Der Teufelsberg in Berlin: Geschichte zum Anfassen

04.09.2015 |  Von  |  Europa
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Der Teufelsberg in Berlin: Geschichte zum Anfassen
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Ich friere, ich bin nass und meine Laune ist im Keller. Ich versuche unter den Bäumen etwas Schutz vor dem kräftigen Schauer zu finden, was anderes bleibt mir aber auch nicht übrig, denn ich stehe mitten im Wald und über mir grollt der Donner am Teufelsberg.

Ich befinde mich auf einem Berg, der aus den Trümmern des 2. Weltkrieges errichtet wurde unweit von Berlin, und warte darauf, dass der prasselnde Regen nachlässt. Der Kontrollblick beim Wetterdienst versprach Sonne und dementsprechend hat mich der Gewitterschauer so richtig erwischt.

Langsam wird es leiser und als der Regen nur noch als vereinzelt kalte Tropfen auf mich fällt, gehe ich weiter. Ich sehe einen Zaun mit Stacheldraht, dahinter einige Gebäude. Ich laufe zum Tor, gehe hindurch und befinde mich jetzt auf dem Gelände der ehemaligen „Field Station“, einer Abhöranlage des amerikanischen und britischen Militärs.

Es würde verlassen wirken und gespenstisch, wären da nicht zwanzig Leute, die auf die nächste Führung warten. Und „Schweini“, das zahme Wildschwein, das genüsslich an Zweigen mampft und sich dabei streicheln lässt.

Als (Wahl-)Berliner kennt man die Geschichten von Partynächten in der Radarstation, von den Wachmännern, denen man in die Hände gelaufen und beim Wegrennen in die Brennnesseln gestürzt ist. Wir kennen die Bilder von den Kuppeln und der grandiosen Aussicht, und überhaupt steht der Teufelsberg in allen Reiseführern über Berlin und ist wahrlich kein Geheimtipp mehr, aber Orte sind schliesslich da, um gesehen zu werden.


Der Besuch des Teufelsbergs eignet sich gut als Tagesausflug. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)

Der Besuch des Teufelsbergs eignet sich gut als Tagesausflug. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


Das Wetter hat sich gebessert. Ich habe per Unterschrift meine alleinige Schuld an meinem möglichen Tod versichert und kann mich kurzerhand einer historischen Führung anschliessen, für die man sich normalerweise im Vorhinein hätte anmelden müssen.

Seit 2010 kümmert sich Shalmon Abraham mit vielen Helfern um den Erhalt der Anlage. Die Sicherung des Geländes und geführte Touren durch die Gebäude sollen die Anlage vor Verfall und Vandalismus schützen und gleichzeitig der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Trümmer und Tourismus – Über die Anfänge und Pläne:

Der Teufelsberg ist ein künstlich errichteter Berg aus den Trümmern des 2. Weltkrieges, die in Berlin verteilt wurden. Ab den 1950er-Jahren bauten die West-Alliierten hier ihre Militäranlage, die ab 1963 in den Osten lauschte.


Schon von Weitem imposant: der Berliner Teufelsberg. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)

Schon von Weitem imposant: der Berliner Teufelsberg. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


Nach der Wende und dem Abzug der Alliierten wurde das Gelände an Investoren verkauft, die hier eine Wohn- und Tourismusanlage errichten wollten. Das Vorhaben scheiterte nach Widerständen der Bevölkerung und die Baugenehmigung wurde zurückgezogen.

Seitdem ist der Teufelsberg ein Ausflugsziel für Abenteurer und Neugierige, Partymacher und Vandalen. Der Ausblick, ein Gefühl von Freiheit und die geheimnisumwitterte Geschichte des Ortes locken die Massen.

Ein Zeitzeuge, der damals im Sicherheitsdienst der US-Army tätig war, führt uns durch die „Field Station“. Ein bisschen schrägt wirkt der fast zahnlose hagere Kerl, der so berlinert, dass einige noch schnell die Gruppe mit dem jungen Studenten in Laborkittel vorziehen. Der wirkt seriöser.

