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Sagrada Familia, Teil 1: Die sehenswerteste Baustelle der Welt

23.10.2013 |  Von  |  Alle Länder, Europa
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Sagrada Familia, Teil 1: Die sehenswerteste Baustelle der Welt
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Ich stehe Schlange, um das zu besichtigen, was streng genommen eine Baustelle ist: Temple Expiatori de la Sagrada Família oder auf Deutsch – Sühnekirche der Heiligen Familie. Es ist November, die feuchte Kälte von Barcelona dringt bis in die Knochen und es gibt keine Jacke oder Schuhe, die davon schützen könnten. Die vor dem Ticketschalter anstehenden Menschen aller möglichen Nationalitäten und Hautfarben zittern allesamt, doch kein Zeichen von Unbehagen ist an ihren Gesichtern zu lesen, nur die Vorfreude. Mir geht es genau so, denn gleich beim ersten Anblick verstehe ich, warum die römisch-katholische Basilika das meistbesuchte Denkmal Spaniens ist.

2011 besuchten die Sagrada Familia in Barcelona 3,2 Millionen Menschen, was selbst den Prado in Madrid und die Alhambra in Granada an die zweite und dritte Stelle rücken lässt. 2005 wurde der Sagrada Familia der UNESCO-Titel „Weltkulturerbe“ verliehen. Die Basilika stand auf der Kandidatenliste des weltweiten Wahlverfahrens, in dem „Sieben neue Weltwunder“ der modernen Welt bestimmt wurden.  Sie ist einer der „Zwölf Schätze Spaniens“ und eines der „Sieben Wunder Kataloniens“.

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Bei all den Titeln und immer weiter steigenden Besucherzahlen ist die Sagrada Familia im Grunde genommen die grösste Kirchenbaustelle der Welt. Diese Anziehungskraft, die der Bau, dessen grösster Teil noch Luft ist, auf die Menschen ausübt, veranschaulicht wahrscheinlich am bildhaftesten das Idealistische „erst Idee, dann Materie“.  Die Bauarbeiten sollen nach letzten Prognosen voraussichtlich 2026, erst im hundertsten Todesjahr seines Haupterschaffers Antoni  Gaudí nach einer fast anderthalb Jahrhunderte dauernden Bauzeit abgeschlossen werden.

Da man an der Sagrada Familia so lange baut, geht es hier mehr als um eine Kirche. Sie ist eine in Stein gehauene Lektion über die Entwicklung der Architektur in den letzten 150 Jahren: Vom neukatalanischen Stil, einer Variante der Neugotik, über Gaudís einzigartigen Modernismus bis hin zu den in der heutigen Zeit entstandenen Elementen der Moderne.





Sagrada Familia im Jahre 1915

Sagrada Familia im Jahre 1915

Der erste Stein des zukünftigen Wunders wurde am 19. März 1882 gelegt. Der Buchhändler Josep Maria Bocabella und der Priester Manyanet  hatten die Idee eine neue Kirche zu bauen, um dadurch den Kult der Heiligen Familie und die christlich-katholische Erziehung der Kinder und Jugendlichen zu fördern. Dafür kauften sie ganz billig ein Grundstück im Barcelonas Viertel Ensanche, das heute einer der zentralen Stadtteile ist, damals aber noch freies unbebautes Feld war.

Der Bau wurde im neugotischen Stil angefangen. Doch als man den 31 Jahre jungen Antoni Gaudí zum leitenden Architekten der Sagrada Familia ernannte, wurden alle alten Pläne über Bord geworfen, und der junge Architekt, der bis dato noch keine grossen Bauwerke vorzuweisen hatte, begann seine architektonische Entdeckungsreise, die bis zu seinem Lebensende dauerte. Gaudí widmete der Sagrada Familia die restlichen 43 Jahre seines Lebens, die letzten 15 davon war er ausschliesslich und allein mit der Basilika beschäftigt.





Die Krypta (Canaan, Wikimedia, GNU)

Die Krypta (Canaan, Wikimedia, GNU)

Von den ersten Bauplänen zeugt nur die neugotische Krypta, die  im Moment der Leitungsübergabe an Gaudí fast fertig wurde. Diese lies Gaudí stehen, obwohl er das Gewölbe so weit nach oben erhöhte, bis er den Effekt von ausreichend Licht und Luft erreichte. Der Rest des Werkes wurde von Gaudí neu konzipiert und kann als ein Tagebuch der Entwicklung seines eigenartigen, unverwechselbaren Stils dienen.



