Thuner Quartiere: Warum Lerchenfeld, Dürrenast, Gwatt & Co. unterschiedlich sind

Thun besteht offiziell aus 13 Quartieren. Doch ihre Unterschiede reichen weit über Namen und Verwaltungsgrenzen hinaus. Frühere Dörfer, eingemeindete Gemeinden, Verkehrsachsen, der Waffenplatz, die Aare und der Thunersee haben Stadtteile mit eigenen Identitäten entstehen lassen.

Wer Thun nur mit Schloss, Altstadt und See verbindet, übersieht einen grossen Teil der Stadtgeschichte. Lerchenfeld, Dürrenast, Gwatt, Goldiwil oder das Westquartier entwickelten sich unter völlig anderen Voraussetzungen. Einige blieben lange ländlich, andere wurden durch Genossenschaftsbauten, Bahnlinien oder den Tourismus geprägt.

Eine Stadt aus 13 verschiedenen Quartieren

Die Stadt Thun gliedert sich heute in Innenstadt, Dürrenast, Lerchenfeld, Goldiwil, Lauenen-Hofstetten-Ried, Seefeld, Hohmad, Westquartier, Allmendingen, Neufeld, Gwatt, Schoren und Buchholz. Diese Einteilung fasst Gebiete zusammen, deren Geschichte teilweise lange vor ihrer Zugehörigkeit zur Stadt begann.

Um 1800 war das Gebiet südwestlich des damaligen Stadtkerns nur dünn bebaut. Landwirtschaftliche Flächen, Allmenden und einzelne Bauernhäuser bestimmten die Umgebung. Entlang alter Wege bestanden kleinere Siedlungen wie Scherzligen, Gwatt, Schoren, Buchholz und Allmendingen. Sie gehörten damals nicht zur Stadt Thun, sondern zur Gemeinde Strättligen.

Auch die Topografie setzte klare Grenzen. Die Aare, der See, bewaldete Geländestreifen und die Hänge über der Stadt lenkten die Bebauung. Später kamen künstliche Trennlinien hinzu: Eisenbahn, Autobahn, Militärflächen und grosse Gewerbezonen. Manche Quartiere wuchsen dadurch zusammen, andere blieben räumlich und gesellschaftlich auffällig eigenständig.

Lerchenfeld: ein Quartier zwischen natürlichen und gebauten Grenzen

Das heutige Lerchenfeld hiess ursprünglich „Rossweid“. Das Gelände diente überwiegend als Weideland und lag am Rand eines Landschaftsraums, der bis zum Kanderdurchstich von 1714 durch den früheren Lauf der Kander beeinflusst wurde. Bereits 1552 entstand beim Übergang ein Zollhaus, doch eine eigentliche Wohnbebauung setzte erst in den 1870er-Jahren ein.

Der Name Lerchenfeld etablierte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ab 1908 nahm die Bautätigkeit deutlich zu. Ein Schulhaus und eine Bahnstation folgten 1926, die Kirche wurde 1951 errichtet. Die Bahnstation verlor später ihre Funktion und wurde 2008 geschlossen.


Lerchenfeld entwickelte durch seine abgegrenzte Lage ein besonders ausgeprägtes Quartierbewusstsein.

Bis heute wird Lerchenfeld von starken Raumkanten eingefasst. Dazu gehören die Aare, die Bahn, die Autobahn, der Chandergrienwald und das Gelände des Waffenplatzes. Diese Begrenzungen erschwerten eine nahtlose Verbindung mit den übrigen Stadtteilen, stärkten jedoch zugleich das Gefühl, in einem eigenen Ort innerhalb der Stadt zu leben.

Die besondere Lage erklärt, weshalb lokale Vereine und Quartierorganisationen hier eine wichtige Rolle spielen. Identität entstand nicht allein aus historischen Gebäuden, sondern auch aus der Erfahrung räumlicher Abgeschlossenheit. Lerchenfeld ist damit ein Beispiel dafür, wie Verkehrs- und Landschaftsgrenzen soziale Zugehörigkeit fördern können.

