Die Palmen- und Schuhstadt Elche: Kinder, Kirchen, Küsse

30.09.2013 |  Von  |  Alle Länder, Europa
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Die Palmen- und Schuhstadt Elche: Kinder, Kirchen, Küsse
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Wie viel kann man über Menschen erfahren, wenn man die Stadt, in der sie wohnen, betrachtet? Im Fall von Elche ganz viel: Seine Geschichte, seine Industrie und Gewerbe, aber auch der Charakter und die Vorlieben seiner Bewohner prägen eindeutig das Stadtbild.

Die Stadt Elche ist die zweitgrösste Stadt in der Provinz von Alicante an der spanischen Costa Blanca. Die Stadt ist sehr reich an Geschichte: Sie wurde im V. Jahrhundert vor Christus gegründet und von Iberern, Römern, Arabern und dann Christen bewohnt. Sie liegt nur 20 Kilometer südwestlich von der Provinzhauptstadt entfernt und ist sehr nah an der Küste. Und obwohl Elche sich mitten in einer stinktypischen Urlaubsgegend befindet, sind die Touristen nicht der Haupteindruck für die Touristen. Mysteriöserweise verschonte der touristische Klonstempel die Stadt: Sie gehört immer noch den Einheimischen, und die Touristen sind hier die Gäste und nicht die Herrscher. Und genau deswegen ist Elche eines Besuches wert.



Die Besonderheiten der Gartenarbeit in Elche (Bild: Natalia Muler)

Die Besonderheiten der Gartenarbeit in Elche (Bild: Natalia Muler)

Wenn man durch die Strassen von Elche spaziert, fallen einem manche Besonderheiten sofort auf. Welche Eindrücke würden nach einem Stadtbesuch in Erinnerung bleiben? Im Fall von Elche sind das ohne Zweifel:

Der Stadtpark in Elche (Bild: Natalia Muler)

Der Stadtpark in Elche (Bild: Natalia Muler)




Palmen. Sie sehen kaum Laubbäume, nur Palmen. Links und rechts, vorne und hinten. Das Pflanzen von Palmen fing noch in der Antike an und wurde von allen Herrschern fortgesetzt. Heutzutage wachsen in Elche mehr als 200.000 Palmen. Somit ist die Palmenpflanzung die grösste in Europa, und nur wenige arabische Pflanzungen  weltweit übertreffen Elche an der Zahl der Palmen. Im Jahre 2000 verlieh die UNESCO der Palmenpflanzung von Elche den Titel Welterbe. Dieses Erbe wird liebevoll gepflegt und weiter angereichert. 2010 pflanzte die Stadt zum Beispiel einen neuen Park: Alle Kinder, die im Jahre 2009 geboren wurden, bekamen eine Palme mit einem Namensschild.





Das Exponat der Kunstausstellung unter dem freien Himmel (Bild: Natalia Muler)

Das Exponat der Kunstausstellung unter dem freien Himmel (Bild: Natalia Muler)

Schuhe. Elche ist als die wichtigste spanische Schuhstadt bekannt. Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie zum Produktionszentrum von Leinenschuhen. Der industrielle Fortschritt verwandelte Elche in Spaniens wichtigsten Schuhproduzenten – 42% der gesamten spanischen Schuhproduktion findet hier statt. Ein grosser Teil der Bevölkerung ist in der Schuhindustrie oder damit verbundenen Servicebereichen beschäftigt. Viele weltberühmte Schuhmarken haben ihren Geschäftssitz hier, aber auch eine Unzahl an mittelgrossen Fabriken und kleinen Werkstätten sind überall in der Umgebung oder gar in der Stadt selbst verstreut. In vielen Erdgeschossen kann man Menschen gebückt über einer Schuhnähmaschine sehen; ein Passant mit einem Sack voll Absätze ist an der Tagesordnung. Und für Damen, die an einem Schuhtick leiden, wird die Stadt zu einem Wahnsinnserlebnis. Die Zahl der Schuhgeschäfte ist enorm, die Auswahl schier unüberschaubar, die Preise günstig bis sehr günstig.





