Vicenza – in der Stadt Palladios

16.06.2015 |  Von  |  Europa
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Andrea Palladio hat Architekturgeschichte geschrieben. Einer der bedeutendsten Baumeister der Renaissance wurde 1508 in Padua als Sohn eines Müllers geboren, sein wichtigster Wirkungsort war aber die oberitalienische Stadt Vicenza.

Vicenza ist auch heute noch wie keine andere Stadt von den Bauten Palladios geprägt. Hier finden sich einige der schönsten Beispiele der Baukunst des grossen Meisters. Viele seiner Bauwerke wurden später in Nord- und Westeuropa, in Grossbritannien und den Vereinigten Staaten nachgeahmt.

Die Wiederentdeckung der Antike

Palladio war dabei nicht nur Praktiker, sondern auch Theoretiker der Architektur. Seine Bauwerke orientierten sich an den Gestaltungsprinzipien der Antike. 1541 reiste er erstmals nach Rom, wo er die noch reichlich vorhandene Bausubstanz des römischen Imperiums studieren konnte. Weitere Reisen in die Ewige Stadt folgten. Die dabei gewonnenen Eindrücke beeinflussten sein Denken und Schaffen massgeblich.

In seinen Schriften setzte sich Palladio intensiv mit der antiken Bauweise auseinander. Seine beiden Werke „Antichità di Roma“ und „I Quattro libri dell’architettura“ sollten wegweisend für Generationen von Architekten sein. Palladios Ziel war die Verbindung der praktischen Funktion von Bauwerken mit den ästhetischen Prinzipien von Proportion und Ausgewogenheit. Die natürlichen Gegebenheiten des jeweiligen Bauplatzes mussten dabei ebenfalls berücksichtigt werden. Im Ergebnis entstanden Bauten von grosser Eleganz und Harmonie.


Andrea Palladio hat Architekturgeschichte geschrieben. (Bild: © wiki.org)

Andrea Palladio hat Architekturgeschichte geschrieben. (Bild: © wiki.org)


Mit der Bezugnahme auf die antiken Vorbilder wurde Palladio zu einem wichtigen Protagonisten der Renaissance. Sie hatte sich der „Wiedergeburt“ der griechischen und römischen Vorbilder in Bauwerken, bildender Kunst, Literatur und Philosophie verschrieben.

Im Verlauf seines langen Wirkens konnte Palladio mehr als 80 bedeutende Bauprojekte realisieren. Bei vielen handelte es sich um Stadtpaläste und Landvillen. Es gibt aber auch einige Kirchen, Brücken, Theater und andere Bauwerke von dem berühmten Renaissance-Architekten. Palladios Arbeit in Vicenza begann bereits im Jahr 1540; bis zu seinem Tod 1580 war er hier als Architekt tätig. Ab 1550 baute er auch viel in Venedig und an anderen Orten. Aber Vicenza blieb ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit.

Diesem Umstand verdankt die Stadt heute noch ihre einmalige Konzentration an Palladio-Bauten. Sie machen Vicenza, das ansonsten ein Zentrum der italienischen Schmuck- und Modeindustrie ist, zu einem lohnenden Ziel für alle, die sich für ästhetische Architektur begeistern können.

La Rotonda, Basilica Palladiana und Teatro Olimpico

Eines der schönsten Werke der Palladio-Architektur in Vicenza ist die Villa La Rotonda, die etwas ausserhalb liegt. Sie gilt als ideale Verwirklichung der theoretischen Vorstellungen des Baumeisters. Die Villa wurde ab 1567 geplant und erst nach dem Tod Palladios endgültig fertiggestellt. Ihrer Lage kommt eine besondere Bedeutung zu: Sie befindet sich auf einer Anhöhe, von der man nach allen Seiten einen Blick in die Landschaft Venetiens hat. Dieser Ort prädestinierte geradezu für die Errichtung eines Landsitzes, der das antike Vorbild einer Villa inmitten eines Gartens umsetzte.


Eines der schönsten Werke der Palladio-Architektur in Vicenza ist die Villa La Rotonda. (Bild: © Quinok - CC BY-SA 4.0)

Eines der schönsten Werke der Palladio-Architektur in Vicenza ist die Villa La Rotonda. (Bild: © Quinok – CC BY-SA 4.0)


Der Bau wurde streng symmetrisch unter Verbindung der geometrischen Formen Kreis und Quadrat umgesetzt. Die Rotunde im Inneren ist antiken Rundtempeln nachempfunden. Nach allen vier Seiten präsentiert der Bau einen Säulen-Portikus mit Freitreppen als Zugang. Das Konzept der Villa La Rotonda wurde später vielfach kopiert.

Ein weiterer wichtiger Palladio-Bau in Vicenza ist die sogenannte Basilica Palladiana. Dieses Bauwerk fällt in die frühe Schaffensphase Palladios. Der Architekt hatte 1549 einen Wettbewerb zur Neugestaltung des Palazzo de la Regione, des Rathauses von Vicenza, gewonnen. Der Ursprungsbau bestand aus zwei mittelalterlichen Ziegelstein-Palästen, die zwar miteinander verbunden waren, aber nicht als einheitliches Ganzes wirkten. Ein erster Versuch der Neugestaltung war zuvor misslungen und ein Teil des Baus eingestürzt, als Palladio den Auftrag erhielt.


