Lost Place am Grabowsee: Vom Glanz vergangener Zeiten

24.09.2015 |  Von  |  Europa
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Lost Place am Grabowsee: Vom Glanz vergangener Zeiten
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Der Glanz vergangener Tage, der Nervenkitzel beim Betreten, die Zeichen der Vergänglichkeit – Verlassen Orte sind beliebt. Auch ich verfalle immer wieder dem morbidem Charme dieser stillen Zeitzeugen.

In Brandenburg, circa zwanzig Minuten S-Bahn-Fahrt und zwanzig Minuten Busfahrt von Berlin entfernt, befindet sich ein ganz besonders sehenswertes Exemplar der Gattung „Lost Places“.

Uns trennt nur noch ein Zahlenschloss vom 34 qm grossen Areal der ehemaligen Lungenheilanstalt am Grabowsee, einige Kilometer von Oranienburg entfernt. Ich bin niemand, der über Zäune klettert, viel zu gross ist meine Angst erwischt zu werden. Doch heute ist alles ganz harmlos.

Denn glücklicherweise können wir ein paar der Menschen begleiten, die für einige Tage eine Art Kunstcamp am Grabowsee auf die Beine stellen. Gegen ein paar Stunden Arbeit auf dem Gelände dürfen sie hier Workshops veranstalten, kreativ sein und Zelten. Und Arbeit gibt es genug auf dem Gelände. Seit 1995 stehen die Gebäude leer und verlieren mehr und mehr an Substanz.


Zwischen Kunst und Zerfall. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)

Zwischen Kunst und Zerfall. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


Tuberkulose, Krieg und Sowjet-Bauten

Die ab 1896 errichtete Lungenheilanstalt wurde aufgrund der rasant ansteigenden Tuberkuloseerkrankungen erbaut und diente nach dem Zweiten Weltkrieg als Militärklinik der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Von dieser Vergangenheit sieht man in den Gebäuden kaum noch etwas. Die meisten Räume sind mittlerweile leergeräumt.


Lichtspiele in den zerfallenen Räumen. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)

Lichtspiele in den zerfallenen Räumen. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


Das Gelände ist riesig und beherbergt gleich mehrere Bauwerke: das grosse Verwaltungsgebäude mit dem hinreissenden sog. Pianosaal, Bettenhäuser, eine kleine Kapelle, ein Heizturm, diverse Hallen und noch einige Gebäude mehr. Der Mix der Architekturstile ist Zeuge der Vergangenheit des Ortes: von historistischen Backsteinvillen über Sowjetbauten reicht die Bandbreite.

Inmitten von Bäumen und direkt am See liegt die Heilstätte wahrlich idyllisch. Verwunschen und etwas gespenstisch wirkt der Ort dennoch, ein Traum für alle Anhänger der dunklen Romantik. Da passt die 2007 abgebrannte kleine Kirche am Seeufer nur allzu gut ins Bild.


Lost Places sind eine Spielweise für Fotografen. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)

Lost Places sind eine Spielwiese für Fotografen. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


Kunst und Kommerz

Einen sprichwörtlichen Tapetenwechsel erlebte die Heilanstalt 2011 mit der „Art Base“ einem Street-Art-Festival. Die imposanten Werke der Street-Art-Künstler lassen sich beim Rundgang durch die Hallen bewundern.

Die Künstler, die heute ihre Lager vor dem Haupthaus aufgeschlagen haben, beheizen gerade die Feuerstelle für das Abendessen. Daneben steht eine grosse Tafel mit den Terminen für die nächsten Tage: Traumworkshop, Gespräche, Musik. Und nicht zu vergessen: Party am Wochenende.

Es ist schön zu sehen, wie sich die Künstlergruppe den Ort aneignet und mit Leben füllt. Behutsam und nachhaltig. Hier wird nicht nur aufgeräumt, sondern auch repariert. Das war in den letzten Jahren leider nicht immer so. Probleme mit Müll und Vandalismus teilt sich das Gelände am Grabwosee mit anderen Lost Places. Öffentlich zugänglich ist die ehemalige Klinik deshalb nicht.

Die grösstmögliche Aufmerksamkeit bekam die Heilanstalt 2013. Hollywoodliebling George Clooney dreht hier für den Film “The Monuments Man”. Wie es mit dem Ort weitergehen wird? Die Zeit wird es zeigen.


Morbide Stimmung in der ehemaligen Kapelle. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)

Morbide Stimmung in der ehemaligen Kapelle. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


Street Art in den den grossen Hallen. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)

Street Art in den den grossen Hallen. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


Die Überbleibsel des Street-Art-Festivals. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)

Die Überbleibsel des Street-Art-Festivals. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


 

Artikelbild: © Julia Schattauer / www.bezirzt.de

Über Julia Schattauer

Julia Schattauer ist freie Autorin und leidenschaftliche Bloggerin. Geschichten vom Reisen sind ihr Steckenpferd. Neben nützlichen Fakten geht es ihr in erster Linie ums Storytelling. Darum, den Leser in die Welt mitzunehmen und sein Fernweh zu wecken. Als studierte Kunsthistorikerin, Tourismus-, und Literaturwissenschaftlerin schreibt sie ausserdem über Themen aus Kunst und Kultur.


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