Des Kremls verlorene Schätze: Zwei Türme – eine Geschichte

29.09.2013 |  Von  |  Alle Länder, Europa
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Des Kremls verlorene Schätze: Zwei Türme – eine Geschichte
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Links und rechts vom Roten Platz stehen wie zwei schöne kunstvolle Klammern zwei Türme – der Erlöserturm und der Nikolausturm. Die Bauwerke sind einander nicht ähnlich, doch in ihrer Geschichte finden wir viele Parallelen. Die letzte davon ist das Schicksal zweier Ikonen, die sich über den Toren der beiden Türme befanden. 

Der Moskauer Kreml wurde nach dem Muster einer Zitadelle errichtet. Kennzeichnend für ihn ist sein Befestigungskomplex, der aus den Begrenzungsmauern und 20 Türmen besteht. Der Erlöserturm mit der berühmten Turmuhr darauf ist der wichtigste davon. Er wurde 1491 während der Regierungszeit des Zaren Ivan III gebaut und erreichte nach einer späteren Ausbaustufe die Höhe von 71 Metern.  In diesem Turm befindet sich das Erlösertor – einst der Haupteingang zum Kreml – hier traten die Regimente den Abmarsch an und hier empfing man die ausländischen Botschafter.



Der Erlöserturm bei Nacht (© Sergey Rodovnichenko / Wikimedia / CC)

Der Erlöserturm bei Nacht (© Sergey Rodovnichenko / Wikimedia / CC)

Das Erlösertor galt als heilig, hauptsächlich wegen der Ikone, die sich über dem Tor befand. Die Ikone wurde als Ausdruck der Dankbarkeit für die Zurückeroberung von Smolensk im Jahre 1514 in Auftrag gegeben.  Die Erlöserikone wurde 1521 zum Gedächtnis an die Befreiung Moskaus von der Belagerung durch den tatarischen Khan Machmet-Girej durch eine direkt an der Turmwand angebrachte Freske ersetzt.

Auf der Ikone wurde Christus der Erlöser mit zwei vor ihm niedergeknieten russischen Heiligen abgebildet. In der Hand hält Christus die aufgeschlagene Bibel. Im Einklang mit der Umgebung steht auf der Bibelseite geschrieben: „Ich bin die Tür; so jemand durch mich eingeht, der wird selig werden“. Viele Details wurden vergoldet, und vor der Ikone brannte unauslöschlich eine Öllampe.



Das Erölertor (Bild: I. Barschewskij)

Das Erölertor (Bild: I. Barschewskij)





Die Verehrung der Ikonen ist eine der Säulen des orthodoxen Glaubens. Es wird heilig geglaubt, dass viele Reliquien wunderbare oder heilende Kraft besitzen. Ganz oben an der Liste befand sich immer auch die Kremls Erlöserikone. Bis zum 19. Jahrhundert musste jeder Besucher, der durch das Tor in den Kreml eintreten wollte, seinen Hut abnehmen und sich als Ausdruck der Ehrerbietung verneigen. Keiner wurde von dieser Pflicht ausgeschlossen – nicht mal die Ausländer oder die Angehörigen anderer Religionen. Die Legende besagt, als Napoleon im eroberten Moskau in den Kreml durch das Erlösertor hineinreiten wollte, weigerte er sich, seinen berühmten Dreispitz abzunehmen. Plötzlich wurde sein Hut durch einen Windstoss weggeblasen. Das gleiche Schicksal widerfuhr bald Napoleon selbst. Mehr noch: Die emsigen Franzosen wollten die kostbare Reliquie rauben. Doch die Ikone zeigte ihre wunderwirkende Kraft: Die Leiter soll während des Raubversuchs umgefallen sein. Beim Abzug französischer Truppen aus Moskau wurde der Befehl erteilt, den Erlöserturm mit der wundertätigen Ikone darauf zu sprengen, doch die angekommenen Kosaken konnten die Zündschnüre  just rechtzeitig auslöschen.

 

Der Nikolausturm (© Sergius / Wikimedia / CC)

Der Nikolausturm (© Sergius / Wikimedia / CC)

Die Geschichte des Nikolausturms enthält viele Anklänge an die des Erlöserturms. Der Nikolausturm wurde 1941 vom gleichen Architekten Pietro Antonio Solari erbaut und   nach der Nikolausikone über seinem Tor benannt. Als Zeuge der turbulenten russischen Geschichte wurde der Turm oft beschädigt, restauriert und umgebaut. Bei all den Änderungen blieb aber unveränderlich nur ein Detail – die Nikolausikone über seinem Tor.





Der Nikolausturm zerstört nach der französischen Atake 1812 (Bild: D. Strukov)

Der Nikolausturm zerstört nach der französischen Atake 1812 (Bild: D. Strukov)

Die 1812 Moskau verlassenden Franzosen wollten den Turm zersprengen. Während der Explosion wurde der Turm zum Teil zerstört, doch erlitt die Nikolausikone keinen Schaden. Im Oktober 1914, als die Bolschewiken den Sturmangriff auf Kreml führten, wurde der untere Teil des Nikolaustors besonders stark beschädigt. Obwohl die Ikone durch viele Einschüsse zerlöchert wurde, blieb das Gesicht vom Heiligen Nikolaus absolut unberührt. Die Gläubigen nahmen das als Wunder auf. Sie wurden in Ihrem Glauben wieder nur bestätigt, als die neue Macht im Frühjahr 1918 zum ersten Mal die Arbeitstagparade feierte. Die Nikolausikone wurde mit einer roten Fahne mit der Anschrift darauf „Religion – das Opium des Volkes“ zugehängt. Die rote Presse berichtete danach, dass starker Wind den Stoff fortgebracht hatte. Augenzeugen behaupteten aber, der Tag sei windstill gewesen und die rote Fahne sei in Stücke gerissen wie vom Schwert zerhaut. In diesen unruhigen und blutigen Zeiten betrachteten die Gläubigen das Geschehen als eindeutiger Beweis der wunderwirkenden Kraft der Ikone.

Seit Anfang 30er Jahren des letzten Jahrhunderts waren über den Toren nichts mehr als zwei weisse Flecken zu sehen: Beide Ikonen galten als vernichtet oder verschwunden.

 



 

Oberstes Bild: Die Türme des Moskauer Kreml (© Wikimedia / GNU)

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Über Natalia Muler

Ich schreibe, seit ich schreiben kann, und reise, seit ich den Reisepass besitze. Momentan lebe ich im sonnigen Spanien und arbeite in der Modebranche, was auch oft mit Reisen verbunden ist, worüber ich dann gerne auf den Portalen von belmedia.ch berichte. Der christliche Glaube ist das Fundament meines Lebens; harmonisches Familienleben, Kindererziehung, gute Freundschaften und Naturverbundenheit sind meine grössten Prioritäten; Reisen und fremde Kulturen erleben meine Leidenschaft; Backen und Naturkosmetik meine Hobbys und immer 5 Minuten zu spät kommen meine Schwäche.


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