Luftschiffe – als Fliegen noch kein Billigangebot war

22.06.2015 |  Von  |  Allgemein
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Luftschiffe – als Fliegen noch kein Billigangebot war
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Die grosse Ära der Luftschiffe ist lange vorbei. Doch diese Art des Fliegens übt auch heute noch eine besondere Faszination aus. Zeppeline bedienten die ersten Fluglinien überhaupt, das Reisen mit dem Luftschiff war ein exklusives Angebot – nur wenige konnten sich diesen Luxus leisten.

Die Blütezeit der Giganten der Lüfte dauerte nur kurz. Das Unglück der „Hindenburg“ und der Zweite Weltkrieg markierten das schnelle Ende. Und das Flugzeug lief dem Luftschiff danach endgültig den Rang bei Geschwindigkeit, Passagierkapazität und Reichweite ab.

Eine fixe Idee wird Kult

Wer sich heute im Billigflieger vom Gurt gefesselt in enge Sitze zwängt und nicht weiss, wo Arme und Beine zu lassen sind, wird sich kaum vorstellen können, dass Fliegen auch mal ganz anders sein konnte. Das Reisen mit dem Luftschiff hatte mehr mit einer Kreuzfahrt oder einem Hotelaufenthalt gemein als mit dem modernen Flugverkehr. Dabei hatte alles recht bescheiden angefangen.

Es war Graf Ferdinand von Zeppelin, der sich nach dem Abschied aus dem Militärdienst in den 1890er-Jahren ganz dem Luftschiffbau verschrieb. Von seiner Umwelt wurde das Projekt zunächst als fixe Idee angesehen, Kaiser Wilhelm II. bezeichnete den Grafen aus dem badischen Konstanz deswegen gar als „dümmsten aller Süddeutschen“. Gegen alle Widerstände brachte Zeppelin das notwendige Startkapital zusammen, und im Jahr 1900 startete das erste Starrluftschiff zu Probeflügen über den Bodensee.

Der Erfolg führte zu einem Stimmungsumschwung. In Deutschland machte sich vor dem Ersten Weltkrieg eine wahre Zeppelin-Begeisterung breit. Der majestätische Anblick der fast lautlos durch die Luft gleitenden Riesen überwältigte auch Skeptiker. Als eines der ersten Luftschiffe verunglückte, brachte eine landesweite Spendenaktion schnell das nötige Geld für einen Neubau zusammen. Der Name des Grafen wurde zum Synonym für Luftschiffe. Schon wenige Jahre nach den ersten Probeflügen begann man mit der kommerziellen Nutzung. 1909 wurde die Deutsche Luftschifffahrts-Aktiengesellschaft – kurz DELAG – gegründet. Es war die erste Fluglinie der Welt.


Graf Ferdinand von Zeppelin 1900 (Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1972-099-15, Wikimedia, CC)

Graf Ferdinand von Zeppelin 1900 (Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1972-099-15, Wikimedia, CC)


Die Glanzzeit der grossen Luftschiffe

Der Passagierverkehr startete schon wenige Monate später mit der Inbetriebnahme des Luftschiffhafens in Baden-Oos, einem Stadtteil von Baden-Baden. Die ersten Verbindungen sollten von Baden-Baden nach Frankfurt/Main und Düsseldorf führen. Havarien störten aber zunächst den regulären Betrieb. Aber bereits 1913 existierte ein ausgedehntes Flugnetz, das neben den genannten drei Orten auch Berlin, Hamburg, Dresden, Leipzig und Gotha einschloss. Der geplante Ausbau der Strecken durch Einbeziehung anderer europäischer Metropolen wurde dann jedoch durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhindert.


