Gotthard: Strassentunnel, Basistunnel und die wichtigste Nord-Süd-Achse der Schweiz
von belmedia Redaktion Allgemein Alltag Auto Bau Baustelle Bauwerke Betrieb Business Distribution Familie Infrastruktur Magazine Mobilität Motorrad motortipps.ch nachrichtenticker.ch News Orte Regionen reiseziele.ch Schweiz Schweiz Sportwagen Tessin Themen tourismus.ch Transport Truck-Stops Unternehmen Uri Verkehr Wirtschaft Ⳇ Verbreitung
Der Gotthard ist weit mehr als ein Tunnel durch die Alpen. Strassentunnel, Eisenbahn-Basistunnel und historische Bergstrecke bilden gemeinsam eine der wichtigsten Verkehrsachsen Europas. Sie verbinden die Deutschschweiz mit dem Tessin, sichern Warenströme zwischen Nordsee und Mittelmeer und beeinflussen den Alltag von Reisenden, Unternehmen und ganzen Regionen. Fällt ein Teil dieses Systems aus, sind die Folgen weit über die Zentralschweiz hinaus spürbar.
Wenn vom «Gotthardtunnel» gesprochen wird, sind häufig zwei unterschiedliche Bauwerke gemeint. Der Gotthard-Strassentunnel führt die Autobahn A2 zwischen Göschenen im Kanton Uri und Airolo im Tessin durch das Bergmassiv. Der 57 Kilometer lange Gotthard-Basistunnel wiederum ist das Herzstück der Eisenbahnverbindung zwischen der Nord- und der Südschweiz.
Beide Tunnel erfüllen unterschiedliche Aufgaben, gehören aber zum selben grossen Verkehrssystem. Auf der Strasse dominieren Personenwagen, Reisebusse, Lieferfahrzeuge und Lastwagen. Auf der Schiene verkehren internationale Personenzüge, Intercity-Verbindungen und schwere Güterzüge. Ergänzt wird dieses System durch die historische Gotthard-Bergstrecke, die weiterhin für den Regionalverkehr, den Tourismus und als Ausweichroute wichtig ist.
Die kürzeste leistungsfähige Verbindung durch die Zentralalpen
Die geografische Bedeutung des Gotthards liegt in seiner Lage. Die Alpen bilden zwischen Nord- und Südeuropa eine massive natürliche Barriere. Nur wenige Verkehrsachsen ermöglichen eine leistungsfähige Querung. In der Schweiz sind dies vor allem die Gotthardachse sowie die Lötschberg-Simplon-Achse. Auf der Strasse kommen der San Bernardino, der Simplon und der Grosse St. Bernhard hinzu.
Die Gotthardachse liegt jedoch besonders günstig. Über die A2 verbindet sie die Wirtschaftsräume Basel, Luzern und die Zentralschweiz direkt mit dem Tessin und Norditalien. Im europäischen Massstab ist sie Teil der Verbindung zwischen den Häfen und Industriezentren Nordeuropas und den Wirtschaftsräumen der Lombardei sowie den norditalienischen Seehäfen.
Auf der Schiene gehört die Gotthardroute zum europäischen Güterverkehrskorridor zwischen Rotterdam und Genua. Güter aus den Beneluxstaaten, Deutschland und der Schweiz können über diese Achse nach Italien transportiert werden. In der Gegenrichtung gelangen Industrieprodukte, Lebensmittel, Konsumgüter und Containerladungen aus Italien und den Mittelmeerhäfen nach Norden.
Der Gotthard-Strassentunnel hält die Schweiz zusammen
Der 1980 eröffnete Gotthard-Strassentunnel ist rund 17 Kilometer lang. Er ersetzte die wesentlich langsamere und im Winter nicht jederzeit zuverlässig befahrbare Route über den Gotthardpass als wichtigste Strassenverbindung. Seither besteht zwischen Uri und dem Tessin eine ganzjährig nutzbare Nationalstrassenverbindung.
Für den Kanton Tessin ist der Tunnel von besonderer Bedeutung. Zwar bestehen mit dem San Bernardino und dem Simplon weitere Strassenverbindungen. Sie bedeuten je nach Ausgangs- und Zielort jedoch erhebliche Umwege. Eine längere Sperrung des Gotthard-Strassentunnels würde deshalb nicht einfach einen einzelnen Verkehrsweg betreffen. Sie würde die direkte Verbindung des Tessins mit der Zentralschweiz und grossen Teilen der Deutschschweiz unterbrechen.
Die A2 dient dabei nicht nur dem internationalen Transitverkehr. Ein erheblicher Teil des Verkehrs entsteht innerhalb der Schweiz. Berufliche Fahrten, Familienbesuche, Ferienreisen, Lieferungen und der Geschäftsverkehr zwischen den Landesteilen sind auf diese Verbindung angewiesen. Hinzu kommen Reisen ins Tessin und nach Italien. Die Gotthardachse erschliesst gleichzeitig den Kanton Uri, dessen Landschaft, Geschichte und Ausflugsziele auch auf dem Schweizer Reiseportal tourismus.ch vorgestellt werden.
