Indiens Geruch: Zwischen Patchouli und Müll

27.12.2016 |  Von  |  Asien
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Indiens Geruch: Zwischen Patchouli und Müll
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Indien ist extrem. Extrem gross, extrem laut und extrem, sagen wir, geruchsintensiv. Für viele ist Indien ein Sehnsuchtsland mit all seinen Farben, Religionen und wunderschönen Landschaften. Andere können sich kaum vorstellen, einen Fuss in das Land zu setzten, aus Angst, nicht mit der Armut, den hygienischen Verhältnissen und den Menschenmassen umgehen zu können.

Chaos, Lärm und Menschenmassen – Tatsache ist, Indien ist bunt, laut und betörend, eine echte Herausforderung für alle Sinne.

Ich hatte euch bereits davon erzählt, wie Indien klingt. Heute will ich euch mitnehmen in die Welt der indischen Gerüche und da kommt eine gute Bandbreite zusammen.

Der Duft von frisch gebackenem Chapati mischt sich mit dem von Abwasserpfützen. Der Duft reicht von einem Extrem ins andere. Zwischen süssem Patchouliduft und beissendem Müllgestank liegen oft nur wenige Meter. Auch hier gilt: Indien ist ein Land der Extreme.


In Goa gibt es allabendlich BBQ und der Duft von gegrilltem Fisch liegt in der Luft. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)

In Goa gibt es allabendlich BBQ und der Duft von gegrilltem Fisch liegt in der Luft. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


Indisches Essen: Gewürze, Knoblauch, Fett

Ghee, das typisch indische Butterfett, brutzelt in den Töpfen und verbreitet einen süsslichen butterigen Duft. Frisch gebackenes Chapati kommt aus dem Ofen, der Geruch von Tee strömt in die Nase.

Die Aromen der indischen Küche liegen in der Luft und das zu jeder Tageszeit. Schon früh morgens rieht es nach Knoblauch, Kreuzkümmel, Kurkuma und Koriander. Der Duft indischer Gewürze ist betörend und so charakteristisch. Und er ist hartnäckig, er setzt sich auf Haut, Haaren und Kleidung fest.

Je nach Region variieren die Düfte. In Goa kommt mir der Duft von frisch gegrilltem Fisch in den Sinn, im hohen Nordern der leicht saure Geruch vom Yakkäse.

Ich muss in Berlin nur an einem indischen Restaurant vorbeigehen und schon ist er da, der Indien-Flashback.


Chapati, das indische Brot ist die typische Sättigungsbeilage. Der Duft von frisch gebackenem Brot ist einer der leckersten. (Bild: © Julia

Chapati, das indische Brot ist die typische Sättigungsbeilage. Der Duft von frisch gebackenem Brot ist einer der leckersten. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


Rituale: Von Räucherwaren und Ölen

Der schwere Patchouliduft, den man aus den kleinen indischen Läden in Deutschland kennt, ist in Indien überall. Räucherstäbchen brennen in den Häusern, den Geschäften und natürlich in den Tempeln. Sie gehören zu den religösen Ritualen und somit auch zum Alltag der Inder.

Bei den abendlichen Aarti, den Dankesritualen am Fluss, spielen die Gerüche eine grosse Rolle. Der Duft von Kräutern, Sandelholz und Harzen schafft eine magische Atmosphäre.

Das Räuchern von kostbaren Materialien ist eine Opfergabe und dient zur rituellen und atmosphärischen Reinigung. Der Duft von ätherischen Ölen und Räucherwerk ist intensiv und sicher nicht jedermanns Sache. Ich aber liebe den schweren Geruch und freue mich immer, wenn ich eine Räucherstäbchen entzünde oder an Stoffen aus Indien schnuppere. Der Geruch bleibt an Kleidung und Tüchern haften, selbst nach mehrmaligem Waschen. Indien lässt dich nicht los.


Ein Sadhu beim Feuerholzsammeln. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)

Ein Sadhu beim Feuerholzsammeln. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


Natur pur

Klar, wir alle kennen den Duft von Blüten, aber glaubt mir, das ist kein Vergleich zu Indiens duftender Natur. Blüten riechen süsser, das Meer salziger und der Geruch von trockener Erde beisst nahezu in der Nase. Wenn ich an Hampi denke, dann sehe ich nicht nur die Reisfelder, ich reiche das saftige Grün der Pflanzen. Ich rieche das frische sprudelige Wasser des noch jungen Ganges in Rishikesh. Ich rieche die Blüten im Vorgebirge des Himalayas, die so intensiv duften, wie ihre knallig rote Farbe ist. Ich denke an Pushkar und habe den sandigen Geruch in der Nase, der beissend ist und warm.