Dürrenast: vom Weideland zum städtischen Wohnquartier

Der Name Dürrenast ist bereits 1573 schriftlich belegt. Das Gebiet wurde lange als Weideland genutzt. In der Nähe des heutigen Lachenkanals befand sich ein Anlegeplatz, doch noch 1783 standen im Gebiet lediglich vier Häuser. Erst ab etwa 1870 entwickelte sich eine zusammenhängendere Siedlung mit eigener Infrastruktur.

Dürrenast gehörte wie Gwatt, Schoren, Buchholz und Allmendingen zur Gemeinde Strättligen. Mit deren Eingemeindung im Jahr 1920 wurde das Gebiet Teil von Thun. Seine dörfliche Vergangenheit verschwand jedoch nicht schlagartig. Alte Wegverbindungen und einzelne historische Strukturen blieben erhalten, während dazwischen neue Wohnhäuser entstanden.

In den 1950er- und 1960er-Jahren veränderte eine intensive Bautätigkeit das Quartier grundlegend. Mehrfamilienhäuser, Genossenschaftssiedlungen und neue Versorgungsangebote verliehen Dürrenast einen städtischen Charakter. Zugleich blieb die Nähe zu Schadau, Scherzligen, Lachen und See ein wichtiger Bestandteil der lokalen Identität.


Schadau und das Seeufer verbinden Dürrenast mit der frühen Tourismus- und Erholungsgeschichte Thuns.

Die Bahnlinie bildet in Dürrenast eine deutlich wahrnehmbare Grenze. Gleichzeitig verbinden Buslinien, Hauptstrassen sowie Fuss- und Velowege das Quartier eng mit Bahnhof, Innenstadt und den südlichen Stadtteilen. Diese Mischung aus Abgrenzung und guter Erreichbarkeit prägt den Alltag bis heute.

Dass Dürrenast nicht wie ein gewöhnlicher Vorort wirkt, hängt auch mit seiner historischen Tiefe zusammen. Das Quartier besitzt Spuren verschiedener Epochen: das alte Scherzligen, repräsentative Anlagen des 19. Jahrhunderts, Wohnbauten der Nachkriegszeit und neuere Verdichtungsprojekte.

Gwatt, Schoren und Buchholz: die Spuren der Gemeinde Strättligen

Gwatt lag am alten Oberlandweg, der von Thun über Scherzligen in Richtung Berner Oberland führte. Eine entscheidende Veränderung brachte 1822 der Bau der heutigen Gwattstrasse. Sie war Teil einer neuen Verbindung durch das Kandertal und erleichterte den Personen- und Warenverkehr.

An die ältere Herrschaftsgeschichte erinnert der Strättligturm. Der Turm wurde 1699 und 1700 auf den Überresten der ehemaligen Burg Strättligen errichtet. Von 1701 bis 1872 diente er als Pulver- und Materiallager. Damit verbindet das Bauwerk mittelalterliche Herrschaft, bernische Verwaltung und Militärgeschichte.

Schoren und Buchholz bewahrten länger einen ländlich geprägten Charakter. Bauernhöfe, lockere Bebauung und grössere Freiflächen unterschieden sie von den dichter bebauten Teilen Thuns. Mit dem Wachstum der Stadt rückten Wohnsiedlungen und Gewerbeflächen näher, ohne die alten Siedlungsstrukturen vollständig zu verdrängen.



Allmendingen nahm ebenfalls eine eigene Entwicklung. Der historische Dorfkern und die Lage südwestlich des grossen Militärgeländes verhinderten lange eine direkte Verschmelzung mit der Kernstadt. Noch heute wirkt die Verbindung mit den angrenzenden Landschaftsräumen stärker als in vielen innerstädtischen Quartieren.

Die Eingemeindung Strättligens machte Thun 1920 auf einen Schlag wesentlich grösser. Politische Grenzen verschwanden, doch gewachsene Ortsbezeichnungen, Vereine und soziale Netzwerke blieben bestehen. Deshalb werden Gwatt, Schoren, Buchholz und Allmendingen trotz gemeinsamer Stadtverwaltung bis heute als unterscheidbare Lebensräume wahrgenommen.