Luftschifflandung 1918 (Bild: Wikimedia, public domain)

Luftschifflandung 1918 (Bild: Wikimedia, public domain)


Im Krieg dienten die Zeppeline vor allem militärischen Zwecken. Die Niederlage Deutschlands und die Reparationsverpflichtungen infolge des Versailler Vertrages bedeuteten einen tiefen Einschnitt. Deutschland musste die noch vorhandenen Zeppeline abgeben und sich starken Einschränkungen beim Luftschiffbau unterwerfen. Erst in den 1920er-Jahren konnte die DELAG wieder ihren Passagierbetrieb aufnehmen.

Als Erfolgsmodell der Fluglinie erwies sich dabei LZ 127 „Graf Zeppelin“, das 1928 in Dienst gestellt wurde. Es gilt als das erfolgreichste Passagier-Luftschiff überhaupt. Nach einigen spektakulären Einzelfahrten – zum Beispiel einer Nordamerikafahrt, einer Südamerikafahrt und einer Nordpolarreise – verkehrte das Luftschiff von 1931 bis 1937 im regelmässigen Liniendienst zwischen Deutschland und Brasilien. LZ 127 legte während seines Betriebs insgesamt 1,7 Millionen Flugkilometer zurück und beförderte dabei mehr als 34’000 Passagiere.


Speisesaal im Luftschiff "Hindenburg" (Bild: Bundesarchiv, Bild 147-0640, Wikimedia, CC)

Speisesaal im Luftschiff „Hindenburg“ (Bild: Bundesarchiv, Bild 147-0640, Wikimedia, CC)


Schicksalhaft: LZ 129 „Hindenburg“

Höhepunkt und jähes Ende der zivilen Luftschifffahrt markiert das LZ 129 „Hindenburg“. Das nach dem ehemaligen Reichspräsidenten und Weltkriegsgeneral benannte Luftschiff wurde in der Zeit des Nationalsozialismus gebaut und 1936 in Betrieb genommen. Es sollte den Wiederaufstieg Deutschlands unter der neuen Herrschaft repräsentieren. Betreiber war die Deutsche Zeppelin-Reederei, eine Nachfolgegesellschaft der DELAG, die den Luftschiffverkehr unter staatlicher Ägide fortsetzte.

Weder bei den Dimensionen noch bei der Ausstattung der „Hindenburg“ wurde gespart. Mit einer Länge von fast 247 Metern, einer Höhe von rund 45 Metern und einer Breite von circa 47 Metern war es das grösste jemals gebaute Luftschiff. Nur das baugleiche, aber nie in Betrieb gegangene Schwesterschiff „Graf Zeppelin II“ wies die gleichen Ausmasse auf. Die „Hindenburg“ war zunächst auf die Beförderung von 50 Passagieren ausgelegt, später wurde die Kapazität auf 72 Personen ausgeweitet. Das Luftschiff bot ausserdem Platz für 54 Mann Besatzung.


„Hindenburg“- Crash . (Bild: Everett Historical – shutterstock.com)

„Hindenburg“- Crash . (Bild: Everett Historical – shutterstock.com)


Komfort und modernes Design

Bei der Passagierbeförderung hatte man bei den Luftschiffen von Anfang an auf Komfort besonderen Wert gelegt. Das Servieren erlesener Getränke und Speisen gehörte schon bei den ersten Zeppelinen zum Standard. Die Kabinen waren zum Teil mit wertvollen Hölzern getäfelt, man sass auf losen Stühlen an kleinen Tischen, Teppiche bedeckten den Boden.

Auch bei der „Hindenburg“ setzte man diese Tradition fort. Im Unterschied zu den Vorgänger-Zeppelinen brachte man dabei den Passagier-Bereich nicht in einer unten an der „Zigarre“ hängenden Gondel an, sondern in der Stahlkonstruktion des Luftschiffes selbst. Die Passagier-Räume wurden auf zwei Decks eingerichtet, die Innenausstattung von dem bekannten Designer und Architekten Fritz August Breuhaus de Groot entworfen. Sie war für die Zeit geradezu avantgardistisch und nahm Möbelgestaltungen der Nachkriegszeit vorweg.