Besonders sichtbar wird die Bedeutung an langen Wochenenden und während der Ferienzeit. Dann entstehen vor den Tunnelportalen regelmässig kilometerlange Staus. Diese Überlastungen zeigen nicht, dass der Tunnel unwichtig wäre, sondern das Gegenteil: Sehr viele Verkehrsbeziehungen konzentrieren sich auf eine einzige leistungsfähige Route. Reisende finden laufend aktualisierte Hinweise zur Verkehrslage und zu Ereignissen entlang der Autobahn A2 auf verkehrsmeldungen.ch.
Der wichtigste Schweizer Strassenübergang für Lastwagen
Auch für den Güterverkehr auf der Strasse bleibt der Gotthard zentral. Nach Angaben des Bundesamtes für Verkehr überquerten 2025 rund 960’000 schwere Güterfahrzeuge die Schweizer Alpen. Etwa 686’000 davon benutzten den Gotthard. Das entsprach 71,5 Prozent aller alpenquerenden Fahrten schwerer Güterfahrzeuge durch die Schweiz.
Damit war der Gotthard mit grossem Abstand der wichtigste Schweizer Strassenübergang für den alpenquerenden Schwerverkehr. Der San Bernardino erreichte 2025 einen Anteil von 14,5 Prozent. Simplon und Grosser St. Bernhard lagen deutlich dahinter.
Diese Zahlen verdeutlichen die wirtschaftliche Funktion der Achse. Viele Güter lassen sich nicht ohne Weiteres auf einen anderen Alpenübergang oder kurzfristig auf die Bahn verlagern. Lieferketten sind zeitlich geplant, Fahrzeuge an bestimmte Routen gebunden und Logistikzentren auf verlässliche Fahrzeiten angewiesen. Eine Sperrung kann zusätzliche Kilometer, höhere Treibstoffkosten, verspätete Lieferungen und Mehrbelastungen auf Ausweichrouten verursachen.
Gleichzeitig bleibt das politische Ziel der Schweiz bestehen, möglichst viel alpenquerenden Güterverkehr von der Strasse auf die Schiene zu verlagern. Der Gotthard-Strassentunnel ist daher zwar unverzichtbar, soll aber nicht grenzenlos zusätzlichen Schwerverkehr aufnehmen. Sicherheit, Verkehrssteuerung und die Verlagerungspolitik setzen dem Strassenverkehr bewusst Grenzen.
Der Basistunnel veränderte den Bahnverkehr grundlegend
Für die langfristige Verkehrspolitik ist der Gotthard-Basistunnel mindestens ebenso wichtig wie der Strassentunnel. Er wurde 2016 eröffnet und ist mit 57 Kilometern weiterhin der längste Eisenbahntunnel der Welt. Anders als die historische Bergstrecke führt er in vergleichsweise geringer Höhe und mit kleinen Steigungen durch das Gebirge.
Diese sogenannte Flachbahn ist für Güterzüge entscheidend. Auf einer steilen Bergstrecke benötigen schwere Züge mehr Energie, teilweise zusätzliche Lokomotiven und mehr Zeit. Im Basistunnel können längere und schwerere Züge effizienter verkehren. Zusammen mit dem Ceneri-Basistunnel und dem Ausbau des Vier-Meter-Korridors entstand eine leistungsfähige Nord-Süd-Achse für moderne Güterzüge und Sattelauflieger mit einer Eckhöhe von vier Metern.
Nach Angaben der SBB fuhren in den ersten zehn Jahren 276’000 Güterzüge und 169’000 Personenzüge durch den Basistunnel. 2025 wurden auf der Gotthardachse 24,2 Millionen Nettotonnen Güter befördert. Im Durchschnitt verkehrten täglich 89 Güterzüge durch den Basistunnel, ergänzt durch einzelne Züge über die Bergstrecke.
Die Zahlen des Bundesamtes für Verkehr zeigen ebenfalls, wie stark sich der Schienengüterverkehr auf den Gotthard stützt. 2025 wurden auf der Gotthardachse rund 18,5 Millionen Tonnen alpenquerende Güter transportiert. Während das Volumen auf der Lötschberg-Simplon-Achse wegen Einschränkungen und Bauarbeiten deutlich zurückging, nahm es am Gotthard um 3,6 Prozent zu.
Schnellere Reisen zwischen Nord und Süd
Der Basistunnel dient nicht nur dem Güterverkehr. Er hat auch die Reisezeiten im Personenverkehr stark verkürzt. Die Fahrt von Zürich nach Lugano dauert gemäss SBB heute weniger als zwei Stunden und damit rund 50 Minuten weniger als 2015. Von Zürich nach Mailand beträgt die Reisezeit rund drei Stunden und 17 Minuten.
2025 reisten durchschnittlich 16’400 Personen pro Tag durch den Basistunnel. Weitere rund 1’400 Fahrgäste nutzten täglich die historische Bergstrecke. Die Nachfrage im Personenverkehr auf der Gotthardachse hat sich nach Angaben der SBB gegenüber der Zeit vor der Eröffnung des Basistunnels nahezu verdoppelt.
