Den Sternen greifbar nah: Moskau und die Kosmonauten

03.04.2014 |  Von  |  Alle Länder, Europa
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Den Sternen greifbar nah: Moskau und die Kosmonauten
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25. Stock, Hotel Kosmos – und ein Gefühl, als könnte ich nach den Sternen greifen. Es ist Sommer in Moskau, und unten am Allrussischen Ausstellungszentrum wimmeln die Menschen wie Ameisen. Die Luft ist klar und erlaubt kilometerweite Sicht – über Kosmonauten-Museum, Sputnik-Denkmal und Park. Das Areal um die alten Pavillons aus Sowjetzeiten ist ein riesiger Rummelplatz, umsäumt von viel sattem Grün.

Im Nordosten Moskaus am Prospekt Mira steht das gigantische 5-Sterne-Hotel Kosmos, eines der grössten Hotels Russlands und Europas. Davor grüsst Charles de Gaulle von seiner Säule in luftiger Höhe, denn ein französisch-sowjetrussisches Konsortium baute das Kosmos anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1980. Doch während die Hotelriesen Rossija und Intourist inzwischen gesprengt wurden, harrt das imposante Kosmos trotzig aus.



Über 3‘000 Personen gleichzeitig verbringen die Nacht in den 1‘777 Doppelzimmern eines Hauses, das es schafft, Businessmeetings für über 2‘000 Personen zu organisieren. Ein altes 5-Sterne-Hotel, das noch den Duft der Sowjet-Ära atmet und im Stil der 1970er eingerichtet ist. Zugegeben, Interieur und Mobiliar haben schon bessere Zeiten gesehen – aber vielleicht macht gerade das den besonderen Charme dieses Hotelgiganten aus?

Charles-de-Gaulle-Denkmal vor dem Hotel Kosmos (Bild: Ed Yourdon, Wikimedia, CC)

Charles-de-Gaulle-Denkmal vor dem Hotel Kosmos (Bild: Ed Yourdon, Wikimedia, CC)

Kosmos: Beste Aussichten

Zwar dominiert im Inneren der Zimmer das typische Sowjetambiente, aber das Kosmos wurde erst 2008 renoviert. Dennoch – wer Duftsäulen, flauschig-dicke Teppiche und eine Auswahl ergonomischer Kopfkissen erwartet, ist hier falsch. Aber das üppige, russisch mächtige Frühstücksbuffet verwöhnt. Neben Würstchen, Schinken und Pelmeni gibt es auch viel frisches Obst. Wie bei meinem ersten Besuch 1986 entscheide ich mich für Tee – noch immer sind die Zuckerstücke doppelt so gross wie in Europa. Ansonsten hat das Kosmos aufgerüstet und bietet eine ganze Reihe an Restaurants von Russisch bis Sushi, dazu Fitnesscenter, Schwimmbad und Sauna.

Gut, nicht jeder kann ganz oben im 25. Stock wohnen, aber auch weiter unten begeistert die herrliche Aussicht auf die brummende Metropole – in jedem Stockwerk lassen sich die Fenster öffnen! Der Sommer verwandelt das Areal am Allrussischen Ausstellungszentrum in einen riesigen Vergnügungsbasar, mit Ponyreiten, Bungeejumping und Autoscootern. Überall Rollerscates, die man hier mieten kann.



Weil wir es nicht erwarten können, kaufen wir uns schon unten in der Hotelbar ein Eis. Der frühere Berioska-Laden, wo man die berühmten Matrjoschka-Puppen bekam – ausschliesslich gegen Devisen, versteht sich – hat diversen Shops Platz gemacht. Aber ein wenig Dunst von 1986, als ich Moskau mit meinem Vater besuchte, scheint noch in den Tapeten zu hängen – noch immer wird in der Lobby geraucht.

