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Erlebnispfad durch die Schweizer Geschichte: die Sbrinz-Route

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Erlebnispfad durch die Schweizer Geschichte: die Sbrinz-Route
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Wie wurden Handelswaren aus den Alpenländern exportiert, bevor es LKWs, Eisenbahn und Flugzeuge gab? Antwort: Die Säumer sicherten den Transport der Güter in den Rest der Welt. Geschichtsbewusste Schweizer halten mit einer Säumer-Wanderung auf der Sbrinz-Route jedes Jahr im August die Erinnerung daran lebendig.

Für diese Wanderung in die Historie der Schweiz benötigen die modernen Säumer etwa eine Woche. Die Sbrinz-Route beginnt in Stansstad am Vierwaldstättersee und führt auf alten Saumpfaden bis nach Domodossola im italienischen Piemont. Viele Wanderer sind mit ihren eigenen Saumtieren und oft auch mit einer Wanderausrüstung aus alten Tagen unterwegs. Auf ihrer Alpenreise müssen sie drei Pässe – Joch-, Grimsel- und Griespass – überqueren.

Wer oder was waren Säumer?

Die historischen Säumer waren die ersten Transporteure, die mit ihren Waren die Alpen überquerten. Ihre wichtigsten Handelsgüter waren Salz, Wein und Käse. Auch Getreide, Öl und Stoffe kamen oft auf dem Rücken von Saumtieren in die Schweiz. Wer Säumer werden wollte, musste ein eigenes Saumtier besitzen – neben Pferden, Eseln oder Mulis konnte dieses auch ein Ochse sein. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren ihre Leistungen nicht mehr gefragt – inzwischen verfügte die Schweiz über ein Strassennetz, das auch die Pässe einschloss. Den Gütertransport zwischen der Eidgenossenschaft und Norditalien übernahm ab 1882 die Gotthardbahn. Viele historische Berggasthöfe, die früher als Saumstationen dienten, haben das Ende der Säumer-Epoche trotzdem überlebt und bieten heute Wanderern ein rustikales Nachtquartier.

Die Maultierkolonne auf dem Saumpfad, Datum 1914-1918 (Bild: DE: Schweizerisches Bundesarchiv, CH-BAR#E27#1000/721#14095#3713* / CC-BY-SA 3.0/CH, Wikimedia)

Die Maultierkolonne auf dem Saumpfad, Datum 1914-1918 (Bild: DE: Schweizerisches Bundesarchiv, CH-BAR#E27#1000/721#14095#3713* / CC-BY-SA 3.0/CH, Wikimedia)

Die Säumer – historische Spediteure



Die Säumer arbeiteten auf eigene Rechnung, ihre Kunden kamen vor allem aus dem Kaufmannsstand. In vielen Gemeinden schlossen sie sich zu eigenen Säumer-Genossenschaften zusammen und waren oft speziellen Landesgesetzen unterworfen. Beispielsweise galten im Kanton Uri Saumtiere als Unterpfand für die transportierten Waren und durften deshalb nicht beliehen werden. In Chur galten sehr detaillierte Gebührenregelungen für die Transporte, um Erpressungsversuche von Säumern gegenüber mitreisenden Kunden zu verhindern. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein waren sie auch für die Ortschaften an den Säumer-Routen ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Die beiden wichtigsten Strecken in der Schweiz waren die Sbrinz-Route nach Norditalien sowie die Route über den Splügenpass, die vom Rheinwald im Kanton Graubünden – dem oberen Tal des Hinterrheins – bis in die lombardische Stadt Ciavenna führte.





Der berühmte Sbrinz-Käse (Bild: Ulled, Wikimedia, GNU)

Der berühmte Sbrinz-Käse (Bild: Ulled, Wikimedia, GNU)

Sanfter Tourismus und Förderung der lokalen Wirtschaft: Förderverein Sbrinz-Route

Die heutigen Säumer kommen aus allen sozialen Schichten. Sekretärinnen und Landwirte sind ebenso dabei wie Politiker und Manager. Oft begeben sie sich mit ihren eigenen Saumtieren – heute meistens Pferden – auf die Wandertour. Pro Jahr nehmen an der historischen Reise etwa 40 Wanderer teil. Der Förderverein Sbrinz-Route zielt mit seinem Angebot nicht nur auf Brauchtumspflege oder die Erinnerung an historische Lebensräume, sondern will damit auch die wirtschaftliche Entwicklung in den Bergregionen unterstützen. Regionale Tourismusbetriebe gewinnen durch die Tätigkeit des Vereins neue Übernachtungsgäste, landwirtschaftliche Betriebe Abnehmer für ihre Produkte – darunter Spezialitäten wie Sbrinz-Käse oder Wein. Mit seinen Wanderungen fördert der Verein ausserdem einen sanften Tourismus in den Schweizer Bergen und steht damit für einen sehr aktuellen Trend.





