.

Darüber hinaus deckt er eine Vielzahl an Themen im Bereich Reisen, Tourismus und Freizeitgestaltung ab. Er bietet seinen Kunden kompetente und schnelle Unterstützung bei der Erstellung von Texten und Präsentationen.


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