Deutsche Identitätsorte – Eisenach und die Wartburg

15.04.2015 |  Von  |  Europa
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Deutsche Identitätsorte – Eisenach und die Wartburg
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Eisenach und die Wartburg befinden sich nicht nur geografisch fast genau in der Mitte Deutschlands. Die Stadt und die Burg sind auch in besonderer Weise mit der deutschen Geschichte verbunden. Hier verortete Personen und Ereignisse haben Spuren hinterlassen und wirken bis heute identitätsstiftend. 

Ein Besuch in Eisenach und auf der Wartburg führt ins Bundesland Thüringen, das mit seinen grünen Bergen und Wäldern gleichzeitig ein beliebtes Ziel für Naturliebhaber und Wanderfreunde ist.

Der „Rennsteig“ ist ein traditionsreicher Wanderweg, der die Bergkämme des Landes passiert und wunderbare Fernblicke ermöglicht. Mit Oberhof verfügt Thüringen sogar über ein international bekanntes Wintersportzentrum.

Die Wachtburg eines Thüringer Grafen 

Eisenach stellt mit gut 40.000 Einwohnern eine typische Mittelstadt dar. In der DDR-Zeit lag der Ort unmittelbar an der hermetisch abgeriegelten Grenze zu Westdeutschland. Der nahe Grenzübergang Wartha/Herleshausen bildete damals eine der wenigen Passierstellen zwischen Ost und West. Noch heute sind die Relikte der einstigen Grenzanlagen ein düsteres Zeugnis dieser Zeit. Die Grenzöffnung bescherte der Stadt dann eine ungeahnte wirtschaftliche Dynamik, die immer noch anhält.

Die Wartburg erhebt sich in unmittelbarer Stadtnähe auf einem markanten waldumsäumten Felsgrat, von dem aus man Eisenach und das Umland hervorragend überblicken kann. Es war der Thüringer Graf Ludwig der Springer, eine sagenumwobene Gestalt, der die Burg an dieser strategisch günstigen Stelle um das Jahr 1067 errichten liess. „Warta“ ist ein altdeutsches Wort für „warten“ mit enger Verwandtschaft zu „warnen“ und „wachen“. Wartburg bedeutet also nichts anderes als Wachtburg.


Eisenach um 1872 (Bild: © Morphart Creation - shutterstock.com)

Eisenach um 1872 (Bild: © Morphart Creation – shutterstock.com)


Residenzstadt der Herzöge von Sachsen-Eisenach

Die Nachfahren von Ludwig dem Springer beherrschten als Landgrafen im Mittelalter das Thüringer Gebiet. Im 13. Jahrhundert starb das Geschlecht der Ludowinger aus. Im nachfolgenden Erbstreit gelangten Stadt und Burg in den Besitz der im benachbarten Sachsen regierenden Wettiner. Sie sollten bis 1918 die Geschicke des Gebietes bestimmen. Mehrfach wurde Eisenach dabei zur Residenzstadt einer Seitenlinie der Wettiner, zuletzt zwischen 1596 und 1741 als Zentrum des Herzogtums Sachsen-Eisenach. Es handelte sich um einen der vielen deutschen Kleinstaaten jener Zeit. Die Residenzfunktion bescherte der Stadt und ihrem Umfeld einige schöne Repräsentativbauten, die heute zu den Sehenswürdigkeiten Eisenachs zählen. Dazu gehören zum Beispiel das Stadtschloss, das Palais Bechtholsheim, die Schlösser Fischbach, Berteroda und Neuenhof. Die Altstadt von Eisenach weist noch manch schönen Fachwerkbau auf.


Merian-Stich von Eisenach - ca. 1647 (Bild: © Matthäus Merian - wiki.org)

Merian-Stich von Eisenach – ca. 1647 (Bild: © Matthäus Merian – wiki.org)


Johann Sebastian Bach und Martin Luther 

Der grösste Sohn der Stadt ist zweifelsohne Johann Sebastian Bach, der hier 1685 das Licht der Welt erblickte. Die weit verzweigte Familie Bach war eng mit Eisenach verbunden, der Vater leitete die Ratstrompeterei, der Sohn Johann Christian wirkte als Organist. Viele Mitglieder der Familie sind noch heute auf dem Alten Friedhof der Stadt beerdigt. Dem Leben und Wirken des grossen Komponisten ist das Bachhaus gewidmet, das im 19. Jahrhundert irrtümlich für das Geburtshaus gehalten wurde und einen der ältesten Fachwerkbauten der Stadt darstellt. Eisenach sah aber auch andere berühmte Komponisten: Johann Pachelbel war hier ebenfalls Organist und Georg Philipp Telemann leitete zeitweise die Hofkapelle.


Johann Sebastian Bach im Jahre 1746. (Bild: © Elias Gottlob Haussmann - wiki.org)

Johann Sebastian Bach im Jahre 1746. (Bild: © Elias Gottlob Haussmann – wiki.org)


Und noch ein grosser Name ist eng mit der Stadt verbunden: der von Martin Luther. Eisenach gehört zu dem Verbund der Lutherstädte in Deutschland, an denen der berühmte Reformator lebte und wirkte. Gleich zweimal in seinem Leben sollte dieser Ort eine wichtige Rolle für ihn spielen. Zwischen 1498 und 1501 besuchte er als Jugendlicher die städtische Lateinschule, eine Vorbereitung auf sein späteres Studium und die anschliessende Laufbahn als Mönch und Hochschullehrer, bis der Bruch mit dem Papst und der Kirche erfolgte. Das Lutherhaus in Eisenach ist im Gebäude der alten Lateinschule untergebracht. Nach der Rechtfertigung vor dem Wormser Reichstag, der folgenden Bannung und Reichsacht lebte er dann zwischen Mai 1521 und März 1522 unter dem Schutz des sächsischen Kurfürsten als „Junker Jörg“ inkognito auf der Wartburg. Die schützende Hand des Kurfürsten bewahrte ihn damals vor Verfolgung und Tod. Ohne dieses vorübergehende Exil wäre der spätere Aufstieg der Reformation vielleicht nicht erfolgt.