Hotel Kosmos im Nordosten Moskaus (Bild: Alesseus, Wikimedia, CC)

Hotel Kosmos im Nordosten Moskaus (Bild: Alesseus, Wikimedia, CC)

Einfach nur Wow! Das Sputnik-Denkmal

Direkt vor der Tür führt die Monorail Moskau auf ihrem Viadukt entlang, eine zur Expo 2010 geplante Einschienen-Hochbahn, die fünf Kilometer Strecke bedient. Als Shanghai den Zuschlag erhielt, baute man die Monorail einfach weiter. Ziel: Moskaus Flughäfen besser ans Stadtzentrum anzubinden. Aber Züge übernahmen diesen Job stattdessen. Ein finanzielles Flop-Projekt, das sich nicht rentiert hat. So gleitet die langsame Monorail quasi neben der Strassenbahn, aber jetzt haben die Touristen die skurrile Hochbahn für sich entdeckt.

Monorail von Moskau mit dem Hotel Kosmos im Hintergrund (Bild: Alex Rave, Wikimedia, CC)

Monorail von Moskau mit dem Hotel Kosmos im Hintergrund (Bild: Alex Rave, Wikimedia, CC)

Angenehme 26 Grad, wolkenlos, strahlender Sonnenschein und wir spazieren ins 200 Hektar grosse Gelände des Allrussischen Ausstellungszentrums, das es schon seit 1932 gibt. Vor uns schnellt eine startende Raumrakete auf ihrem Feuerschweif aus silbrig schimmerndem Titan 110 Meter in den Himmel, eine optisch überwältigende Sputnik-Hommage.

Das 1964 „Für die Eroberer des Weltraums“ gebaute, 250 Tonnen schwere Kosmonauten-Denkmal, ein parabelartig gebogener, sich an der Spitze verjüngender Turm, ist ein Gemeinschaftsprojekt der Künstler Faidysch-Kranijewski, Koltschin und Barschtsch. Und ehrt zum Beispiel Jurij Gagarin: Der Legende nach verschaffte dem nur 1,57 m grossen Kosmonauten dessen stoisches Temperament die Favoritenposition unter zwanzig möglichen Kandidaten – für die spektakuläre Weltumrundung im Raumschiff Wostok. Ebenfalls aus Titan, würde auch das futuristische Gagarin-Monument gut hierher passen – aber es steht natürlich auf dem Gagarin-Platz am Lenin-Prospekt.

Sputnik-Denkmal in Moskau am Mittag (Bild: Ichattopadhyaya, WIkimedia, CC)

Sputnik-Denkmal in Moskau am Mittag (Bild: Ichattopadhyaya, WIkimedia, CC)

Ein Muss: Das Kosmonauten-Museum



An der Kasse des Raumfahrt-Museums zahle ich 200 Rubel (gut fünf Euro) und lese, dass der Eintritt jeden dritten Sonntag im Monat kostenlos ist. Fotos oder Videos machen kostet zwischen 200 bzw. 250 Rubel, aber ich geniesse die Ausstellung lieber ohne Kamera. Der komplette Ausstellungsbereich, der sich direkt unter den „Eroberern des Weltalls“ befindet, ist erfreulich barrierefrei und auch auf seh- und hörbehinderte Besucher eingerichtet.

1964 eröffnet und 1981 erweitert, wurde Moskaus Kosmonauten-Museum inzwischen runderneuert. Schon 1957 schoss die Sowjetunion als erste Nation den künstlichen Erdtrabanten Sputnik (russisch für Weggefährte, aber auch Satellit) ins All. 1960 startete Sputnik-5, besetzt mit Mäusen, Insekten, Pflanzen, Pilzen und weiterer Materie ins All, an Bord auch die berühmten Hunde Belka und Strelka – auch ihre Raumanzüge sind Teil der Ausstellung. Nach erfolgreicher Weltraummission schenkte Hündin Strelka sechs Welpen das Leben, von denen einer als Hund von US-Präsidenten John F. Kennedy ins Weisse Haus einziehen durfte. Dann erst traute sich Juri Gagarin: Jährlich feiert Moskau den 12. April 1961 als Tag der Kosmonauten und durch die UNO initiierten Internationalen Tag des bemannten Raumflugs.

