Kleine Weltstadt Zürich, Teil 4: Züricher Bunker – auf das Beste hoffen und auf das Schlimmste vorbereitet sein

05.01.2014 |  Von  |  Alle Länder, Europa, Schweiz
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Kleine Weltstadt Zürich, Teil 4: Züricher Bunker – auf das Beste hoffen und auf das Schlimmste vorbereitet sein
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In Zürich erholen sich nicht nur die Seele, sondern auch die Augen. Im Unterschied zu vielen europäischen Städten wurde Zürich von Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg, während dessen die Schweiz seine berühmte bewaffnete Neutralität bewahrte, verschont. Die historische Innenstadt mit ihren malerischen Häusern und engen verträumten Gassen ist weitestgehend erhalten geblieben. 

Obwohl die Stadt sehr friedlich zu sein scheint, ist sie bestens für jede Art Gefahr gerüstet. Unter dem Platz Lindenhof befand sich früher eine römische Festungsanlage. Genau hier ist 1747 ein Grabstein aus 2. Jahrhundert n. Chr. entdeckt worden, auf dem zum ersten Mal der römische Name Turicum, heute Zürich, erwähnt wurde. Auf dem Platz Lindenhof finden zahlreiche Veranstaltungen und Feste statt, und unter dem Platz befindet sich ein riesiger Bunker für den Fall der Atomgefahr.







Lindenhof in Zürich (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

Lindenhof in Zürich (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

Und dieser ist bei weitem nicht der einzige. Es gibt sie überall, diese unsichtbaren Erinnerungen an die passiv-kriegerische Vergangenheit. Der Schweizer Star-Architekt Jacques Herzog schrieb einmal, dass die wahre schweizerische Architektur eigentlich unterirdisch sei. Und das ist keine Übertreibung, denn in Zürich reihen sich die Schutzanlagen wortwörtlich aneinander.

Unter dem Marktplatz in Oerlikon ist ein Bunker versteckt. Unter dem Universitätsspital befindet sich eine riesige Spitalanlage. Unter der Überbauung Höfliweg in der Nähe von Heuried würden im Notfall 7´000 Menschen Platz finden. Und weitere 10´000 könnten sich gleich im Herzen der Stadt verstecken: Das Parkhaus Urania ist heutzutage die grösste funktionsfähige Schutzanlage in der Schweiz, die innerhalb von wenigen Tagen in einen autarken Schutzraum umgewandelt werden kann, in dem Menschen zwei Wochen lang von der Umwelt abgeschlossen beherbergt werden können.

Die Schweiz, die keine Kolonien besass, fing mit der Kolonisierung des Untergrundes noch vor dem kriegslüsternen 20. Jahrhundert an: Schon 1872 wurde der Gotthardtunnel gebaut. Der Zweite Weltkrieg brachte die erste Welle des Bunkerbaus mit sich. Die Anfangsidee war, sich in ernsthafter Kriegsgefahr in den Bergen verstecken zu können. Aber auch die Aufrüstung der Städte folgte im gleichen Tempo.



1940 entstand in Zürich die „Limmatstellung“ – eine ganze Kette von Bunkern entlang der Limmat bis zur Quaibrücke. Nicht nur die Zivilbevölkerung hätte in diesen Bunkern Schutz gefunden, sondern es wurden auch Einrichtungen installiert, die es ermöglicht hätten, im Fall eines feindlichen Einmarsches die Brücke zu sprengen.

Bunker bei der Limmat Quaibrücke in Zürich (Bild: Paebi, Wikimedia, CC)

Bunker bei der Limmat Quaibrücke in Zürich (Bild: Paebi, Wikimedia, CC)

Neben den Bunkern entstanden auch zahlreiche Luftschutzräume. Während des Zweiten Weltkrieges wurden sechs solcher Schutzanlagen in Zürich gebaut. Das Parkhaus auf dem Platz Central neben dem Züricher Hauptbahnhof ist ein ehemaliger Luftschutzbunker, der heute aber nur noch zum Parken genutzt wird.

Nicht so aber das Parkhaus Urania, das auch heute noch absolut funktionsfähig ist. Das Parkhaus wurde 1974 gebaut. Der Zweite Weltkrieg war vorbei, aber der Kalte Krieg hatte nicht lange auf sich warten lassen, und die Atomgefahr schwebte wie ein Damoklesschwert über der ganzen Welt. Die Schweizer blieben sich auch in dieser Lage treu: Anstatt Geld in die Entwicklung von Waffen zu investieren, haben sie Schutzbunker gebaut.

