Kleine Weltstadt Zürich, Teil 2: Warum Ausländer die Limmatstadt lieben

02.01.2014 |  Von  |  Alle Länder, Europa, Schweiz
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Kleine Weltstadt Zürich, Teil 2: Warum Ausländer die Limmatstadt lieben
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Seit Jahren belegt Zürich die Spitzenplätze in der Liste der Städte mit höchster Lebensqualität weltweit und gleichzeitig ist es eine der teuersten Städte der Welt. Von aussen her scheint es ziemlich kontrovers. Doch wenn man einmal in Zürich ist, wird schon nach einem kurzen Aufenthalt klar: Hohe Lebensführungskosten tun zwar weh (besonders die Mieten, auweia), aber es gibt hier so viele Extras, Angebote und Hot-Spots zum Null-Tarif, dass man alles andere mit geschlossenen Augen in Kauf nimmt.  

Genau diesen städtischen „Sonderleistungen“ verdankt Zürich seinen hohen Platz in der Rangliste der Beratungsfirma „Mercer“, die die Lebensqualität in verschiedensten Städten in der ganzen Welt analysiert. Diese Klassifizierung wird natürlich nicht aus Liebe zu brotloser Kunst gemacht. Die Ergebnisse der Studie benutzen Firmen und staatliche Organisationen als einen Anhaltspunkt für die Festlegung der Gehälter der Mitarbeiter, die ins Ausland entsendet werden.



Dies ist ein Bericht über die Stadt Zürich in mehreren Teilen. Hier das Inhaltsverzeichnis:

1. Teil: Kleine Weltstadt Zürich: Wo der Bus immer pünktlich kommt

2. Teil: Kleine Weltstadt Zürich: Warum Ausländer die Limmatstadt lieben

3. Teil: Kleine Weltstadt Zürich: Badespass mitten in der Stadt



4. Teil: Kleine Weltstadt Zürich: Züricher Bunker – auf das beste Hoffen und auf das Schlimmste vorbereitet sein



5. Teil: Kleine Weltstadt Zürich: Bühne und Sammelbecken gesellschaftlicher Unruhen



6. Teil: Kleine Weltstadt Zürich: Jugend auf den Barrikaden

7. Teil: Kleine Weltstadt Zürich: Downtown Switzerland

Als Ausgangspunkt und Gradmesser dient in der Mercer-Analyse New York. Die letzte Stelle in der Liste belegt Bagdad. Das Städte-Ranking kommt zustande, indem man die Expatriates, also die Mitarbeiter die im Auftrag ihres Unternehmens über längere Zeit im Ausland leben und arbeiten, befragt. Ungefähr 40 Kriterien werden einer strengen Bewertung unterzogen, darunter System der Krankenversorgung, Luftqualität, Sicherheit, kulturelles Angebot, städtische Services und viele mehr.

Die logischen Schlussfolgerungen, die die Firmen aus den Ergebnissen der Studie ziehen: Mitarbeiter, die nach Bagdad geschickt werden, müssen  für die Unannehmlichkeiten des dortigen Lebens reichlich kompensiert werden, und wer für Zürich die Koffer packt, muss dankbar sein, dass er in einer der besten Städte der Welt leben wird.

Taube am Brunnen in Zürich (Bild: Lars Eirich  / pixelio.de)

Taube am Brunnen in Zürich (Bild: Lars Eirich / pixelio.de)

Aber um das zu verstehen, braucht man eigentlich auch keine mehrseitigen ausgeklügelten Studien durchzulesen. Dass Zürich als Wohnort sehr beliebt und begehrt ist, wird ziemlich klar, wenn man sich nur etwas genauer anschaut, was für Ausländer hier wohnen. Es ist überhaupt nicht wie in Portugal während des Baubooms in den frühen 2000ern, als es in einem wirtschaftlich ziemlich zurückgebliebenen Land plötzlich jede Menge Arbeit gab, was einen Gastarbeiterfluss aus noch mehr zurückgebliebenen Ländern nach sich zog.