Müll, Müll, Müll

Ihr habt es geahnt, so lieblich werden die Gerüche nicht bleiben. Bei Indien denkt man an Müll, an Dreck und das leider auch zu Recht.
In den Strassen, hinter den Häusern, in den Flüssen, überall stapelt sich der Müll. Küchenabfälle, Plastikverpackungen, Industriemüll, alles gammelt in der brütenden Hitze. Dass das nicht gut riechen kann, ist jedem klar. Der säuerliche Geruch erinnert ein bisschen an den eines Festivals. Nach drei Tagen mit zuerst Regen und dann 40° C im Schatten.

Um den Müll irgendwie aus den Augen zu bekommen, ist es üblich, ihn am Abend in kleinen Häufchen am Strassenrand zu verbrennen. Dann überdeckt der beissende Qualm den Müllgestank.


Einer der eher unangenehmen Gerüche: Müll. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)

Einer der eher unangenehmen Gerüche: Müll. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


Hinterlassenschaften und Unrat

Neben dem Müll sorgen menschliche und tierische Hinterlassenschaften für ungute Luft und unsaubere Umgebungszustände. Um es ganz diplomatisch auszudrücken.
Ihre Toilette verrichten die meisten Inder am Strassenrand, in den Feldern und am Wasser. Frauen auch, jedoch müssen sie auf den Schutz der Dunkelheit warten.

Keine Sorge, ich möchte euch gar nicht zu detailliert berichten. Wenn ich Wörter wie Zugtoilette (die übrigens nur Löcher im Boden sind) in den Raum werfe, dann wird euer Kopfkino schon genug Informationen liefern.

Besonders Bahnhöfe sind eine Herausforderung für die Nase. Vom Zug aus fallen die Hinterlassenschaften direkt auf die Schienen, die auch sonst als Toilettenersatz dienen. Überlegt man kurz, wie viele Millionen Inder täglich die Züge nutzen, dann kann man sich vorstellen, wie es riecht.

In den Häusern ist es immer sehr sauber, auch in den Badezimmern. Eine Eigenart im Badezimmer, die mich ein bisschen irritiert hat, war, dass in den meisten Abflüssen kleine weisse Tabletten zu finden waren, die so intensiv nach Mottenkugeln rochen, dass es in der Nase wehtat. Ob sie eine reinigende Funktion haben oder lediglich Gerüche übertünchen soll, weiss ich allerdings auch nicht.

Auch die Tiere lassen ihre Ausscheidungen zurück. Da es in Indien sehr viele Tiere gibt, könnt ihr euch ausmalen, wie es mit ihren Ausscheidungen aussieht. Jede Kuh, jeder Affe, jeder Hund und jedes Kätzchen hinterlässt sein Geschäft auf der Strasse.
Sagen wir so, es ist wirklich ratsam beim Laufen auf die Strasse zu achten, vor allem wenn man Flip Flops trägt.

Eine kleine Notiz am Rande zum Thema “Hinterlassenschaften”. Bei den Leichenverbrennungen riecht es nach Holz, nach Rauch und nach ätherischen Ölen. Etwas, das nach verbranntem Fleisch riecht, konnte ich nicht erkennen. Aber nun ja, in Varanasi riecht es generell recht stark und als Vegetarier bin ich auch nicht so der Experte was Fleischgeruch betrifft.


In indischen Zügen ist es stickig. Die Klosituation auch nicht gerade berauschend. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)

In indischen Zügen ist es stickig. Die Klosituation auch nicht gerade berauschend. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


Verkehr: Abgase und Benzin

Der indische Strassenverkehr ist wahrlich die Hölle. Ohne Ausnahme.

Die Anzahl der Fahrzeuge von Karren, Mofas, Motorrädern, Rollern, Rikschas, Autos, kleinen Bussen, grossen Bussen und Lastwagen ist schon ein riesiges Problem. Hinzu kommen der schlechte Zustand und das Alter der Fahrzeuge. Wie sich das auf die Umwelt und auf den Geruch auswirkt, kann man erahnen. Es riecht nach Abgasen und Rauch.

Kleines Experiment nach einem Tag in der Stadt oder auf der Strasse: einfach mal mit dem Finger über die eigenen Haut streichen. Was bleibt ist ein schwarzer Film auf der Fingerspitze. Genau so riecht es auch.

 

Artikelbild: © Utopia_88 / shutterstock.com

Über Julia Schattauer

Julia Schattauer ist freie Autorin und leidenschaftliche Bloggerin. Geschichten vom Reisen sind ihr Steckenpferd. Neben nützlichen Fakten geht es ihr in erster Linie ums Storytelling. Darum, den Leser in die Welt mitzunehmen und sein Fernweh zu wecken. Als studierte Kunsthistorikerin, Tourismus-, und Literaturwissenschaftlerin schreibt sie ausserdem über Themen aus Kunst und Kultur.


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