Uraniastrasse, Ansicht von der Lindenhofstrasse (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

Uraniastrasse, Ansicht von der Lindenhofstrasse (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

Nur wer genau hinschaut, wird im Parkhaus Urania seine Doppelfunktion erkennen. Die dicken Panzertüren an den Ein- und Ausfahrten sind aus stahlarmiertem Beton und können mithilfe spezieller Seilwinden manuell geschlossen werden. Die Wände des Parkhauses können 30 Tonnen Druck pro Quadratmeter aushalten. An den Decken und Wänden verlaufen Wasserleitungen, die auf sanitären Anlagen hinweisen. Der Schutzbau ist sechsstöckig, davon befinden sich zwei Stockwerke im Untergrund. Zum Kernstück der Anlage hat man natürlich keinen Zutritt: Hier befinden sich zwei grosse Trinkwasserspeicher mit 60 Kubikmeter Volumen und zwei Notstromgeneratoren, die immer auf vier bis fünf Grand vorgeheizt bleiben, um bei einem Stromausfall sofort funktionsfähig zu sein. 45 Gasfilter können für Frischluft sorgen. Die Schaltzentrale, aus der alle elektrischen Geräte gesteuert werden, ist in einem faradayschen Käfig gebaut, das heisst, das System würde auch bei elektromagnetischen Störungen, die bei der Detonation einer Atombombe eintreten, ungestört funktionieren können.

1963 wurde der Schutzraumpflicht in der Schweiz gesetzlich eingeführt: sogar in den Einfamilienhäusern wurden Schutzräume Vorschrift. Diese Überlebensinseln sind so durchdacht und komplex, dass sie zu einem weiteren schweizerischen Exportgut geworden sind. Gerne werden Schutzräume nach Schweizer Bauart in den USA oder Saudi-Arabien eingerichtet.

Beobachtungsbunker Uetliberg, Limmatstellung, Zürich (Bild: Paebi, Wikimedia, CC)

Beobachtungsbunker Uetliberg, Limmatstellung, Zürich (Bild: Paebi, Wikimedia, CC)

Die Bunker und Schutzräume werden heutzutage viel mehr für Naturkatastrophen als Kriege funktionsfähig gehalten. 2011 wurde vom Nationalrat sogar beschlossen, die Schutzraumpflicht aufzuheben, dann aber kam die Fukushima-Tragödie und eine neue, gelockerte Pflicht wurde wieder eingeführt.

Öffentliche Schutzräume werden immer noch gebaut, obwohl sie zum Glück für ihren direkten Zweck nicht gebraucht werden. Deswegen werden sie oft umgewidmet. 1970 hat man angefangen, den Lindenhofbunker als Jugendraum zu verwenden. Der Schutzraum bekam von der wilden 68er-Jugend den Namen „Autonome Republik Bunker“. Doch sehr kurz darauf fand das Projekt wegen wachsender Drogenprobleme sein Ende. Heute befindet sich dort das städtische Polizeimuseum. Andere Schutzräume werden als Parkhäuser, Musik- und Konzerträume oder Asylunterkünfte genutzt. Das gibt ihnen nicht nur Leben, sondern sie werden auch durch die Vermietungen mitfinanziert, im Fall vom Parkhaus Urania sind das zum Beispiel die Einnahmen aus den Parkgebühren.



 

Oberstes Bild: Zürichsee und Quaibrücke (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

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Über Natalia Muler

Ich schreibe, seit ich schreiben kann, und reise, seit ich den Reisepass besitze. Momentan lebe ich im sonnigen Spanien und arbeite in der Modebranche, was auch oft mit Reisen verbunden ist, worüber ich dann gerne auf den Portalen von belmedia.ch berichte. Der christliche Glaube ist das Fundament meines Lebens; harmonisches Familienleben, Kindererziehung, gute Freundschaften und Naturverbundenheit sind meine grössten Prioritäten; Reisen und fremde Kulturen erleben meine Leidenschaft; Backen und Naturkosmetik meine Hobbys und immer 5 Minuten zu spät kommen meine Schwäche.



3 Kommentare


  1. Zur Limmatstellung gibt es seit dem 7. Juni 2014 einen interessanten Wanderführer für die militärischen Bunkerbauten auf Stadtgebiet.Gefunden auf http://www.limmatstellung.ch

  2. Am 4. Juni 2016 ist das Tor zur Stadt Zürcher Unterwelt „ZIVILSCHUTZ-MUSEUM“ um 14 und 16 Uhr wieder geöffnet. Einzigartig und unterirdisch können Sie eine unvergessliche Zeitreise antreten. Erleben Sie bei einer kostenlosen Führung von 120 Minuten den Einblick in ein tiefes Stück Schweizer Geschichte.
    Zivilschutz-Museum im Bunker Landenberg, Habsburgstrasse gegenüber 17 in Zürich-Wipkingen (www.stadt-zuerich.ch/zivilschutzmuseum)

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