Das viele Grün gab es damals nicht, erzählt unser Experte, den ich definitiv für die bessere Wahl halte. Wer dabei war, weiss einfach mehr.


Krieg, Party, Ausflugsziel: Der Teufelsberg, ein Ort mit Vergangenheit. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)

Krieg, Party, Ausflugsziel: Der Teufelsberg, ein Ort mit Vergangenheit. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


Mensa, Shop und Einfahrt – mit seinen Worten lässt der ehemalige Soldat seinen Arbeitsplatz vor unserem inneren Auge auferstehen. Zwei Stunden erzählt er vom Arbeitsalltag, der auch bei den Arbeitern von Misstrauen und Überwachung geprägt war. Kein Wort durfte während der Dienstzeit gewechselt werden, keinen Ort gab es, der nicht kameraüberwacht war.

Riesige Schreddermaschinen stehen hier, die nur damit beschäftigt waren, alle aufgenommen Daten wieder zu vernichten. Endlose Gänge gibt es und Dunkelheit, denn im gesamten Gebäude gibt es keine Fenster. „Arbeiten sollten wir, nicht die schöne Aussicht geniessen“, sagt Beni, der Guide. Im Gebäude war man hermetisch abgeriegelt, nichts ging nach draussen, nichts drang herein. Abgeschottet war man auch von den Briten, die im gleichen Gebäude Tür an Tür arbeiteten und doch nicht weiter entfernt sein konnten.

Mysteriöse Tiefen: Was ist im Inneren des Teufelberges?

Der Aufzugschacht, erfahren wir ganz nebenbei, führt acht Stockwerke in die Tiefe. Der Weg dorthin ist blockiert. Was dort unten, tief im Inneren des Berges, gemacht wurde, darüber wird geschwiegen. Vielleicht auch einfach gar nichts. Dass der Berg auf den Grundsteinen einer geplanten „Hochschulstadt“ der Nazis errichtet wurde, ist kein Geheimnis, der Rest wilde Spekulationen.


Von den Dächern der alten Abhöranlage hat man eine gute Aussicht. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)

Von den Dächern der alten Abhöranlage hat man eine gute Aussicht. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


Wir steigen die Treppen hinauf. Auf dem Dach angekommen, stehen wir bei den weissen Kuppeln, die so charakteristisch die Bilder prägen. Der Blick schweift kilometerweit über die Stadt.

Doch es geht weiter, ganz nach oben, unzählige Treppenstufen bis hinein in die Kuppel des Radarturms. In der Nachbildung der Originalkuppel ist der Geräuschpegel enorm hoch, der Wind, der hier oben beständig weht, pfeift einem um die Ohren. Dieser Wind ist es auch, der vor Jahren einen tragischen Unfall verursachte: Als der Turm einige Zeit ohne Kuppel dastand, erfasste er eine Architektin und riss sie in die Tiefe. „Dit war keen schöner Anblick. Von der war nicht mehr viel übrig“, meint unser Guide und wir machen uns auf den Weg nach unten.


Etwas in die Jahre gekommen: Die Kuppel der Abhörstation. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)

Etwas in die Jahre gekommen: Die Kuppel der Abhörstation. (Bild: © Julia Schattauer / bezirzt.de)


 

Artikelbild: © Julia Schattauer

Über Julia Schattauer

Julia Schattauer ist freie Autorin und leidenschaftliche Bloggerin. Geschichten vom Reisen sind ihr Steckenpferd. Neben nützlichen Fakten geht es ihr in erster Linie ums Storytelling. Darum, den Leser in die Welt mitzunehmen und sein Fernweh zu wecken. Als studierte Kunsthistorikerin, Tourismus-, und Literaturwissenschaftlerin schreibt sie ausserdem über Themen aus Kunst und Kultur.



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