Die Spielzeughauptstadt Sergijew Possad: Wir alle stammen aus der Kindheit

07.12.2013 |  Von  |  Alle Länder, Europa
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Die Spielzeughauptstadt Sergijew Possad: Wir alle stammen aus der Kindheit
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Die Entstehung der Stadt Sergijew Possad ist im Wesentlichen dem Dreifaltigkeitskloster zu verdanken. Relativ kurz nach der Gründung des Klosters sind um die Klosteranlage zahlreiche Siedlungen entstanden; das rege religiöse Leben diente als Katalysator für das mittelalterliche Unternehmertum. Die Siedlungen rund um die Klosteranlage wuchsen so schnell, dass sie 1782 durch den Zarenerlass von Ekaterina II. der Grossen zur Stadt mit eigenem Stadtwappen erklärt wurden. Die Stadt erhielt den Namen Sergijew Possad: „Sergijew“  wurde vom Namen des Heiligen Sergius abgeleitet, und „Possad“ bedeutete im Altrussischen so viel wie „Handels-“ oder „Handwerkssiedlung“. 

Das Dreifaltigkeitskloster entwickelte sich sehr schnell zu einem der bedeutsamsten Wallfahrtsorte in Russland. Tausende und Abertausende Pilger kamen jährlich, um sich vor den heiligen Gebeinen von Sergius zu verbeugen und anzubeten, und von den ehrwürdigen Klostervätern gesegnet zu werden. Natürlich brauchten all diese Erleuchtung Suchenden einen Schlafplatz und drei Malzeiten am Tag. So war Sergijew Possad seit dem Mittelalter eine richtig touristische Stadt mit vielen Gasthäusern und Speiselokalen.



Ausserdem war es (und ist heute auch so), dass die Besucher im Kloster unbedingt ein sakrales Erinnerungsstück als Andenken an ihre Pilgerschaft kauften. Sei es ein Holzkreuz oder eine kleine Ikone, diese Andenken waren keinesfalls als banale Souvenirs oder Staubfänger gedacht, sondern sie sollten Segen von dem besuchten heiligen Ort mit nach Hause bringen. Infolgedessen blühten rund um das Dreifaltigkeitskloster solche Handwerke wie Ikonenmalerei und Holzschnitzerei.

Aber neben dem erhabenen, auf das Seelenheil ausgerichteten Handwerk hat sich auch ein ganz anderes Metier entwickelt, das Sergijew Possad ein heiteres Puppengesicht verliehen hat, – nämlich die Kunst der Spielzeugfertigung. So war und bleibt Sergijew Possad nicht nur das Zentrum des russischen geistlichen Lebens, sondern auch die Hauptstadt des märchenhaften Spielzeuglandes.

Tonspielzeug von Dymkowo (Bild: Oblomov2, Wikimedia, CC)

Tonspielzeug von Dymkowo (Bild: Oblomov2, Wikimedia, CC)

Die Anfertigung der Spielwaren entstand in Sergijew Possad schon im 16. Jahrhundert und Ende des 19. Jahrhunderts war die Stadt das Zentrum der russischen Spielwarenindustrie. Rund 5500 Werkstätten oder 80%  der Bevölkerung  widmeten sich zu jener Zeit diesem Gewerbe.



Heutzutage werden die Spielzeuge aus allen möglichen Materialien gefertigt, aber in den Ursprüngen waren es vor allem Erzeugnisse aus Holz. Besonders hoch wurden von den Schnitzern Linden-, Erlen-, Pappel- und Birkenholz geschätzt. Frisches Holz konnte für das Spielzeug nicht verwendet werden und musste zuerst eine Vorbereitungsphase durchlaufen, die bis zwei Jahre dauern konnte. Erst danach hat man aus diesem Holz die Figuren geschnitzt und sie mit bunten Farben verziert. Billige Puppen wurden mit den Leimfarben und teure Stücke mit Aquarell-, Öl- oder Emailfarben bemalt.