Westquartier, Neufeld und Hohmad: geplantes Wachstum

Die Entwicklung westlich der Innenstadt wurde stark vom Waffenplatz beeinflusst. Die 1819 gegründete Militärschule und die anschliessende Ausdehnung militärischer Anlagen belegten grosse Flächen der Thuner Allmend. Die Stadt konnte sich deshalb nicht gleichmässig nach Westen ausbreiten, sondern wuchs verstärkt nach Norden und Süden.

Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden im Westquartier und im Lerchenfeld die ersten Thuner Wohnbaugenossenschaften. Die Stadt unterstützte den Bau von erschwinglichen Wohnungen unter anderem durch Land im Baurecht und finanzielle Hilfen. Zwischen 1943 und 1960 folgten weitere genossenschaftliche Siedlungen, besonders im Westquartier, im Neufeld und in Dürrenast.

Diese Gebiete wurden stärker geplant als die alten Dörfer. Strassenraster, Siedlungsgruppen, Grünräume und gemeinschaftliche Einrichtungen entstanden häufig als zusammenhängende Projekte. Dadurch erhielten sie ein anderes Erscheinungsbild und eine andere soziale Struktur als die kleinteilig gewachsene Altstadt.

VIDEO ZUM ARTIKEL
Wie der Tourismus Thun und den Thunersee veränderte
Interlaken
Tourismusgeschichte · Thunersee
Hundert Jahre organisierte Tourismusentwicklung
Der Beitrag ordnet die Entwicklung der Ferienregion ein und ergänzt die Quartiergeschichte um die touristische Perspektive.
Historischer Zusammenhang
Tourismus, Dampfschifffahrt und Hotellerie beeinflussten besonders die Entwicklung der innenstadt- und seenahen Gebiete.
Video: Interlaken
Ergänzende Video-Dokumentation

Der Ausbau des Detailhandels veränderte die westlichen und südlichen Quartiere zusätzlich. Migros eröffnete 1964 Filialen in Dürrenast und Neufeld. Das 1977 eröffnete Zentrum Oberland verlagerte weitere Einkaufsfunktionen aus der Innenstadt an gut erreichbare Standorte ausserhalb des historischen Kerns.

Das Westquartier, das Neufeld und Hohmad stehen deshalb für die Phase, in der Thun von der kompakten Kleinstadt zur regionalen Wohn-, Arbeits- und Einkaufsstadt wurde. Ihre Identität gründet weniger auf mittelalterlichen Bauwerken als auf Industrie, Militär, Genossenschaftswesen und der Stadtplanung des 20. Jahrhunderts.


Bahnhof, Bahnlinien und Hauptverkehrsachsen wurden zu entscheidenden Faktoren der modernen Thuner Stadtentwicklung.

Innenstadt, Seefeld und Hofstetten: Handel und Tourismus

Die Innenstadt entwickelte sich rund um den befestigten historischen Kern, den Schlossberg und die Aareübergänge. Handel, Verwaltung und Märkte konzentrierten sich hier auf engem Raum. Die Hochtrottoirs der Oberen Hauptgasse erinnern daran, wie stark die wirtschaftliche Nutzung die Bauform der Altstadt beeinflusste.

Im 19. Jahrhundert kamen Tourismus und Hotellerie als wichtige Kräfte hinzu. Dampfschiffe, neue Strassen und die Eisenbahn machten Thun für Reisende leichter erreichbar. Repräsentative Hotels, Villen und Gartenanlagen entstanden besonders in Richtung See und prägten Gebiete wie Seefeld, Hofstetten und Schadau.

Lauenen-Hofstetten-Ried verbindet innenstadtnahe Lagen mit ansteigendem Gelände. Die Hanglage führte zu anderen Grundstücksformen und Bautypen als in der Ebene. Aussicht, Ruhe und die Nähe zum Zentrum machten das Gebiet früh als Wohnlage attraktiv.