Martin Luther als „Junker Jörg“ inkognito auf der Wartburg. (Bild: © Cranach Digital Archive)

Martin Luther als „Junker Jörg“ inkognito auf der Wartburg. (Bild: © Cranach Digital Archive)


Altes und Neues auf der Wartburg 

Noch heute ist auf der Wartburg die karge „Lutherstube“ zu sehen, in der der Reformator während der Monate seines Aufenthaltes wohnte und arbeitete. Hier entstand in nur zehn Wochen die deutsche Übersetzung des Neuen Testaments. Zusammen mit der späteren Übersetzung des Alten Testaments bildet sie bis heute eines der bedeutendsten Werke deutscher Literaturgeschichte. Dank der Erfindung des Buchdrucks fand die Übersetzung damals schnelle Verbreitung und war ein Wegbereiter des reformatorischen Gedankenguts. Die Lutherstube ist Teil des Ritterhauses und der Vogtei, zwei Gebäudeteilen, die aus dem 14. und 15. Jahrhundert stammen und daher nicht die ältesten Teile der Burg sind.


Noch heute ist auf der Wartburg die karge „Lutherstube“ zu sehen. (Bild: © m.wolf - shutterstock.com)

Noch heute ist auf der Wartburg die karge „Lutherstube“ zu sehen. (Bild: © m.wolf – shutterstock.com)


Diese werden durch den sogenannten Palas bzw. das Landgrafenhaus repräsentiert. Das wuchtige Bauwerk stammt im Ursprung aus dem 12. Jahrhundert und wurde in byzantinischen Stil errichtet. Es ist der einzige noch erhaltene Bau dieser Art in Deutschland. Der Palas diente als Vorbild für Burgenbauten späterer Zeiten. So griff zum Beispiel König Ludwig II. von Bayern bei Neuschwanstein auf dieses Modell zurück. Im Erdgeschoss kann die Kemenate der Heiligen Elisabeth von Thüringen besichtigt werden, die hier einst als Ehefrau des Landgrafen lebte. Sie gilt als eine der bedeutendsten Heiligengestalten des Mittelalters und ist bis heute unvergessen. Der Palas steht auch für ein anderes legendäres Ereignis des Mittelalters – den Sängerkrieg auf der Wartburg, von dem in mehreren zeitgenössischen Schriften berichtet wird. Dabei sollen tatsächliche oder fiktive Meistersänger ihrer Zeit um den Preis für das beste Lied gestritten haben. Ob er tatsächlich stattgefunden hat, ist nicht erwiesen. Jedenfalls hat die Legende Dichter und Komponisten nachfolgender Generationen inspiriert – unter anderem Richard Wagner zu seiner berühmten Oper „Tannhäuser“.

Das 19. Jahrhundert war eine Zeit, in der man sich unter dem Vorzeichen der Romantik in verklärender Weise auf das Mittelalter zurückbesann. In dieser Epoche erlebte die Wartburg, die bis dahin einen von Verfall geprägten Dornröschenschlaf geführt hatte, eine Renaissance. Sie wurde umfassend restauriert und dort, wo Ruinen standen, wiederaufgebaut. Nicht immer wurde dabei auf historische Authentizität geachtet. Es findet sich daher auch viel Historistisches im Bauensemble. Das gilt zum Beispiel für den Festsaal im Palas, aber auch für die sogenannte Neue Kemenate, die Dirnitz und die Torhalle. Das heutige Bild der Burg ist also nicht so alt wie es scheint.



Das erste Wartburg-Fest

Dass von hier aus entscheidende Impulse für die geistige, kulturelle und politische Entwicklung Deutschlands ausgingen, ist allerdings unbestritten. Dafür steht auch das erste Wartburgfest am 18. Oktober 1817, als sich auf der Burg erstmals Studenten und einige Professoren versammelten, um gegen die deutsche Kleinstaaterei – für die auch Eisenach ein Beispiel war – und reaktionäre Fürstenpolitik zu demonstrieren und eine Verfassung zu fordern. Bis zu einem vereinten und demokratischen Deutschland sollte es allerdings noch ein langer und wechselvoller Weg sein.

 

Oberstes Bild: © phoelix – shutterstock.com

Über Stephan Gerhard

ist seit Jahren als freier Autor und Texter tätig und beschäftigt sich bevorzugt mit Themen rund um Finanzen, Geldanlagen und Versicherungen sowie Wirtschaft. Als langjähriger Mitarbeiter bei einem Bankenverband und einem großen Logistikkonzern verfügt er über umfassende Erfahrungen in diesen Gebieten.


Darüber hinaus deckt er eine Vielzahl an Themen im Bereich Reisen, Tourismus und Freizeitgestaltung ab. Er bietet seinen Kunden kompetente und schnelle Unterstützung bei der Erstellung von Texten und Präsentationen.



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