Konstanz – Deutschland mit Schwyzer Akzent

13.05.2016 |  Von  |  Deutschland, Europa
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Konstanz – Deutschland mit Schwyzer Akzent
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Konstanz hat durch seine Geographie eine einzigartige Stellung unter den deutschen Städten. Die Altstadt und das anschliessende Ortsgebiet Paradies sind die einzigen Stellen, die linksrheinisch direkt an die Schweiz grenzen. Der ursprüngliche Dialekt, das Seealemannische, klingt für Norddeutsche bereits schwyzerisch.

Durch seine Grenznähe zu Kreuzlingen wurde es im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten nicht bombardiert. Die Altstadt mit Sehenswürdigkeiten von der Römerzeit bis heute ist für sich schon eine kleine Reise wert. Dazu kommen noch Ausflugsmöglichkeiten auf das Blumenparadies der Insel Mainau, zur Klosterinsel Reichenau, mit der städtischen Fähre nach Meersburg und zum Pfahlbaumuseum Unteruhldingen.



Eine Altstadt zum Entdecken und Wohlfühlen

Im ältesten Teil der Altstadt, gleich beim Münsterbereich, dem winkeligen Niederburg, und in der historischen Vorstadt Stadelhofen, zwischen der vormaligen Stadtmauer und der Schweizer Grenze eingeklemmt, spürt man sofort das Besondere: Konstanz ist Universitätsstadt. Die Kneipen- und Gastronomie-Szene ist entsprechend vielfältig und einladend. Zu diesem Eindruck passt auch das neue „Wahrzeichen“, die Imperia. Die frech-ironische Darstellung einer Prostituierten, die symbolisch die von Lüsten getriebenen (alten) Herrscher und Päpste ausbalanciert, ist vor allem eine Anspielung auf das unselige Konstanzer Konzil (1414-1418), dem Jan Hus und sein Begleiter Hieronymus von Prag 1415 zum Opfer fielen. Chronisten berichten, dass zur Befriedigung der „weltlichen Gelüste“ der Konzilsteilnehmer und der zahllosen Besucher über 700 „Frauen dagewesen seien, ohne die heimlichen“.

Imperia-Statue im Hafen von Konstanz am Bodensee, entworfen und ausgeführt vom Bildhauer Peter Lenk (Bild: Terry U. Weller / pixelio.de)

Imperia-Statue im Hafen von Konstanz am Bodensee, entworfen und ausgeführt vom Bildhauer Peter Lenk (Bild: Terry U. Weller / pixelio.de)

Auf dem Weg in die Altstadt muss man, egal mit welchem Beförderungsmittel, den Rhein überqueren, der hier auch Seerhein genannt wird. Er ist der Überlauf des eigentlichen Bodensees zum Untersee. Den Rheintorturm wird man wohl übersehen, weil der grosse Komplex des Inselhotels, des Geburtsortes von Ferdinand Graf von Zeppelin, sofort ins Auge fällt. In ihm sind grosse Teile des 1235 gegründeten Dominikanerklosters erhalten, das 1785 von Kaiser Joseph II. geschlossen und danach für viele Zwecke missbraucht wurde. Konstanz war 1548 nach der Niederlage des Schmalkaldischen Bundes habsburgisch geworden und wurde erst 1806 dem Grossherzogtum Baden einverleibt. Die Habsburger rekatholisierten die weitgehend protestantisch gewordene Stadt und verhinderten den Übertritt von Konstanz in die Eidgenossenschaft, was die Schweizer vor allem des Thurgaus im 15. Jahrhunderts selbst abgelehnt hatten.





Rheintorturm, im Hintergrund der Münsterturm, Konstanz (Bild: Tungsten, Wikimedia, CC)

Rheintorturm, im Hintergrund der Münsterturm, Konstanz (Bild: Tungsten, Wikimedia, CC)




Zur Stadtgeschichte, die extreme Höhen und Tiefen aufweist, gehörte das Konzil. Von ihm zeugt das monumentale sogenannte Konzilsgebäude, an dem unmittelbar die Eisenbahngleise vorbeiführen. Dadurch ist der urbane Zusammenhang zur Altstadt verloren gegangen. Von 1388 bis 1391 war es als „Kaufhaus“ für den Fernhandel (vor allem mit den „Welschen von Mailand“) mit eigenem Seehafen erbaut worden. Während des Konzils diente es nur dem Konklave von 1417, dem einzigen auf deutschem Boden. Bis zum 19. Jahrhundert blieb der grösste Profanbau der Stadt Handelshaus, um Ende des 20. Jahrhunderts „zeitgemäss“ für Gastronomie und Veranstaltungen hergerichtet zu werden. Das eigentliche Konzil fand im damaligen Dom statt, der 1821 zugunsten Freiburgs zur Dekanatskirche („Münster“) degradiert wurde. Vor dieser Kulisse dreht sich aber auf dem Sockel des früheren Hafenleuchtturms die neun Meter hohe „Imperia“ von Peter Lenk und lächelt süffisant. Wäre es nach dem Willen der Stadt gegangen, hätte sie nie aufgestellt werden dürfen, aber sie wurde auf „Privat“-Grund der Deutschen Bahn errichtet, die damals noch die Bodensee-Schiffe betrieb, mit den einzigen Bahnbeamten mit Kapitänspatent.