Ein aktueller belmedia-Beitrag über Schweizer Kleinstädte mit kurzen Wegen beschreibt, wie eng Altstadt, Aare, Schloss und See in Thun miteinander verbunden sind. Diese Nähe prägt vor allem die zentralen und seenahen Quartiere – nicht jedoch alle Teile der Stadt gleichermassen.

Goldiwil: ein Dorf über der Stadt

Goldiwil besitzt aufgrund seiner Höhenlage eine deutlich andere Entwicklungsgeschichte. Historisch wurde zwischen dem Dorf „ob dem Wald“ und dem Gebiet „nid dem Wald“ unterschieden. Während der höher gelegene Teil landwirtschaftlich und dörflich geprägt blieb, entstanden weiter unten stärker auf Handel, Gewerbe und Tourismus ausgerichtete Strukturen.

Die frühere Gemeinde wurde im frühen 20. Jahrhundert in Thun eingegliedert. Trotzdem bewahrte Goldiwil viele Merkmale eines eigenständigen Dorfes: einen klaren Ortskern, lokale Vereine, landwirtschaftliche Flächen und eine unmittelbare Beziehung zur umgebenden Landschaft.

Die Distanz zur Innenstadt wird weniger in Kilometern als durch den Höhenunterschied spürbar. Dieser beeinflusst Verkehr, Bebauung und Alltag. Goldiwil zeigt besonders deutlich, dass eine politische Eingemeindung räumliche und kulturelle Eigenständigkeit nicht automatisch aufhebt.


Die Wohngebiete rund um den Thunersee stehen für eine Entwicklung, die Landschaft, Erholung und dauerhafte Besiedlung miteinander verband.

Warum Quartiergrenzen bis heute Bedeutung haben

Quartiergrenzen sind selten scharfe Linien. Häufig entstehen sie aus einer Kombination von Geschichte, Topografie und Alltagswegen. Eine Bahnunterführung, ein Waldstreifen oder eine Hauptstrasse kann für das Zugehörigkeitsgefühl wichtiger sein als eine offizielle Verwaltungskarte.

Hinzu kommen unterschiedliche Bauzeiten. Ein mittelalterlicher Stadtkern, ein ehemaliges Bauerndorf, eine Genossenschaftssiedlung der 1940er-Jahre und ein verdichtetes Neubaugebiet bringen jeweils andere Strassenräume, Wohnformen und Treffpunkte hervor. Daraus entstehen verschiedene Erwartungen an Verkehr, Freiräume, Schulen und lokale Versorgung.

Die Stadt untersucht deshalb auch in äusseren Quartieren, wo räumliche Defizite bestehen und welche Entwicklungsmöglichkeiten vorhanden sind. Dabei geht es nicht nur um zusätzliche Wohnungen. Plätze, sichere Wege, Grünräume und Begegnungsorte entscheiden mit darüber, ob ein Quartier trotz baulicher Verdichtung seine Identität behalten kann.

Für die touristische Wahrnehmung bleibt die Innenstadt dominant. Der Beitrag „Thun, eine Perle am Thunersee“ hebt die Verbindung von historischen und modernen Bauten hervor. Die Entstehung dieser Gegensätze lässt sich jedoch erst vollständig verstehen, wenn auch die ehemaligen Dörfer, die Militärflächen und die Wohnquartiere des 20. Jahrhunderts berücksichtigt werden.

Thuns Vielfalt ist somit kein zufälliges Nebeneinander. Sie ist das Ergebnis mehrerer Stadtgeschichten, die sich überlagern. Lerchenfeld erzählt von räumlicher Abgrenzung, Dürrenast vom Wandel eines Weidegebiets, Gwatt und seine Nachbarquartiere von Strättligen, das Westquartier vom genossenschaftlichen Wohnungsbau und Goldiwil von einer dörflichen Identität über der Stadt.

Gerade diese Unterschiede machen Thun lesbar. Wer die Quartiere miteinander vergleicht, erkennt, wie Flüsse, Strassen, politische Entscheide, wirtschaftliche Veränderungen und lokale Gemeinschaften eine Stadt formen – und weshalb ein gemeinsamer Stadtname nicht bedeutet, dass überall dieselbe Geschichte erzählt wird.

 

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