Ganz weit draussen – die Azoren

30.10.2013 |  Von  |  Atlantik
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Ganz weit draussen – die Azoren
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Wir haben es schon unzählige Male im Wetterbericht gehört: Das Azorenhoch sorgt für angenehme Temperaturen und Sonnenschein in Mitteleuropa. Damit hat sich das Wissen über die Inselgruppe im Atlantik dann aber auch meist schon erledigt. Dass die Azoren ein wunderbares Reiseziel sind, ist den wenigsten Menschen geläufig.

Die neun bewohnten Haupt- und viele kleinere Inseln gehören zu Portugal, verfügen aber seit 1976 über eine weitgehende Autonomie. Mit ihrer Lage im Atlantik, knapp 1’400 Kilometer vom Festland entfernt, bilden sie den westlichsten Aussenposten der Europäischen Union.





Die Azoren sind geografisch in drei Gruppen aufgeteilt: Die „Grupo Oriental“ im Osten bilden Santa Maria und São Miguel mit der Hauptstadt des Archipels, Ponta Delgada, sowie dem zentralen Sitz der Universität, die sich auf mehrere Inseln verteilt. Faial, Pico, Graciosa, São Jorge und Terceira liegen in der Mitte („Grupo Central“), Flores und Corvo im Westen („Grupo Ocidental“). Die Distanzen sind erheblich – Flores und Santa Maria liegen mehr als 500 Kilometer auseinander.

Azoren, Flores, Lajes das Flores, Hafen. (Urheber: Dreizung / Wiki)

Azoren, Flores, Lajes das Flores, Hafen. (Urheber: Dreizung / Wiki)

Die Azoren waren wohl schon in der Antike bekannt, jedenfalls legen Münzfunde auf Corvo nahe, dass sie schon von den Phöniziern angefahren wurden. Es gab in der Vergangenheit auch Hypothesen, die in den Azoren das sagenhafte Atlantis sahen. Im Jahr 1427 nahm der Seefahrer Diogo de Silves die bis dahin unbewohnten Inseln für Portugal in Besitz, einige Jahre später begann die Besiedlung, übrigens mit einem Irrtum: Die Entdecker hielten die vielen Bussarde auf den Inseln für Habichte (acores) und gaben ihnen deshalb den Namen „Ilhas dos Açores“, die „Habichtsinseln“.

Heute leben hier rund 245’000 Einwohner, mehr als die Hälfte davon auf São Miguel. Die Ökonomie ist geprägt von Landwirtschaft, seit Portugals Beitritt zur EU 1986 vor allem aber auch von Dienstleistungen. Neben der Produktion von Rindfleisch, Mais, Tabak, Wein, Ananas und Orangen wird auch – kaum zu glauben – Tee angebaut. Allerdings trinken die Bewohner ihn fast komplett selbst, so dass nur geringe Mengen in den Export gehen. Fischfang spielt erstaunlicherweise eine untergeordnete Rolle, obwohl die Region zu fischreichsten der Welt gehört.





Pico, von São Jorge gesehen, Azoren. (Urheber: Björn Ehrlich / Wiki / Lizenz: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/GNU-Lizenz_f%C3%BCr_freie_Dokumentation?uselang=de" target="_blank">GFDL</a>)

Pico, von São Jorge gesehen, Azoren. (Urheber: Björn Ehrlich / Wiki / Lizenz: GFDL)




Der Tourismus nimmt seit einigen Jahren stetig zu, ist aber vom Massenbetrieb noch weit entfernt. Die Azoren sind eher Ziel von Individualreisenden, welche die herrlichen Landschaften, die Ruhe und die Abgelegenheit schätzen und geniessen möchten. Wanderer und Naturliebhaber kommen hier voll auf ihre Kosten. Darüber hinaus sind die Inseln naturgemäss ein Paradies für Segler. Lange Sandstrände für einen „klassischen“ Badeurlaub sucht man auf den Azoren allerdings vergeblich. Neben Hotels, Appartments, Bungalow-Anlagen und Pensionen gibt es seit einigen Jahren das Netzwerk Casas Açorianas, das Privatunterkünfte auf nahezu allen Inseln vermittelt. Die teilnehmenden Häuser werden einer strengen Qualitätskontrolle unterzogen. Wer Land und Leute intensiver kennen lernen will, ist hier sehr gut aufgehoben.

