Philosophiestunde mit den Huskies

10.02.2015 |  Von  |  Allgemein
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Philosophiestunde mit den Huskies
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Wir befinden uns in der Norbottom-Region, im nördlichen Schweden. Weit oberhalb des Polarkreises sind die Tage im Winter kurz und die Sonne lässt sich über ungefähr sechs Wochen gar nicht blicken. Hier in Kangos, einem kleinen, sehr unbekannten Ort zwischen Pajala und Kiruna, nahe der finnischen Grenze, gibt es nichts ausser Natur.

Oder doch? Ein leises Bellen durchbricht die Stille. Ich nähere mich meiner Arbeitsstelle. Das Huskycamp liegt hier im Wald versteckt. Dazu gehören drei Lodges (Wildnishütten), aber vor allem über 100 Alaskan-Huskies.

Alaskan-Huskies sind eine nicht reinrassige Schlittenhunde-Art. Früher wurden Sibirische Huskies oder Malamuten zum Schlittenziehen genommen. Die reinrassigen, grossen, starken Hunde bekommen sehr viel Gewicht bewegt und dienten den Einheimischen, vor allem in Alaska und Kanada, früher dazu, Nahrung oder Baumaterialien zu transportieren.

Im Laufe der Jahre änderten sich die Bedürfnisse und man fing an, die Huskies mit den eigenen Haus- und Jagdhunden zu kreuzen, um eine neue Rasse zu kreieren, welche stark, schnell und vor allem sehr freundlich ist. Der Alaskan-Husky war geboren und wird heute am häufigsten genutzt.

Ich betrete den Zwinger. Die Hunde wissen, dass es jetzt etwas zu essen gibt. Der Lautstärkenpegel steigt ins Unermessliche und fällt schlagartig ab, sobald die Schüsseln mit einem Gemisch aus Trockenfutter und Fleisch gefüllt werden. Die Tiere leben zu zweit oder dritt zusammen und teilen sich einen grossen Zwinger, in dem sie herumtoben können.


Pause auf dem Trail (Bild: © Melanie Kasüske)

Pause auf dem Trail (Bild: © Melanie Kasüske)


Natürlich muss das verdaute Essen auch irgendwohin, und da sind es wieder wir, die Schlittenhundeguides und die Kennelhelfer, die gefragt sind, die Zwinger sauber und in Ordnung zu halten. Natürlich darf hierbei das Schmusen mit den Hunden nicht zu kurz kommen, denn diese sind nicht unsere Zugmaschinen, sondern unsere Freunde und immer für uns da.

Ich bereite alles vor, denn gleich geht es auf eine Tour mit den Gästen, die erst gestern angereist sind. Jeder fährt seinen eigenen Schlitten mit vier Hunden, die Schlittensäcke gefüllt mit allem, was wir brauchen werden.

Es geht auf eine sogenannte „Silence of the Winter“-Tour – drei Tage mit zwei Übernachtungen in Wildnishütten ohne Strom und ohne Wasser. Da wird natürlich einiges benötigt: Hunde- sowie Menschen“futter“, Gaskocher, Axt, Stroh, auf welchen die Hunde nachts schlafen können, um nur ein paar Dinge zu nennen. Jeder Schlitten wird beladen, mein Guideschlitten natürlich mit den schwersten Gegenständen, denn ich werde mit sechs Hunden unterwegs sein.


Schlafplatz der Hunde (Bild: © Melanie Kasüske)

Schlafplatz der Hunde (Bild: © Melanie Kasüske)


Die Gäste kommen, eingehüllt in dicken Klamotten. Die äusseren Schichten haben sie alle in der Lodge ausgehändigt bekommen, nur die unteren Schichten haben sie selber mitbringen müssen. Noch bewegen sie sich wie Micheline-Männchen, aber aus Erfahrung weiss ich, dass sie sich schnell an ihr Winteroutfit gewöhnen werden.

Als wir die Zuggeschirre der Hunde verteilen, fährt die Stimmung im Kennel auf Hochtouren. Die Hunde wissen: „Gleich geht es los!“ Eingespannt vor die Schlitten, springen sie herum, bellen, jaulen und freuen sich, dass sie auserwählt wurden, um auf eine Tour zu fahren.

