Unverfälschte Natur in Estland: Insel Ösel

10.06.2015 |  Von  |  Europa
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Unverfälschte Natur in Estland: Insel Ösel
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Mit rund 2700 Quadratkilometern ist die Insel Ösel vor der Küste Estlands fast so gross wie das Tessin, zählt hingegen nur etwa ein Zehntel der Einwohner. Der Besucher findet hier dank dieser dünnen Besiedlung vielfach noch unberührte Natur.

Es ist eine ruhige Landschaft, die sich in der Abgeschiedenheit vom Festland noch viel Ursprünglichkeit bewahrt hat. Die isolierte Lage am Rande der Ostsee hat die Bewohner nicht nur ihre Sitten und Bräuche bewahren lassen, es gibt auf Ösel auch viel geschützten Platz für eine vielfältige Pflanzen- und Tierwelt. Die Insel ist eine der schönsten Ferienregionen Estlands.

Deutsche, Schweden, Dänen und Russen

Die Insel hat mehrere Namen, die mit ihrer wechselvollen Geschichte zusammenhängen. Ösel ist die deutsche und schwedische Bezeichnung, dänisch heisst sie Øsel. Die Esten selbst nennen sie Saaremaa. Über lange Zeiten war der Besitz der Insel heftig umstritten. Die ersten Siedler kamen wohl bereits um 3000 vor Christus. In alten skandinavischen Sagas ist von „Eysysla“ die Rede, was nichts anderes als Inselbezirk bedeutet. Daraus leitete sich dann später der Name Ösel ab.

In den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende landeten Wikinger an der Küste, worauf entsprechende Schiffsfunde hinweisen. 1227 erlangte der Deutsche Orden von Ostpreussen aus die Herrschaft, er musste sie jedoch bald mit dem Bischof von Ösel-Wiek teilen. Nach dem Niedergang des Ordens konnte im 16. Jahrhundert zunächst Dänemark die Oberhoheit gewinnen, später folgten Schweden und Russen. Nach dem Ersten Weltkrieg teilte Ösel dann das Schicksal Estlands. Mit der erneuten Unabhängigkeit des baltischen Landes im Jahr 1991 begann schliesslich auch für die Insel Saaremaa eine neue Zeit.

Kuressaare – Kurtradition und Bischofsburg


Diese Burg hat beeindruckende Befestigungsanlagen.

Diese Burg hat beeindruckende Befestigungsanlagen. (Bild: © sarijii – Fotolia)


Ösel ist flach – die höchste Erhebung, der Viidu Raunamägi, erreicht gerade mal 54 Meter und stellt damit kaum einen Hügel dar. Die Insel liegt im Schnitt nur etwa zwölf Meter über dem Meeresspiegel. Die Küstenlinie umfasst fast 1300 Kilometer und ist durch zahlreiche Buchten und Halbinseln geprägt. Die grösste ist die Halbinsel Sõrve im Südwesten, die bis zu 30 Kilometer ins Meer vorragt. Auch einige kleinere, der Küste vorgelagerte Nebeninseln gibt es. Meistens fällt das Land an steinigen Stränden flach in die Ostsee ab. An einigen wenigen Stellen findet man auch Steilküsten, vereinzelt existieren sogar kleinere Sandstrände.

Die Hauptstadt von Ösel liegt an der Südküste. In Kuressaare – auf Deutsch Ahrensburg – lebt jeder dritte der rund 32.000 Inselbewohner. Es handelt sich fast ausschliesslich um Esten. Aufgrund der abgeschiedenen Lage gab es hier nie eine grössere russische Besiedlung. Der Ort macht den Eindruck eines gepflegten Kurstädtchens. Tatsächlich hat der Kurbetrieb hier seit Mitte des 19. Jahrhunderts Tradition. Viele Bauten im Zentrum stammen unverkennbar aus dieser Zeit.

Das Wahrzeichen von Kuressaare ist aber die von einem Wassergraben und Festungswällen umgebene mächtige Bischofsburg, deren Kern der Turm „Langer Hermann“ bildet. Die Burg wurde ab dem 13. Jahrhundert errichtet und bildete gleichzeitig die Keimzelle der Stadt. Die Burganlage ist die einzige unversehrt erhaltene mittelalterliche Befestigungsanlage im Baltikum. Bekannt sind die im Sommer stattfindenden Kammermusik- und Opernfestspiele, die den Stadtpark im Umfeld der Burg nutzen.

Reetdächer, Windmühlen und ein Krater


Selten hat man die Möglichkeit, einen so schön erhaltenen Krater zu bestaunen.

Selten hat man die Möglichkeit, einen so schön erhaltenen Krater zu bestaunen. (Bild: © Nejron Photo – Fotolia)


Ein anderes Wahrzeichen von Ösel findet man noch an vielen Orten der Insel: die historischen Bockwindmühlen. So werden Mühlen bezeichnet, die auf einem drehbaren Gestell montiert sind. Sie konnten so immer in Windrichtung gedreht werden, um die Windkraft optimal zu nutzen. Viele Höfe hatten früher ihre eigene Mühle.

Die Dörfer der Insel haben noch viel von ihrem ursprünglichen Aussehen bewahrt. Vielerorts finden sich noch die typischen Steinmauern rund um Gärten und Grundstücke sowie reetgedeckte Dächer – besonders schön zu sehen im Dörfchen Viki im Westen.