Schuhe von Ana Roman (Bild: Natalia Muler)

Schuhe von Ana Roman (Bild: Natalia Muler)

Aber es kommt noch dicker. Wenn Sie zu den Auserwählten gehören und Schuhgrösse 37 haben, sind Sie nicht mehr zu retten: In den Schlussverkäufen kommen die Musterkollektionen in die Läden und werden zu Witzpreisen verkauft. Alle Muster werden nämlich traditionsgemäss in Grösse 37 angefertigt und für die Firmen nach dem Ablauf der Saison nur zur Last – das heisst, Sie können Schuhe der weltbesten Marken weit unter dem Selbstkostenpreis anschaffen. Und wenn gerade dieses Muster nicht in die Massenproduktion ging, dann können Sie zur stolzen Besitzerin von einem Paar Schuhe werden, das es auf der Welt nur einmal gibt.

Das Kindertheater im Stadtpark von Elche (Bild: Natalia Muler)

Das Kindertheater im Stadtpark von Elche (Bild: Natalia Muler)

Kinder. Die Bedingungen fürs Kinderkriegen sind in Spanien mehr als ungünstig. Kleine Beispiele: Mutterschutz – nur vier Monate, Kindergeld – nur für arbeitende Mütter, nur bis das Kind drei ist, nur hundert Euro pro Monat. Aber bekanntermassen ist der Wunsch, voranzugehen, umso stärker, je stärker der Gegenwind ist. Also kriegen die Spanier unglaublich gerne Kinder. Und sie lieben die Kleinen. Machen Sie ein Experiment: wenn sie in Elche mit kleinen Kindern unterwegs sind, dann schaffen Sie es sicher nicht, drei Mal über die Strasse zu gehen, ohne dass mindestens drei Omas Sie im Zustand der äussersten Entzückung in Kenntnis setzen, dass Sie die bildhübschesten Kinder auf der Welt haben. Von der Kinderliebe erzählt auch die Stadt selbst: Während in Nordeuropa Babygeschäfte zu kleineren Abteilungen in den Grossverkaufsflächen geschrumpft sind, treffen Sie in Elche sehr viele spezialisierte Babyläden, die Ihnen begeistert das unmöglichste und unnützeste Zeug verkaufen, das absolut süss aussieht aber gerade einen Monat lang für ihr frisch geborenes Baby aktuell ist. Aber diese Begeisterung ist ansteckend und schon marschieren Sie voller Begeisterung davon, weil Sie gerade ein paar winzige Babyschuhe (???) mit süssen rosaroten Schleifen darauf gekauft haben.

 

Der Touristenzug in Elche (Bild: Natalia Muler)

Der Touristenzug in Elche (Bild: Natalia Muler)

Freundlichkeit. Die fröhliche mediterrane Stimmung lässt sich gleich spüren. Und es handelt sich nicht um das geschulte touristische Fassaden-Nettsein, sondern die Menschen sind fröhlich und lassen es andere gerne wissen. Was kommt dabei heraus? Sie werden oft beobachten können: Die unbekannten Menschen auf der Strasse sprechen oder lächeln einander leicht an, die Kassiererin im Supermarkt fängt plötzlich an, sich lebhaft mit der Kundin zu unterhalten und ihr die Fotos der Kinder zu zeigen, dabei ärgern sich die Menschen in der Schlange gar nicht darüber, sondern hören gerne zu und nicken zustimmend; der Polizist lässt den kleinen Jungen ins Funkgerät ein bisschen sprechen; die alten Opas in den Parks wärmen sich in der Sonne und den Politikdebatten und gucken Frauen an.

Selbst wenn man in Elche keine Souvenirs kauft, behält man doch im Herzen warme sonnige Erinnerungen an die Stadt.



 

Oberstes Bild: Die Reste der Altstadtmauer (Bild: Natalia Muler)

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Über Natalia Muler

Ich schreibe, seit ich schreiben kann, und reise, seit ich den Reisepass besitze. Momentan lebe ich im sonnigen Spanien und arbeite in der Modebranche, was auch oft mit Reisen verbunden ist, worüber ich dann gerne auf den Portalen von belmedia.ch berichte. Der christliche Glaube ist das Fundament meines Lebens; harmonisches Familienleben, Kindererziehung, gute Freundschaften und Naturverbundenheit sind meine grössten Prioritäten; Reisen und fremde Kulturen erleben meine Leidenschaft; Backen und Naturkosmetik meine Hobbys und immer 5 Minuten zu spät kommen meine Schwäche.



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