Die Basilica Palladiana ist eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Vicenza. (Bild: © AlMare - CC BY-SA 3.0)

Die Basilica Palladiana ist eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Vicenza. (Bild: © AlMare – CC BY-SA 3.0)


Er gab dem Bau durch eine weisse Marmorfassade und die Verwendung von Rundbögen und Säulen eine repräsentative Gestalt wie aus einem Guss. Auch bei diesem Bauwerk achtete der Architekt auf strenge Symmetrie und Harmonie. Heute ist die Basilica Palladiana mit dem noch erhaltenen schlanken Turm aus dem Mittelalter eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Vicenza. Die Piazza dei Signori, wo sich das Bauwerk befindet, stellt so etwas wie das Herzstück der Stadt dar.

Aussergewöhnlich ist auch das Teatro Olimpico, das in die Spätschaffensphase des Architekten fällt. Es handelt sich um den ersten freistehenden Theaterbau seit der Antike. Palladio plante das Bauwerk kurz vor seinem Tod. Er erlebte noch den Beginn der Bauarbeiten, verstarb aber bereits kurz danach, so dass andere sein Werk fortsetzen mussten.

Das Teatro Olimpico orientiert sich ganz am Vorbild des römischen Theaters. Die Zuschauer sitzen in einem Halbrund, dessen Sitzreihen von einem Säulengang umrahmt werden; die Bühne ist als Palastfront mit drei Portalen gestaltet, durch die der Blick in eine Kulissenstadt fällt. Dadurch entsteht ein Eindruck ausserordentlicher Raumtiefe, der der Realität nicht entspricht – eine raffinierte optische Täuschung. Eröffnet wurde das Theater fünf Jahre nach dem Tod des grossen Baumeisters mit „König Ödipus“ von Sophokles.


Das Teatro Olimpico orientiert sich ganz am Vorbild des römischen Theaters. (Bild: © wiki.org)

Das Teatro Olimpico orientiert sich ganz am Vorbild des römischen Theaters. (Bild: © wiki.org)


Sehenswertes Vicenza

Dies sind nur drei herausragende Beispiele aus dem Wirken Palladios in Vicenza. Die Liste liesse sich mühelos fortsetzen. Vor allem bei ihren Palästen vertrauten die adligen Bauherren der Stadt auf das Können des berühmten Architekten. Die Palazzi Barbaran da Porto, del Capitanio, Chiericati und etliche andere im Bereich des historischen Zentrums legen davon noch heute ein eindrucksvolles Zeugnis ab. Dem Baumeister selbst setzte die Stadt ein Denkmal fast an versteckter Stelle. Die Piazzetta Palladio mit der Statue des Architekten ist ein Seitenwinkel der repräsentativen Piazza dei Signori.


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Bei so viel bemerkenswerter Palladio-Architektur übersieht man leicht, dass Vicenza auch noch andere Sehenswürdigkeiten zu bieten hat wie den Dom mit seiner gotischen Fassade oder die barocke Wallfahrtskirche Madonna di Monte Berico. Vom Monte Berico hat man einen wunderbaren Panoramablick auf die Innenstadt und die in der Ferne schon zu erahnenden letzten Alpen-Ausläufer, die die Bergkulisse der Stadt in der Po-Ebene bilden.

Mit Kirchen ist Vicenza überhaupt reich gesegnet. Die meisten von ihnen wurden im späten Mittelalter, im Zeitalter der Renaissance oder des Barock errichtet. Auch Reste der alten Stadtbefestigung sind heute noch zu sehen. An einigen Stellen haben sich auch noch Stadttore mit ihren Türmen erhalten. Darüber hinaus bietet Vicenza eine Vielzahl sehenswerter Museen und Galerien, ein Museum ist natürlich auch dem berühmten Baumeister gewidmet.



Ein Baustil geht um die Welt

Von Vicenza aus verbreitete sich der Palladianismus in viele Länder der Welt. Palladianische Bauten wurden bevorzugt im England des frühen 17. Jahrhunderts errichtet und später in den USA. Palladio beeinflusste mit seiner Bauweise ausserdem den Klassizismus des 19. Jahrhunderts und über diesen Umweg spätere Stilformen wie den Neoklassizismus. Seine Architektur-Theorie und -Praxis wirkten im wahrsten Sinne des Wortes prägend bis in die Neuzeit.

 

Oberstes Bild: © ChiccoDodiFC – fotolia.com

Über Stephan Gerhard

ist seit Jahren als freier Autor und Texter tätig und beschäftigt sich bevorzugt mit Themen rund um Finanzen, Geldanlagen und Versicherungen sowie Wirtschaft. Als langjähriger Mitarbeiter bei einem Bankenverband und einem grossen Logistikkonzern verfügt er über umfassende Erfahrungen in diesen Gebieten.

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