Die Passagiere der Hindenburg verfügten über Schlafkabinen mit jeweils zwei Betten. Jene waren spartanisch schlicht und rein funktional gestaltet. Sie dienten ausschliesslich dem Schlafen. Zum Aufenthalt waren die anderen Räumlichkeiten der Passagierdecks gedacht. Es gab einen Speisesaal mit Promenade, einen Gesellschaftsraum und ein Schreib- und Lesezimmer. Sogar ein Rauchsalon wurde angeboten, für den wegen der allgemeinen Brand- und Explosionsgefahr besondere Konstruktions- und Sicherheitsvorschriften galten.

Entlang des Schiffsrumpfes waren Galerien mit Fenstern angebracht. Einige von ihnen konnten sogar während der Fahrt geöffnet werden. Durch die Galeriefenster boten sich den Passagieren atemberaubende Ausblicke. Die Fahrt mit dem Luftschiff unterschied sich damit deutlich von dem heutigen Fliegen, es glich mehr einem lautlosen Schweben. Im Unterschied zu den Düsentriebwerken moderner Flugzeuge waren die Geräusche der Aussenbordmotoren kaum zu vernehmen. Mit einer Maximalgeschwindigkeit von 125 Kilometern in der Stunde war die „Hindenburg“ zwar in ihrer Zeit Spitze, aber im Vergleich zu heutigem Fluggerät eher gemächlich unterwegs. Dafür bot sie mit Sicherheit einen deutlich höheren Reisegenuss.



Das Ende der Luftschiffe

Billig war diese Art des Reisens nicht. Für das Ticket der letzten Fahrt der „Hindenburg“ von Deutschland nach Lakehurst in den USA wurden 1000 Reichsmark verlangt, das entspricht nach heutigem Wert rund 3000 bis 5000 Schweizer Franken. Nur gut ein Jahr nach ihrer Jungfernfahrt explodierte das Luftschiff bei seiner Landung am 6. Mai 1937 in den USA. 36 Menschen starben. Ursache war wahrscheinlich eine unglückliche Kombination mehrerer Faktoren – ungünstiges Wetter, die Verwendung von Wasserstoff als Treibgas und ein Leck in einem der Gastanks. Die Bilder des in Sekunden lichterloh brennenden Luftschiffes haben sich in das Gedächtnis der Menschheit eingegraben.


Die Statistik gibt einen Überblick über die Anzahl der registrierten Luftschiffe in der Schweiz von 1990 bis 2013. (Quelle: © Statista)

Die Statistik gibt einen Überblick über die Anzahl der registrierten Luftschiffe in der Schweiz von 1990 bis 2013. (Quelle: © Statista)


Das Unglück bedeutete das Ende der Luftschiff-Ära. Die noch in Dienst befindlichen Zeppeline wurden ausser Dienst gestellt und bald danach abgewrackt. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann das Zeitalter der Verkehrsflugzeuge. Eine kleine Renaissance gibt es allerdings. Seit den 1990er-Jahren wird in Friedrichshafen mit dem Zeppelin NT wieder eine neue Generation von Luftschiffen gebaut, es finden auch regelmässige Rundflüge über dem Bodensee statt – dem Ursprungsort der Luftschifffahrt.

 

Oberstes Bild: © ER_09 – shutterstock.com

Über Stephan Gerhard

ist seit Jahren als freier Autor und Texter tätig und beschäftigt sich bevorzugt mit Themen rund um Finanzen, Geldanlagen und Versicherungen sowie Wirtschaft. Als langjähriger Mitarbeiter bei einem Bankenverband und einem großen Logistikkonzern verfügt er über umfassende Erfahrungen in diesen Gebieten.

Darüber hinaus deckt er eine Vielzahl an Themen im Bereich Reisen, Tourismus und Freizeitgestaltung ab. Er bietet seinen Kunden kompetente und schnelle Unterstützung bei der Erstellung von Texten und Präsentationen.


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