Oder in Moskau, wo Tadschiken für Bettelgeld die Strassen fegen. Nein, Zürich ist ganz anders. Hier wohnen gern sowohl die Ankömmlinge aus ärmeren Ländern, zum Beispiel der Südamerika oder Südosteuropa. Aber auch die, welche es zu Hause nicht so schlecht haben, Deutsche, Skandinavier oder Briten fühlen sich in Zürich sehr wohl. Genauso wie die russischen Neureichen, die sich in Seefeld, am rechten Ufer des Zürichsees, gerne eine Villa kaufen.

Bei all den Verschiedenheiten ist eins für sie alle gleich: Sie scheuen hohe Lebenshaltungskosten nicht, weil sie hier das gefunden haben, wonach sich eigentlich jeder sehnt – ausgesprochen hohe Lebensqualität. Wenn man dann noch die sehr niedrige Arbeitslosenrate, gute Jobmöglichkeiten und eine verhältnismässig niedrige Steuer in Betracht zieht, dann wundert es einen nicht mehr, dass ca. 30 Prozent der Züricher Bevölkerung Einwanderer sind.

Mühle Tiefenbrunnen in Zürich-Seefeld (Bild: Roland zh, Wikimedia, CC)

Mühle Tiefenbrunnen in Zürich-Seefeld (Bild: Roland zh, Wikimedia, CC)

Viele Ausländer loben buchstäblich alles: Brot und Käse sind unbeschreiblich lecker; die Alpen, wo man das ganze Jahr über Ski fahren oder wandern kann, sind einen Katzensprung entfernt; das Programm des Opernhauses Zürich lässt keine Wünsche übrig; das Wasser im Fluss Limmat und im Zürichsee ist kristallklar und aus allen 1200 Züricher Brunnen („Stellen Sie sich das vor!“) kann man trinken. Im Sommer ist es keine Seltenheit, dass Büroangestellte in der Mittagspause ihre schicken Anzüge und Stiftröcke durch Badehosen und Bikinis wechseln und sich ein schnelles Erfrischungsbad in der Limmat oder im Zürichsee gönnen. „Mittagspause – der kleine Urlaub!“ – sagen die Züricher stolz über diesen kleinen Luxus, denn anders kann man den Badespass im Wasser mit Trinkqualität auch gar nicht nennen.

Badende am Zürichsee (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

Badende am Zürichsee (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

Viele Ausländer empfinden, dass die Zeit an sich in Zürich ganz anders wahrgenommen wird. „Es scheint, dass die Uhren hier langsamer gehen…“, – sind sich viele Nicht-Schweizer einig. Wenn Arbeiten in der Mittagspause oder unzählige Überstunden zu leisten in anderen Ländern mittlerweile zur traurigen Selbstverständlichkeit geworden sind, haben viele Expatriates in Zürich das Gefühl, in einem Arbeitsurlaub zu sein.

Dieses Gefühl ist überhaupt nicht merkwürdig, wenn man beobachtet, wie die Angestellten zu ihrer Arbeitsstelle mit einer der Zürichsee-Fähren ankommen, oder in der Mittagpause ein Glas Weisswein in aller Gemütlichkeit in einem der Restaurants am Seeufer geniessen. Heutzutage, wenn die Firmen oft eine 24-Stunden Arbeitsbereitschaft von ihren Mitarbeitern erwarten, gewinnt das Arbeiten in Zürich eine ganz andere Bedeutung, so die Meinung vieler. In Zürich zu arbeiten, heisst überhaupt nicht weniger produktiv zu sein, dabei leidet man hier in unvergleichbar geringerem Masse am Stress, der Krankheit der modernen Welt. Und das ist nichts anderes als Lebensqualität.



 

Oberstes Bild: Tiefenbrunnen gesehen von Zürichhorn in Zürich-Seefeld (Bild: Roland zh, Wikimedia, CC)

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Über Natalia Muler

Ich schreibe, seit ich schreiben kann, und reise, seit ich den Reisepass besitze. Momentan lebe ich im sonnigen Spanien und arbeite in der Modebranche, was auch oft mit Reisen verbunden ist, worüber ich dann gerne auf den Portalen von belmedia.ch berichte. Der christliche Glaube ist das Fundament meines Lebens; harmonisches Familienleben, Kindererziehung, gute Freundschaften und Naturverbundenheit sind meine grössten Prioritäten; Reisen und fremde Kulturen erleben meine Leidenschaft; Backen und Naturkosmetik meine Hobbys und immer 5 Minuten zu spät kommen meine Schwäche.



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