Gaudi sah in der Natur die Hauptquelle der Inspiration und ging den Weg, der in allen menschlichen Versuchen zu schöpfen am weitesten reicht: Er studierte gründlich und ahmte das schon Geschaffene nach. Die Sagrada Familia wurde vor allem von der Salpeterhöhle von Collbató und dem Berg von Motserrat inspiriert. Das katalanische Genie wollte in seinem Werk die Baugesetze der Natur wiedergeben, in denen die geometrischen Regelformen ausschlaggebend sind. So ist ein Bauwerk entstanden, das mehr einem Naturwunder, fast einem beseelten Lebewesen ähnelt.





Der Berg Montserrat (Tobias Mercer. Wikimedia, GNU)

Der Berg Montserrat (Tobias Mercer. Wikimedia, GNU)

Auch die Zeit-Geld-Variable bestimmte im grossen Mass die Bauweise der Basilika. Erstens wusste Gaudí genau, dass er zu seinen Lebzeiten sein Meisterwerk nicht vollendet sehen würde. Deswegen entschied er sich, anstatt der Gesamtfläche nach Schritt für Schritt gleichmässig in die Höhe zu bauen, die Komponenten zu bestimmen, die von Anfang bis Ende gebaut und gestaltet werden mussten. Nie existierte ein abgeschlossener Bauplan der Gesamtkonstruktion: In jeder Bauphase, die zu Ende ging, schöpfte Gaudí die Inspiration für den nächsten Schritt, veränderte, erneuerte und passte seine Ideen kontinuierlich an. Obwohl der Architekt sich über Jahrzehnte rastlos und unermüdlich der Sagrada Familia widmete, konnte er am Ende seines Lebens gerade nur die Geburtsfassade fast in vollem Umfang errichtet sehen.



Zum Zweiten wurde die Sagrada Familia von Anfang an durch Spenden finanziert. Wenn das Geld knapp wurde, verlangsamten sich die Bauarbeiten oder wurden sogar für eine Zeit lang stillgelegt.  Diese Zeit nutzte Gaudí, um zu experimentieren. Er lebte auf der Baustelle, rechnete, plante, probierte aus, malte Skizzen, baute Modelle, entwarf Skulpturen. Nur um ein kleines Beispiel zu nennen, kostete Gaudí der Entwurf eines einzigen Fensters zwölf Jahre intensivster Arbeit. Nach dem Tod des genialen Architekten hatten seine Nachfolger keinen einheitlichen Bauplan, sondern tausende Ideen, von denen nicht mal alle zu Papier gebracht waren. Und als ob des Wirrwarrs nicht genug gewesen wäre, drangen 1936 die militanten antiklerikalen Banden in die Basilika ein, wo sich Gaudís Werkstatt mit all den Skizzen, Modellen und Entwürfen befand, und setzten sie in Flammen. Von dem sowieso chaotischen Erbe des Genies ist dann so wenig geblieben, dass die am Bau der Sagrada Familia arbeitenden Architekten, die seit fast hundert Jahren in Gaudís Fussstapfen treten wollen, erstmals die schwierige Frage beantworten müssen, wohin seine Fussspuren denn überhaupt führen.

 

Oberstes Bild: Sagrada Familia in Barcelona (Year of the dragon, Wikimedia, GNU)

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Über Natalia Muler

Ich schreibe, seit ich schreiben kann, und reise, seit ich den Reisepass besitze. Momentan lebe ich im sonnigen Spanien und arbeite in der Modebranche, was auch oft mit Reisen verbunden ist, worüber ich dann gerne auf den Portalen von belmedia.ch berichte. Der christliche Glaube ist das Fundament meines Lebens; harmonisches Familienleben, Kindererziehung, gute Freundschaften und Naturverbundenheit sind meine grössten Prioritäten; Reisen und fremde Kulturen erleben meine Leidenschaft; Backen und Naturkosmetik meine Hobbys und immer 5 Minuten zu spät kommen meine Schwäche.



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