Der vulkanische Ursprung der Azoren ist überall deutlich zu erkennen. Erstarrte Lavafelder, zum Teil kahl, zum Teil mit üppiger Vegetation, Schwefelquellen, Lavahöhlen und Vulkankegel wie der Ponta do Pico mit über 2’300 Metern mit tiefen Kraterseen prägen das Bild der Landschaft. Furnas auf São Miguel beispielsweise ist mit seinen Heil- und Thermalquellen ein bekannter und geschätzter Kurort. Das gemässigte, eher feuchte Klima der Inseln wird vom Atlantik bzw. vom Golfstrom bestimmt, extreme Temperaturen gibt es nicht. Die Durchschnittswerte liegen im Januar bei 17° C, im Sommer bei 25° bis 26° C. Allerdings kann es durchaus an einem einzigen Tag zu Wetterkapriolen kommen, wobei sich Regen und strahlender Sonnenschein beinahe im Stundentakt abwechseln.





Flores, Bergmassiv oberhalb Faja Grande. (Urheber: Björn Ehrlich / Wiki / Lizenz: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/GNU-Lizenz_f%C3%BCr_freie_Dokumentation?uselang=de" target="_blank">GNU</a>)

Flores, Bergmassiv oberhalb Faja Grande. (Urheber: Björn Ehrlich / Wiki / Lizenz: GNU)

Das Klima sorgt auch für eine abwechslungsreiche Flora, darunter ca. 70 Pflanzenarten, die nur auf den Azoren vorkommen, darunter der Makaronesische Gagelbaum oder der immergrüne Pau-branco. Die meisten gegenwärtigen Pflanzen wurden allerdings im Laufe der Zeit von den Siedlern eingeführt, darunter die Garten-Hortensie, die zum Aushängeschild der Inseln geworden ist und in den Sommermonaten Juli und August für eine unvergleichliche Blütenpracht sorgt.

Die Vielfalt an Tierarten ist dagegen eher gering, zumindest an Land. Dafür ist die Meesresfauna umso beeindruckender. Rund um die Azoren tummeln sich Rochen, Muränen, Barrakudas, diverse Schildkröten sowie weit mehr als 20 Delphin- und Walgattungen. Whale-Watching gehört zu den beliebtesten Touristen-Attraktionen.

Tradition und Brauchtum werden auf den Azoren bis heute gelebt. Das zeigt sich an den vielen Volksfesten religiöser und weltlicher Natur, von denen die meisten auf die Sommerzeit fallen, und am Jahrhunderte alten Kunsthandwerk. Blumen aus Stoff oder Fischschuppen, Teppiche und Korbwaren aus Maisblättern auf São Miguel, Töpferwaren und Keramik auf Graciosa und Santa Maria, Stickereien und handgewebte Teppiche auf São Jorge, Walzähne mit Malereien oder eingekratzten Ornamenten auf Faial – das sind nur einige der Handarbeiten, die zum täglichen Leben dazugehören.

Insel Corvo, Azoren. (Urheber: Dreizung / Wiki)

Insel Corvo, Azoren. (Urheber: Dreizung / Wiki)




Die Azoren bieten viele Möglichkeiten für einen Aktivurlaub zu Wasser und an Land. Einige Bereiche wie Reiten oder Radfahren befinden sich noch in der Entwicklung, andere sind deutlich ausgeprägt. Bis jetzt kommen aber die meisten Besucher, um sich weit ab vom üblichen Ferienrummel zu erholen und zu entspannen. Dazu trägt auch die vielfältige und landestypische Küche bei. Fast in jedem noch so kleinen Ort gibt es Bars und Restaurants, die zu moderaten Preisen hervorragende Kost auf den Tisch bringen – inklusive inseleigenem Wein. Es gibt auch gehobene Küche, aber wer die Azoren und die sprichwörtliche Gastfreundschaft ihrer Bewohner erleben will, dem seien die Lokalitäten empfohlen, die auch die Einheimischen frequentieren.

Zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass die Inseln mit dem Flugzeug von Mitteleuropa aus gut zu erreichen sind. Eine Schiffsverbindung vom Festland gibt es leider nicht. Innerhalb des Archipels kann man allerdings den Fährverkehr nutzen.

 

Oberstes Bild: Lagao das Furnas, Furnas-See, São Miguel, Azoren. (Urheber: © Kabo design – Fotolia.com)

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Über Ulrich Beck

hat Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert und ist zusätzlich ausgebildeter Mediendesigner im Segment Druck. Er schreibt seit über 30 Jahren belletristische Texte und seit rund zwei Jahrzehnten für Auftraggeber aus den unterschiedlichsten Branchen.


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