Hotel „Moskwa“: Verstehen kann man Russland nicht

23.09.2013 |  Von  |  Alle Länder, Europa
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Hotel „Moskwa“: Verstehen kann man Russland nicht
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Dem grossen russischen Dichter Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew ist es einmal gelungen, das allgemeinbekannte Lebensaxiom seiner Heimat so treffend wie keinem anderen zu reimen: Verstehen kann man Russland nicht, / und auch nicht messen mit Verstand. / Es hat sein eigenes Gesicht. / Nur glauben kann man an das Land.

Der kleine Vierzeiler hat den Autor unsterblich gemacht: Wenn man die Realien des russischen Lebens (Anmerkung am Rande: der historische Zeitpunkt spielt dabei keine Rolle) betrachtet, kann man ihn mehrmals am Tag zitieren.  Das Hotel „Moskwa“ ist eine im wahrsten Sinne des Wortes monumentale Illustration dieser Wahrheit.



Steht man vor dem Hotelgebäude ohne nach rechts und nach links zu blicken, denkt man: gross, uninteressant. Schaut man sich die Umgebung an, dann ist der erste Gedanke: ziemlich unpassend. Der Rote Platz, Kreml und Lenin-Mausoleum um die Ecke, in der Nähe – Historisches Museum, das Grosse Theater, Basilius-Kathedrale, Auferstehungstor – man kann die Geschichte in der Luft spüren. Und mittendrin wie eine falsche Note, die die Harmonie bricht, steht die riesige graue Schachtel – das Hotel „Moskwa“. Doch wenn man mehr über die Geschichte des Gebäudes erfährt, dann sieht man es mit ganz anderen Augen – und man will plötzlich wieder den grossen Tjuttschew zitieren.

Das Hotel wurde zum ersten Grossbauprojekt der jungen und enthusiasmierten Sowjetunion. Abreissen war in Mode, um Platz für den Bau der hellen kommunistischen Zukunft zu schaffen. Noch in den 20er Jahren fing der Alles-Alte-Weg-Wahnsinn an: Die zentrale Marktstrasse Ochotnyj Rjad, die zu Beginn des 20sten Jahrhunderts als der schmutzigste und sanitätswidrigste Stadtbezirk galt, musste von Grund auf rekonstruiert werden. Zwischen 1922 und 1924 wurden massenhaft die Geschäftsläden demoliert, die Alexandr-Newskij-Kapelle und die Paraskewy-Pjatnizy-Kirche in Trümmer gelegt.  Hier musste nun ein neues stadtviertelgrosses Hotel mit nicht weniger als 1000 Zimmern gebaut werden.

Die Projektierung des Hotels geschieht zur gleichen Zeit, als der Konstruktivismus als Architekturstil sich auf dem Höhepunkt der Beliebtheit befindet. Zwei sehr junge und seht eifrige Architekten, natürlich feurige Bekenner des Konstruktivismus, Saweljew und Stapran gewinnen den Projektwettbewerb. Sehr schnell musste nun im historischen Zentrum der Hauptstadt ein riesiger grauer Kasten errichtet werden – das anfassbare Gegenstück zu der Eleganz der alten Moskauer Hotels „Metropol“ und „National“, die die sowjetischen Führer oft und gerne als die Überbleibsel der imperialistischen Vergangenheit brandmarkten, in denen sie aber lange und mit Vergnügen wohnten und arbeiteten.



Ironischerweise, als der Bau schon zum Endspurt ansetzte, änderte sich die Ära. Der uneingeschränkte Machthaber Stalin wurde jeden Tag mächtiger und stand an der Spitze eines richtigen Imperiums. Und Imperien lieben Prunk. Die prachtvolle helle Zukunft hatte noch keine Vorbilder vorzuweisen, deswegen richtete man die Blicke einmütig auf die Antike: so wurde der neue Stil geboren – Stalin-Empire.  Monumentale palastartige Gebäude mit prunkvollen Verzierungen an den Fassaden, Säulen und Türmen waren plötzlich das neue nicht zu widersprechende Wort in der Architektur. Russische Avantgarde, Konstruktivismus und Funktionalismus, die noch vor wenigen Jahren als Emblem der jungen Sowjetunion galten, wurden als „kontrarevolutionär“ deklariert.



Was jetzt? Im Herzen Moskaus stand ein schon fast fertig gebauter schreiender Widerspruch zu der neuen Ideologie. Rasche Rettungsmassnahmen mussten her:  Die jungen Väter des Projekts Saweljew und Stapran versuchten das Gebäude zu verschönern. Die kleinen Feigenblätter, mit denen sie die konstruktivistische Scham bedeckt hatten, fanden die Machthaber zu ungenügend und bescheiden und riefen zur Hilfe Alexei Schtschussew – den anpassungsfähigen Patriarchen der Architektur erst im zaristischen, dann im sowjetischen Russland, und nebenbei Autoren des Lenin-Mausoleums. Nun wurde das Deko-Make-up nochmal gründlich aufgetragen: neoklassizistische dekorative Elemente, Achtsäulenportikus als Vorhalle, Loggien-Arkaden entlang der Hauptfassade und zahlreiche Balkone machten nicht nur das Hotelbild etwas akzeptabler, sondern puderten gründlich den gigantischen Pickel ein, der auf der Nase Moskaus entstanden war.