Vor allem ist Ösel aber Naturerlebnis. Der bizarrste Naturort der Insel ist zweifelsohne der Kaali-Meteoritenkrater, der in einem kleinen Wäldchen 18 Kilometer nordöstlich von Kuressaare liegt. Er entstand wahrscheinlich vor rund 4000 Jahren durch den Einschlag eines mehrere Dutzend Tonnen schweren Eisenmeteoriten. Das kreisrunde, mit Wasser gefüllte Einschlagsloch bot Stoff für zahlreiche Legenden. Eine der noch heute auf Ösel erzählten Geschichten lautet, die Erde habe an dieser Stelle einst aus Entsetzen über eine Geschwisterheirat die Hochzeitskirche verschlungen. Dadurch sei das Loch entstanden. Die wissenschaftliche Forschung erzählt eine andere Geschichte.

Vilsandi-Nationalpark


Estland hat eine wunderschöne Natur zu bieten. Nicht nur im Nationalpark, sondern auch hier, bei Panga Pank - der grössten Klippe der Insel.

Estland hat eine wunderschöne Natur zu bieten. Nicht nur im Nationalpark, sondern auch hier, bei Panga Pank – der grössten Klippe der Insel. (Bild: © anilah – Fotolia)


Weniger von schaurigen Mythen umwoben sind die übrigen Naturschönheiten der Insel – zum Beispiel der Nationalpark Vilsandi. Er liegt an der Westküste und umfasst die gleichnamige Insel nebst ihren zahlreichen kleinen und kleinsten Nachbarinseln sowie einen Teil des Küstenstreifens. Vilsandi ist ein beliebter Rast- und Nistplatz für zahlreiche Seevögel, hier befindet sich ausserdem einer der grössten Liegeplätze von Kegelrobben in Estland. Und die Wälder und Wiesen des Nationalparks bieten dank des relativ milden Klimas eine grosse Pflanzenvielfalt. Neben Efeu und Wacholder wachsen hier zum Beispiel rund 30 Orchideen-Arten.

Aber auch ausserhalb des Nationalparks ist die Pflanzen- und Tierwelt von Ösel sehr artenreich. 80 % der auf Estland vorkommenden Pflanzen gedeihen auf der Insel, darunter sogar einige endemische Arten. Die isolierte Lage hat ihre Entwicklung begünstigt.

Etwa 40 % der Inselfläche werden von Wäldern bedeckt. Es handelt sich überwiegend um Mischwälder. Der Rest der Fläche besteht überwiegend aus noch sehr naturbelassenen Wiesen und Weiden, Felder gibt es vereinzelt. Es handelt sich – nicht zuletzt dank der flachen Landschaft – um eine ideale Wanderregion.

Wellness und Aktivferien


Die Insel lädt zum entspannten Fahrradfahren ein.

Die Insel lädt zum entspannten Fahrradfahren ein. (Bild: © pioregur – Fotolia)


Ösel ist vor allem etwas für Aktivtouristen, die ein Ziel abseits ausgetretener Pfade suchen. Nach der Unabhängigkeit hat sich die Insel besonders dem nachhaltigen Tourismus geöffnet. Es gibt inzwischen ein ausgebautes Netz an Wanderrouten, die es ermöglichen, die unterschiedlichen Facetten der Insel-Landschaft zu entdecken. Selbstverständlich gibt es auch Angebote für Radfahrer und Reiter. Einige Bauernhöfe haben sich ganz auf Reitferien ausgerichtet. Auch Möglichkeiten für Segeln und anderen Wassersport sind vorhanden. An der Steilküste von Panga ist sogar Tauchen angesagt. Und wer auf Gesundheit und Wellness steht, findet im Kurort Kuressaare entsprechende Leistungen. Hier hat man sich den gesundheitsfördernden Wirkungen von Moorheilbädern verschrieben. Die Moorbehandlung hat eine lange Tradition.

Um Abstand von der Hektik und dem Stress moderner Grossstädte und urbaner Zivilisation zu finden, eignet sich Ösel als Ferienort hervorragend. Dabei muss man auf Genuss nicht verzichten. Die einheimische Küche ist deftig und naturgemäss fischorientiert. Sie vereint deutsche und russische Kochkunst. Eine besondere Spezialität ist das auf der Insel vielerorts noch selbst gebraute Bier. Es erfreut sich in Estland besten Rufes und eignet sich ideal, um einen Ferientag auf Ösel ausklingen zu lassen.

 

Oberstes Bild: © anilah – Fotolia

Über Stephan Gerhard

ist seit Jahren als freier Autor und Texter tätig und beschäftigt sich bevorzugt mit Themen rund um Finanzen, Geldanlagen und Versicherungen sowie Wirtschaft. Als langjähriger Mitarbeiter bei einem Bankenverband und einem grossen Logistikkonzern verfügt er über umfassende Erfahrungen in diesen Gebieten.

Darüber hinaus deckt er eine Vielzahl an Themen im Bereich Reisen, Tourismus und Freizeitgestaltung ab. Er bietet seinen Kunden kompetente und schnelle Unterstützung bei der Erstellung von Texten und Präsentationen.


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