Diese Entwicklung ist volkswirtschaftlich relevant. Kürzere Reisezeiten vergrössern den Raum, in dem Menschen arbeiten, Geschäfte abwickeln oder touristische Angebote nutzen können. Das Tessin rückt näher an Zürich und die Zentralschweiz. Gleichzeitig werden Norditalien und insbesondere Mailand besser an das Schweizer Bahnnetz angebunden.
Warum Ausfälle sofort grosse Folgen haben
Die enorme Bedeutung der Achse ist zugleich ihre Schwachstelle. Wo sich sehr viele Verkehrsströme auf wenige Bauwerke konzentrieren, haben Störungen überproportional grosse Auswirkungen. Das zeigte sich im August 2023, als ein Güterzug im Gotthard-Basistunnel entgleiste. Eine der beiden Röhren blieb danach rund ein Jahr gesperrt. Personen- und Güterzüge mussten teilweise umgeleitet werden, die Kapazität sank und Fahrzeiten verlängerten sich.
Die historische Bergstrecke erwies sich in dieser Situation als unverzichtbare Rückfallebene. Sie kann den Basistunnel nicht vollständig ersetzen, ermöglicht aber weiterhin Bahnverbindungen zwischen dem Urner Reusstal und der Leventina. Damit zeigt sich: Zur Gotthardachse gehört nicht nur das modernste Bauwerk, sondern ein Netz aus mehreren Strecken, Tunneln und Zufahrten.
Auf der Strasse ist die Abhängigkeit noch ausgeprägter. Der bestehende Gotthard-Strassentunnel besitzt nur eine Röhre mit Gegenverkehr. Muss diese vollständig gesperrt werden, steht keine parallel verlaufende Autobahnröhre zur Verfügung. Der Verkehr muss warten oder grossräumig auf andere Alpenübergänge ausweichen.
Unfälle, Fahrzeugbrände und technische Defekte können in Tunneln besonders schwerwiegende Folgen haben. Ereignisse auf der A2 führen deshalb häufig nicht nur zu lokalen Behinderungen, sondern zu weiträumigen Staus und Umleitungen. Aktuelle Polizei- und Sicherheitsmeldungen aus der Schweiz werden fortlaufend auf polizei.news veröffentlicht.
Die zweite Strassenröhre soll Sicherheit und Redundanz erhöhen
Der bestehende Strassentunnel muss umfassend saniert werden. Deshalb entsteht derzeit eine zweite, rund 17 Kilometer lange Röhre. Nach dem aktuellen Zeitplan des Bundesamtes für Strassen ist deren Bau bis 2030 vorgesehen. Anschliessend soll die bisherige Röhre von 2030 bis 2033 saniert werden.
Die zweite Röhre soll gemäss dem politischen Auftrag nicht zu einer Erhöhung der Verkehrskapazität führen. Nach Abschluss sämtlicher Arbeiten ist vorgesehen, in jeder Röhre nur eine Fahrspur zu betreiben. Die Verkehrsströme werden dann räumlich voneinander getrennt. Dadurch entfällt der Gegenverkehr innerhalb derselben Röhre, was insbesondere das Risiko schwerer Frontalkollisionen verringert.
Zugleich entsteht eine betriebliche Reserve. Muss eine Röhre wegen Unterhaltsarbeiten oder eines Ereignisses geschlossen werden, kann die andere zumindest eingeschränkt zur Verfügung stehen. Diese Redundanz ist bei einer Verbindung von nationaler Bedeutung entscheidend.
Das ASTRA veranschlagt allein für den Bau der zweiten Röhre Kosten von rund 2,053 Milliarden Franken ohne Mehrwertsteuer. Die hohe Investition erklärt sich nicht nur mit dem Bauwerk selbst. Sie ist Ausdruck davon, welchen Wert die Schweiz einer dauerhaft funktionierenden Nord-Süd-Verbindung beimisst.
Eine Lebensader mit europäischen Dimensionen
Der Gotthard ist für die Schweiz wichtig, weil er mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllt. Er verbindet Sprach- und Landesregionen, ermöglicht eine ganzjährige Zufahrt zum Tessin, trägt den nationalen Reiseverkehr und dient dem Tourismus. Gleichzeitig ist er eine zentrale Güterverkehrsachse zwischen Nord- und Südeuropa.
Seine Bedeutung lässt sich deshalb nicht allein an der Zahl der Fahrzeuge oder Züge messen. Entscheidend ist, welche Folgen ein Ausfall hätte. Umleitungen belasten andere Regionen, verlängern Transporte und gefährden Fahrpläne sowie Lieferketten. Für viele Verbindungen existiert keine gleichwertige Alternative mit vergleichbarer Kapazität und Reisezeit.
Der Gotthard ist damit keine gewöhnliche Verkehrsverbindung. Er ist ein System aus Strasse, Basistunnel, Bergstrecke und internationalen Zuläufen. Erst das Zusammenspiel dieser Elemente hält Menschen und Waren in Bewegung. Der Ausbau der Sicherheit, der zuverlässige Unterhalt und leistungsfähige Ausweichmöglichkeiten bleiben deshalb Aufgaben von nationaler und europäischer Tragweite.
Quelle: belmedia-Redaktion
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