1935 öffnete das Hotel „Moskwa“ seine Türe für die ersten Gäste, obwohl die Bauarbeiten erst  im Jahre 1977 vollständig beendet wurden. Das neue Hotel sollte zum Symbol der neuen Gleichheit werden. Die Realität wich doch wesentlich vom Plan ab: Obwohl „Moskwa“ als Vorzeigehotel regelmässig die Abgesandten der kommunistischen Parteitage beherbergte, wurde es in der Tat zum Aufenthaltsort der sowjetischen Elite. Die prachtgewohnten Parteibonzen, Opernsänger und Schauspieler mussten ab und zu die Gesellschaft der Melkerinnen dulden, die von den entferntesten Orten der UdSSR zu den Parteitagen delegiert wurden und aus Respekt vor den nie zuvor gesehenen Federbetten auf dem Fussboden schliefen.

Die Baukosten betrugen insgesamt 45 Millionen Rubel – das war dreimal mehr als die geplanten 15 Millionen. Ein Quadratmeter des Hotels kostete 8.000 Rubel – das Vierfache des Monatsgehalts des renommierten Architekten Schtschussew. Während des Zweiten Weltkrieges wurde im Hotel der sowjetische Generalstab stationiert. Die Nähe zum Kreml und das flache Dach, auf dem genug Maschinengewehre Platz fanden, waren für diese Entscheidung ausschlaggebend.

Während der gesamten stalinistischen Diktatur waren die dunklen Gestalten des KGB im Hotel oft zu Gast. Manche Zimmer wurden heimlich überwacht und abgehört. Nicht selten wurden in Ungunst geratene Persönlichkeiten nach Moskau eingeladen, der Aufenthalt im besten Hotel der Hauptstadt inklusive. Nach einem fröhlichen Abend im Hotelzimmer, wenn man unter Freunden laut sagt, was man denkt, fand sich mancher in viel weniger komfortablen Räumen mit Aussichten, die oft nicht mal bis zum nächsten Lebenstag reichten.



Man könnte denken, dass „Moskwa“ als Spiegelbild so vieler turbulenter Geschichtsereignisse wenigstens nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion doch etwas vom normalen Hotelleben erfahren durfte. Doch nein: 2004 wurde das Hotel komplett abgerissen. Das neue Imperium brauchte ein neues Gesicht. Der offizielle Grund – die Baumängel an der alten Struktur –  ist für die breite Öffentlichkeit nichts weiter als falscher Nebel. Die für Jahrhunderte gebaute Nobelherberge wurde dem Erdboden gleichgemacht und an ihrer Stelle entstand…die genaue Nachbildung. Und nur eine Bemerkung am Rande: im Laufe der Bauarbeiten sind 87,5 Millionen Dollar mysteriöserweise und spurenlos verschwunden. Jetzt aber hat die russische Baubranche, die sehr für Korruption und Betrug berüchtigt ist, ein eigenes Denkmal im Zentrum der Hauptstadt – das neue alte Hotel „Moskwa“.

Hotel "Moskwa" (© Alexei Troshin / Wikimedia / GNU)

Hotel „Moskwa“ (© Alexei Troshin / Wikimedia / GNU)

Und noch ein kurioses Detail aus der Serie „Finde zehn Unterschiede“: nach einem kurzen Betrachten merkt man schnell, dass der linke und der rechte Turm des Hotels ziemlich unterschiedlich sind. Die Legende sagt, dass das Projekt mit zwei Varianten der Gestaltung Stalin zur Unterschrift vorgelegt wurde. Auf der Zeichnung wurden durch eine Mittellinie getrennt die beiden Varianten dargestellt – eine eher dekorative und die andere asketisch und trocken. Der Führer, der zwischen den beiden Vorschlägen wählen musste, setzte aber seine Unterschrift direkt in die Mitte. Aus Angst vor dem Diktatoren getraute sich niemand nachzufragen und man führte den Bau mit zwei unterschiedlichen Flügeln aus. Im Neubau sind alle diese Details getreu beibehalten worden.

Und jetzt, wenn man vor dem Hotel „Moskwa“ steht, und die Geschichte dieses Gebäudes kennt, dann sieht man viel mehr als nur einen verschönerten Kasten und denkt man natürlich dabei: „Verstehen kann man Russland nicht…“



 

Oberstes Bild: Briefmarke der Post der UdSSR mit der Abbildung des Hotels „Moskwa“

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Über Natalia Muler

Ich schreibe, seit ich schreiben kann, und reise, seit ich den Reisepass besitze. Momentan lebe ich im sonnigen Spanien und arbeite in der Modebranche, was auch oft mit Reisen verbunden ist, worüber ich dann gerne auf den Portalen von belmedia.ch berichte. Der christliche Glaube ist das Fundament meines Lebens; harmonisches Familienleben, Kindererziehung, gute Freundschaften und Naturverbundenheit sind meine grössten Prioritäten; Reisen und fremde Kulturen erleben meine Leidenschaft; Backen und Naturkosmetik meine Hobbys und immer 5 Minuten zu spät kommen meine Schwäche.



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