Kleine Weltstadt Zürich, Teil 7: Downtown Switzerland

09.01.2014 |  Von  |  Alle Länder, Europa, Schweiz
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Kleine Weltstadt Zürich, Teil 7: Downtown Switzerland
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Wenn man durch die Strassen von Zürich flaniert, hat man das Gefühl, in einer ganz aparten Stadt unterwegs zu sein. Geschichte umgibt einen von allen Seiten, und die gegenwärtigen Verhältnisse machen Zürich für seine Einwohner zu einem durchaus angenehmen Ort zum Wohnen und Arbeiten. Tagsüber ist die Stadt mit seinen schönen Läden, Museen, malerischen Gassen, Uferpromenaden und gemütlichen Cafés die Gemütlichkeit und Behaglichkeit höchstpersönlich. Und bei Nacht verwandelt sich Zürich in eine echte Partystadt, wo immer etwas los ist.

Die Ursprünge dieses blühenden Lebens finden sich in viel finstereren Jahren am Ende des 20 Jahrhunderts. Die Stadt wurde mit so vielen Problemen gleichzeitig konfrontiert, deren Lösungen sich nur so mühsam fanden, dass sie allmählich zu einer sogenannten B-Stadt degradierte.



Zürich bei Nacht: Fraumünster, Zunfthaus zur Meisen, Münsterbrücke, Sankt Peter-Kirchturm (Bild: Ikiwaner, Wikimedia, CC)

Zürich bei Nacht: Fraumünster, Zunfthaus zur Meisen, Münsterbrücke, Sankt Peter-Kirchturm (Bild: Ikiwaner, Wikimedia, CC)

In den 90er Jahren verliessen viele grosse Firmen das Zentrum der Schweizer Industrie und verlagerten ihre Produktion in asiatische Länder. Gleichzeitig bemächtigten sich Drogensüchtige wie eine nicht aufzuhaltende Naturgewalt der still gelegten Industriezonen. Die Drogenszene und ihr zweites Gesicht, die Kriminalität, machten ganze Quartiere gefährlich oder gar unbewohnbar. In den Kreisen 4 und 5 drohte zum Beispiel die komplette Verslumung.

Während die industrielle Produktion fast gänzlich zum Erliegen kam und viele Jugendliche die Stadt verliessen, stieg in der Innenstadt die Nachfrage nach Büroflächen und Räumen für Einkaufszentren. Das führte zu massenhafter Stadtflucht, weil die Wohnbevölkerung und viele traditionelle Kleinbetriebe in die  Peripherie umsiedelten.

Sehr kompliziert war auch die Verkehrssituation. Trotz zahlreicher Versuche, wie zum Beispiel der Verkehrsbefreiung des Niederdorfs, konnte man die herrschenden chaotischen Verkehrsverhältnisse nicht in Ordnung bringen, was mit allen anderen Problemen Zürich einen sehr zwielichtigen Ruhm verlieh. „Zürich ist gebaut“ – so klang das Verdikt der damaligen Baudirektorin Ursula Koch. Ihr Spruch ist berühmt geworden, denn er so trefflich das Gefühl der Aussichtslosigkeit zum Ausdruck brach.

Was aber andere Städte von Zürich auf jeden Fall lernen können, ist, wie man sich trotz ernsthafter Lage nicht unterkriegen lässt. Mit der Wahl von Joseph Estermann zum Staatspräsidenten 1990 kam die fast unmöglich geglaubte Wende.





Limmatquai in Zürich (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

Limmatquai in Zürich (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

Dem Drogenproblem wurde endlich die Stirn geboten. Wenn die Drogenszene auch heute in Zürich wie in allen Grossstädten präsent ist, sind ihre Ausmasse für die Obrigkeit eher überschaubar und für die Bevölkerung nicht so lästig.

1996 kam die neue Bau- und Zonenordnung, und plötzlich hörte man von überall „Zürich wird gebaut“ anstatt des alten pessimistischen Slogans. Die ehemaligen industriellen Areale in Zürich-West und Oerlikon verwandelten sich in trendige Stadtquartiere. Besonders nach der Liberalisierung des Gastgewerbegesetzes wurde Zürich neues Leben eingehaucht. Neue Lebens- und Freizeiträume wurden geschaffen, unzählige Restaurants, Bars und Discos eröffnet. Die freie Kunst fand plötzlich ein Zuhause.