Luna-3-Model im Moskauer Kosmonauten-Museum (Bild: Armael, Wikimedia, CC)

Luna-3-Model im Moskauer Kosmonauten-Museum (Bild: Armael, Wikimedia, CC)

Mit Gagarin und Leonow auf Tuchfühlung

Ich erkenne mein verstaubtes Museum aus Sowjetzeiten kaum wieder: 1986 bestand es lediglich aus gut 100 Exponaten auf 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche, jetzt überall Videowände; Filmdokumentationen und Flugsimulatoren. Zentral gegenüber dem Eingang empfängt uns, von vielen Scheinwerfern angestrahlt, ein sechs Meter hoher Kosmonaut mit ausgebreiteten Armen und einladendem Lächeln. Hinter der Skulptur, die eine Weltkugel aus Bronze bewacht, leuchten farbige Glasfenster.

Der vordere Halbring des Raumfahrtmuseums zeigt wechselnde Themenausstellungen – wie zur Raumstation Mir. Neugierig betreten wir den Nachbau des Basisblocks der Mir. Wie haben die Wissenschaftler im Weltraum gelebt? Geschlafen haben sie in einer Kabine mit Weltall-Blick, auch ein Esstisch mit Raumfahrtlebensmitteln und die Kosmonauten-Toilette kann hier bestaunt werden. Erstaunlich auch die Matroschka-Phantompuppe, nach Vorbild des menschlichen Oberkörpers entwickelt: Matroschka, gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zum Leben erweckt, wohnt auf der Internationalen Raumstation ISS.

Dort soll sie Aufschluss darüber bringen, wie sich kosmische Strahlung auf menschliche Organe auswirkt – bestückt mit hunderten von Sensoren. Sogar ein kleines Flugleitzentrum für Live-Schaltungen zur ISS beherbergt das Museum. Doch Zeit sollte man mitbringen, und wir haben sie: Insgesamt warten über 3000 Einzelattraktionen auf 8500 Quadratmetern, darunter unzählige Raketenmodelle, Sojus-Kapseln und Kosmonautenanzüge. 2014 präsentiert ein interaktives Museum, in dem man Raketenstarts und Landungen sowie Schwerelosigkeit im Flugsimulator live erleben kann.

Lunochod-1-Model im Moskauer Kosmonauten-Museum (Bild: Armael, Wikimedia, CC)

Lunochod-1-Model im Moskauer Kosmonauten-Museum (Bild: Armael, Wikimedia, CC)

Popstars, Kunst und Steine, die Wünsche erfüllen



Überraschend, weil unerwartet die zahlreichen, gänzlich unpolitischen Kunstwerke zum Weltraum: Neben sozialistischem Realismus präsentiert sich Abstraktes, Impressionistisches und Psychedelisches der späten 1960er. Die Künstler? Die Kosmonauten selbst, die wie Alexej Leonow, der im Jahr 1965 für zwölf Minuten ausserhalb seines Raumschiffes im All schwebte, ihre persönlichen Eindrücke verarbeiteten.

Ich erfahre, dass Veteranen der Raumfahrt wie Valentina Tereschkowa, die erste Frau im Weltraum, hier wie Popstars verehrt werden – und es wundert mich nicht. Gut, die zukünftige Finanzierung der Raumfahrt steht auf wackligen Füssen, so dass sich Prestigeprojekte wie das Satelliten-Navigationssystem GLONASS immer wieder verzögern, aber es gibt ja noch den Weltraumtourismus: US-Millionär Charles Simonyi liess sich den Flug ins All schon je zweimal läppische 20 Millionen Euro kosten.

Angesichts solcher Ticketpreise bleibe ich lieber am Boden und kaufe mir ein Päckchen Kosmonautennahrung im Museumsshop. Und lasse es mir nicht nehmen, noch schnell ein paar echte Meteoriten zu berühren, schliesslich soll das Glück bringen – aber nur beim ersten Mal…



 

Oberstes Bild: Hotel Kosmos in Moskau (Bild: Foma, Wikimedia, CC)

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Über Birgit Brüggehofe

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