Eine letzte Überprüfung, und schon starten wir. Ich fahre vorneweg und warte nach ca. 200 Metern auf die Gäste in der Hoffnung, dass alle einen guten Start hingelegt haben und niemand sein Team verloren hat; denn das würde für mich bedeuten, einen Schlitten einzufangen, bevor die Hunde weiterrennen, bis sie nicht mehr können.


Melanie an einem kalten Tag (Bild: © Melanie Kasüske)

Melanie an einem kalten Tag (Bild: © Melanie Kasüske)


Auf einmal ist es ganz leise. Alle Gäste sind hinter mir gestartet, die Tour kann beginnen. Für die nächsten 40-60 km hören wir nur noch das Hecheln der Tiere und das leise Knirschen der Kufen im Schnee.

Die Landschaft ist geprägt von Skulpturen, die der Schnee aus den Bäumen und Sträuchern formte. Wir fahren über Seen, Flüsse und Sümpfe. Dann geht es durch enge Wälder und scharfe Kurven.

Hier und da begegnen uns Rentiere und Füchse. Die eine oder andere Maus auf dem Trail lässt die Hunde noch schneller laufen. Mit dem Schlitten fahren, das ist wie Philosophie. Ich geniesse die Ruhe, den Frieden und dass ich so viele Kilometer abseits von jeglicher Zivilisation bin.


Auf dem Trail (Bild: © Melanie Kasüske)

Auf dem Trail (Bild: © Melanie Kasüske)


Auf halben Wege machen wir eine Pause mit offenem Feuer und leckerer warmer Gemüsesuppe aus der Thermoskanne. Das ist auch dringend nötig bei dieser Kälte, die im Winter bis zu minus 45 Grad runtergehen kann.

Am späten Nachmittag nehmen wir unsere Stirnlampen langsam heraus, und in der Dämmerung erreichen wir die Wildnishütte. Natürlich werden erst einmal die Hunde versorgt, denn sie haben die meiste Arbeit verrichtet. Schlafen werden sie an sogenannten „Stake-Outs“. Das sind Ketten, die schon gespannt von Baum zu Baum bereitliegen. Ein Bett aus Stroh wird ihnen eine warme Nacht bereiten.
Eine leckere Fleischsuppe gibt es zu essen, und schon wird es Zeit, sich um uns Menschen zu kümmern.


Eine der Wildnisshütten (Bild: © Melanie Kasüske)

Eine der Wildnisshütten (Bild: © Melanie Kasüske)


Alle Gäste helfen mit: Ich habe eine gute Gruppe. Zwei Personen gehen Holz hacken, um den Ofen in der Hütte und in der dazugehörigen Sauna anzufeuern, währen die anderen den Eisbohrer nehmen und im nahegelegenen Fluss ein Eisloch für das Wasser zu bohren, während ich das Essen in der Hütte auf dem Gasherd vorbereite.

Nach ein paar Stunden sitzen wir vollgefuttert bei inzwischen gemütlichen 20 Grad vor dem Kamin, erzählen Geschichten, spielen Karten und lassen den Tag Revue passieren.

Früh gehen alle schlafen, denn die viele frische, kalte Luft macht müde, und mit vielen tollen, neuen Eindrücken kuscheln sich alle in ihre Schlafsäcke und ich blase die Kerzen aus.

Über Nacht lasse ich das Feuer im Ofen ausgehen, denn so gewöhnen wir uns schneller wieder an die Kälte, die uns am nächsten Morgen draussen bei den Hunden erwarten wird.

Um 6 Uhr morgens heisst es aufstehen und die Hunde versorgen – und schon kann es losgehen. Auf eine neue Philosophiestunde auf dem Hundeschlitten!

 

Oberstes Bild: © Melanie Kasüske

Über Melanie Kasüske

Vier Jahre hatte ich das Glück als Schlittenhundeguide in Schweden und Finnland zu arbeiten. Hunde faszinierten mich schon immer und nach diesen vier Jahren kann ich sagen, dass sie einem mehr geben als jemals ein Mensch zu geben vermag.
Inzwischen arbeite ich auf einem Kreuzfahrtschiff und sehe so die Welt während ich arbeite. In meinem Urlaub zieht es mich dennoch immer wieder in die Natur zu diversen Wanderungen, die nicht unbedingt Teil einer Fernreise sein müssen, sondern auch gerne in Deutschland stattfinden können.

Webseite: www.world-whisperer.com


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