Griessee mit seiner Staumauer und das Bättelmatthorn (Bild: Hurni Christoph, Wikimedia, CC)

Griessee mit seiner Staumauer und das Bättelmatthorn (Bild: Hurni Christoph, Wikimedia, CC)

August 2015: Historische Säumer-Wanderung ins Piemont



Die Restaurierung der Säumer-Route ins Piemont begann vor etwas mehr als 20 Jahren. Heute sind die historischen Transportpfade sowohl auf der schweizerischen als auch der italienischen Seite sanierte und gut ausgeschilderte Wanderwege. Die Initiatoren waren ehemalige Pferdeführer der Schweizer Armee, die nach ihrer aktiven Dienstzeit damit begonnen hatten, sich der Säumer-Pfade anzunehmen. Für traditionsbewusste Wanderer hat sich die historische Wanderwoche auf der Sbrinz-Route inzwischen zu einer festen Institution entwickelt. Zum nächsten Mal findet sie vom 23. bis 30. August 2015 statt. Ihr Auftakt ist am 22. und 23. August das traditionelle Säumer-Fest in Stansstad, auch an allen anderen Etappenorten finden Säumer-Feste statt. Passionierte Wanderer, die sich für die alte Säumer-Route interessieren, sind jedoch nicht nur an diesen Termin gebunden. Geführte Wanderungen mit Saumtieren gibt es zu zwei weiteren Terminen und über verschiedene Distanzen. Daneben sind auch individuelle Wandertouren möglich. Das Einsteigerangebot des Fördervereins Sbrinz-Route umfasst drei Tage und zwei Nächte, eignet sich also hervorragend als Schnuppertour an einem langen Wochenende. Auch längere Wanderungen oder die komplette Sbrinz-Route können Reisende zu ihren Wunschterminen buchen. Die optimale Wanderzeit liegt zwischen Juni und Oktober. Davor und danach kann es durch Schneefälle zu Sperrungen der Pässe kommen. Falls der Wunsch danach besteht, stellt der Verein ein Saumtier zur Verfügung.

Fazit: Freiluft-Geschichtslektion mit Anspruch



Für ungeübte Wanderer ist die Sbrinz-Route allerdings nur bedingt geeignet. Die Teilnehmer benötigen Kondition und zum Teil auch etwas Mut. Sieben bis acht Stunden pro Tag sind sie mit ihren Tieren unterwegs, die zwar den Gepäcktransport übernehmen, aber oft auch in einem schnelleren Rhythmus laufen wollen als die Wanderer selbst. Auch den Tieren wird auf dem felsigen Gelände sehr viel abverlangt. Ein Detail ist heute noch fast identisch mit den Erfahrungen der früheren Säumer: Der Treck hält einen sehr strikten Zeitplan ein. Früher war dieser überlebenswichtig, da Säumer-Kolonnen aus entgegengesetzten Richtungen die schmalen Bergpfade nicht zur gleichen Zeit passieren konnten. Die Redewendung „Keine Zeit versäumen“ stammt möglicherweise aus diesen alten Tagen.

Für heutige Säumer ist die Sbrinz-Route eine anspruchsvolle Wander- und Geschichtserfahrung. Mit heutigen Reisegewohnheiten hat sie so gut wie nichts zu tun – der Berner Fotograf Daniel Rihs fasst die Erfahrung seiner eigenen Säumer-Reise mit dem Erlebnis einer „radikalen Entschleunigung“ zusammen, die auf ihn „fast avantgardistisch“ wirkte.

 

Oberstes Bild: Der 2´165 m hohe Grimselpass verbindet die Kantone Bern im Norden und Wallis im Süden. (Nikater, Wikimedia)

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