Der grössten Beliebtheit erfreuten sich doch die billigen Holzpuppen, die unter dem einfachen Volk den ironischen Kosenamen „Dura“ (auf Deutsch „Närrin“ oder „Törin“) bekommen haben. Eine Dura trug kunterbunte, lustige und auffallende, pompöse und kitschige Kleider, phantasmagorische Hüte mit Verzierungen aus Blumen oder Federn. Sie wirkte aufgeblasen und hochnäsig, aber dabei immer lustig und farbenfroh. Das einfache Volk hat sehr gerne diese Puppen gekauft. Die „Herrinnen“-Puppen waren durch viel feinere Arbeit und filigrane Bemalung gekennzeichnet, weshalb sie auch viel teurer und trotzdem auf den altertümlichen Märkten hoch begehrt waren.

Spielzeugmuseum in Sergijew Possad (Bild: Alex Zelenko, Wikimedia, CC)

Spielzeugmuseum in Sergijew Possad (Bild: Alex Zelenko, Wikimedia, CC)

Gegenüber vom Dreifaltigkeitskloster, in einer der schönsten Ecken von Sergijew Possad, befindet sich das einzigartige Spielzeugmuseum. Das Museum wurde in Moskau gegründet und doch bald danach nach Sergijew Possad verlegt. In zahlreichen Ausstellungsräumen kann man das traditionelle Volksspielzeug aus Holz oder Ton sehen, aber auch wie aus einem Kindermärchen stammende Kollektionen des orientalischen Spielzeugs oder des Spielzeugs des 19. Jahrhunderts, Puppentheaterfiguren und Kinderportraits. Insgesamt beherbergt das Spielzeugmuseum in Sergijew Possad über 30´000 Spielzeuge aus aller Welt unter seinem Dach.

Historische Puppen (Bild: shakko, WIkimedia, CC)

Historische Puppen (Bild: shakko, WIkimedia, CC)




Die fantastische permanente Ausstellung und die regelmässig organisierten thematischen Expositionen sowie innovative Methoden der Museumsarbeit mit Kindern sind die Gründe  der unglaublichen Beliebtheit, die das Museum geniesst. Es ist das zweit meistbesuchte Museum Russlands, übertroffen nur von der Tretjakow-Galerie in Moskau.

Erste russische Matrjoschka (Bild: Wikimedia)

Erste russische Matrjoschka (Bild: Wikimedia)




Im Spielzeugmuseum kann man die erste russische Matrjoschka bestaunen. Matrjoschkas sind die allgemein bekannten, eiförmigen, bunt bemalten und ineinander stapelbaren Holzpuppen – wahrscheinlich das heutzutage am meisten geschenkte russische Souvenir. Irrtümlicherweise werden sie im Deutschen oft „Babuschka“ oder „Mamuschka“ bezeichnet. Der richtige Name „Matrjoschka“ ist die zärtliche Verkleinerungsform vom altrussischen weiblichen Namen „Matrjona“, während „Babuschka“ nichts anderes als „Grossmütterchen“ und „Mamushka“ so etwas wie „Mami“ bedeutet.

Auch heute leben und schaffen zahlreiche Spielzeugkünstler in Sergijew Possad, und es gibt neben der Spielzeugfabrik auch jede Menge Werkstätten, die das alte Gewerbe nach allen Regeln der Kunst fortsetzen. In vielen von ihnen können die Touristen an den angebotenen Workshops teilnehmen, in denen sie eigene Spielzeuge aus Holz schnitzen und anschliessend auch bemalen können.

Sergijew Possad ist ebenfalls der Sitz des in Russland einmaligen wissenschaftlichen Forschungsinstituts des Spielzeugs.



 

Oberstes Bild: Ruschische Matrjoschkas (Bild: Musicaline, Wikimedia, CC)

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Über Natalia Muler

Ich schreibe, seit ich schreiben kann, und reise, seit ich den Reisepass besitze. Momentan lebe ich im sonnigen Spanien und arbeite in der Modebranche, was auch oft mit Reisen verbunden ist, worüber ich dann gerne auf den Portalen von belmedia.ch berichte. Der christliche Glaube ist das Fundament meines Lebens; harmonisches Familienleben, Kindererziehung, gute Freundschaften und Naturverbundenheit sind meine grössten Prioritäten; Reisen und fremde Kulturen erleben meine Leidenschaft; Backen und Naturkosmetik meine Hobbys und immer 5 Minuten zu spät kommen meine Schwäche.


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