Sihlcity auf dem Areal der ehemaligen «Zürcher Papierfabrik an der Sihl» in Zürich-Wiedikon (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

Sihlcity auf dem Areal der ehemaligen «Zürcher Papierfabrik an der Sihl» in Zürich-Wiedikon (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

In leer stehenden Fabrikhallen in Zürich-West wurden viele kleine kreative Betriebe und Ateliers gegründet, Freizeitzentren und Treffpunkte eingerichtet. Die schrägsten Bars und Diskos schossen wie Pilze aus dem Erdboden. Kunstgalerien, Konzerträume, Kleintheater fanden in Zürich-West die wie für sie speziell geschaffenen Nischen: der Glacégarten, die Skaterhalle auf dem Steinfels-Areal und die Kunsthalle auf dem Schoeller-Alreal sind hier zu erwähnen.

Eine faszinierende Symbiose war das Ergebnis dieser Entwicklungen. Die alten Fabrikgebäude mit ihrem Charme des Industriezeitalters wurden zu einem Blumenbeet der alternativen Kultur, die ihr Wort so laut sagte, dass viele dieser Initiativen heute zu festen Grössen nicht nur in Zürich, sondern auch europaweit geworden sind und von einem sehr breiten, auch nicht so alternativen Publikum hoch geschätzt werden. Die Kulturszene zusammen mit neuen Loft-Wohnungen gaben Zürich-West ein absolut neues Image und schufen ein verheissungsvolles Ambiente für Innovation und Kreativität.

Viele Lösungen wurden auch für das herrschende Verkehrschaos gefunden. Das gut ausgebaute Schienennetz brachte täglich Abertausende von Pendlern in die Stadt. Die umweltfreundliche Verkehrspolitik verwandelte Zürich in eine Stadt mit sehr vielen Fussgängerzonen.

Infolge dieser klugen Lebensrettungsmassnahmen erstand Zürich wie der mythische Vogel Phönix aus eigener Asche zum neuen Leben. Um die Jahrtausendwende begann die Stadtbevölkerung wieder zu wachsen, und die gut betuchten Schichten etablierten sich allmählich wieder in der Innenstadt.



Spätestens seit Google sein Forschungszentrum in Zürich eröffnete geniesst die Stadt den Ruhm einer Innovationsmetropole vom Weltrang. Anstatt der verlorenen Arbeitsplätze im Industriebereich gewann die Dienstleistungsbranche, besonders der berüchtigte Bankensektor, stark an Gewicht und schuf eine bedeutende Arbeitsnachfrage.

Bankenzentrum Paradepatz in Zürich (Bild: Matthias Zepper, Wikimedia, CC )

Bankenzentrum Paradepatz in Zürich (Bild: Matthias Zepper, Wikimedia, CC )

So ist heute Zürich: Ein sicherer und angenehmer Wohn-und Arbeitsort, manchmal sogar bieder, je nach Blickwinkel… Und gleichzeitig bilden die umgebauten Industrieareale eine unglaubliche Kulisse für urbanes, kreatives, freches und oft recht lautes Leben. Vielleicht ist es genau dieses Gemisch, das die Stadt so anziehend und faszinierend macht!



 

Oberstes Bild: Zürich- Downtown Switzerland (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

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Über Natalia Muler

Ich schreibe, seit ich schreiben kann, und reise, seit ich den Reisepass besitze. Momentan lebe ich im sonnigen Spanien und arbeite in der Modebranche, was auch oft mit Reisen verbunden ist, worüber ich dann gerne auf den Portalen von belmedia.ch berichte. Der christliche Glaube ist das Fundament meines Lebens; harmonisches Familienleben, Kindererziehung, gute Freundschaften und Naturverbundenheit sind meine grössten Prioritäten; Reisen und fremde Kulturen erleben meine Leidenschaft; Backen und Naturkosmetik meine Hobbys und immer 5 Minuten zu spät kommen meine Schwäche.



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