Konzilsgebäude in Konstanz (Bild: Ingo2802, Wikimedia, CC)

Konzilsgebäude in Konstanz (Bild: Ingo2802, Wikimedia, CC)

Die Geschichte der Stadt geht weit hinter das Alter der sichtbaren Denkmäler zurück. Von der auch für Konstanz nachgewiesenen Pfahlbauten-Kultur, die vor allem nördlich der Westalpen (UNESCO) vom 5. Jahrtausend v.Ch. bis zu einem Klimawandel um 850 v.Ch. dauerte, also von der Jungsteinzeit bis zum Ende der Bronzezeit, kann Museales betrachtet werden. Ab dem 2. Jahrhundert v.Ch. gibt es keltische Funde. Die Römer hatten im 2. Jahrhundert im Münsterbereich eine Ansiedlung, die aber erst um 300 zum Castrum Constantia ausgebaut wurde, wahrscheinlich unter Kaiser Konstantin. Die verstärkte Befestigung des 4. Jahrhunderts wurde durch Grabungen nachgewiesen, die heute unter dem Münsterplatz nur eingeschränkt zugänglich sind. Ansonsten: Archäologisches Landesmuseum im rechtsrheinischen ehemaligen Kloster Petershausen.

Mauerreste des spätrömischen Kastells, in der Mitte der Rest des achteckigen Wehrturms und der Maueranlage (Bild: Tungsten, Wikimedia, CC)

Mauerreste des spätrömischen Kastells, in der Mitte der Rest des achteckigen Wehrturms und der Maueranlage (Bild: Tungsten, Wikimedia, CC)




Das vielschichtige Münster

Um 585 wurde Konstanz bereits Bischofssitz und in und über den Resten des Castrums entstand ein erster Dom. Unweit davon gab es aber schon davor eine Pfarrkirche St. Stephan, aus der die heutige, langgestreckte Kirche mit einer Bausubstanz ab dem 13. Jahrhundert hervorging. Im Münsterbereich wurde oft gebaut. Die Krypta stammt noch aus spätkarolingischer Zeit, deren zugehöriger Kirchenbau um 1000 erweitert wurde. Nach dem Einsturz des Langhauses wurde zwischen 1054 und 1089 eine der grössten im Kern erhaltenen romanischen Kirchen Süddeutschlands errichtet. Der frühgotische Domkreuzgang bezog dann die vorromanische Martinsrotunde, in der sich ein wunderbares Beispiel hochgotischer Kleinarchitektur erhalten hat, das „Heilige Grab“ (um 1260). Dann muss man auch noch die einzigartigen vergoldeten Kupferscheiben in der Krypta bewundern, von denen die „Maiestas Domini“ womöglich schon um 1000 entstanden ist. Auf die verkorkste neugotische Umgestaltung und Ergänzung des Turmblocks, 1846 bis 1854 – eine der frühesten seiner Art in Deutschland, möchte ich gar nicht näher eingehen. Das Geläute des Münsters, das zweitgrösste nach dem Kölner Dom, mit drei Originalen aus dem 16. Jahrhundert, sollte man jedoch am Samstagnachmittag oder am Sonntag vor der Hauptmesse erlebt haben.

Konstanzer Münster (Bild: Fb78, Wikimedia, CC)

Konstanzer Münster (Bild: Fb78, Wikimedia, CC)

Ich bin vor lauter Details, und die muss man bei einer so langen Geschichte einfach sehen, nicht weit gekommen, noch nicht zu den Gassen und Plätzen mit historischen Häusern, deren Kern vereinzelt noch bis ins hohe Mittelalter zurückgehen, soweit sie nicht Modernisierungen und Abrissen für Kaufhäuser und Ähnliches geopfert wurden. Nicht mal das markante Schnetztor Richtung Schweiz hab ich erreicht, einen typischen, geschlossenen Schalenturm – nach aussen massiv, nach innen mit Fachwerk.

Ich setz‘ mich jetzt beim Kulturzentrum über den römischen Ausgrabungen ins Strassen-Café. Von anderen Sehenswürdigkeiten und „verrückten“ Skulpturen von Peter Lenk und den Ausflugszielen rund um Konstanz erzähle ich ein anderes Mal.

Text: Dr. Rupert Schneider



 

Oberstes Bild: Konstanz am Bodensee (Bild: sterntaler62  / pixelio.de)

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