Die Insel Rhodos, Teil 8: Ein letzter Blick auf die grüne Insel

13.11.2013 |  Von  |  Alle Länder, Europa
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Die Insel Rhodos, Teil 8: Ein letzter Blick auf die grüne Insel
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Unser Rückflug hat etwas Verspätung. Wir nehmen es ruhig und gelassen. Nach einer Woche jenseits des alltäglichen Stresses und ständigen Zeitdrucks und mehr noch – in Griechenland, wo die Diktatur der Uhr bei weitem nicht absolut ist, – wird man schon wesentlich entspannter. Letzten Endes bedeuten zwei Stunden Verspätung nicht nur unnötige Wartezeit, sondern auch gemütlich einen Kaffee trinken, das geschäftige flughafentypische Hin und Her beobachten, eng an einander sitzend die Fotos an der Kamera anschauen und die Erlebnisse der letzten Woche Revue passieren lassen.     

Alles auf der Insel war unvergesslich – die grüne Üppigkeit der Natur, das warme kristallklare Meer, die malerischen Sehenswürdigkeiten, die alten Ruinen vor allem, und die freundlichen Inselbewohner, natürlich. Doch in unserer Eindrücke-Kollektion gab es noch ein Highlight, das besonders nachhaltig war, weil wir damit vielleicht gar nicht gerechnet und nichts oder wenig davon gewusst haben. Es geht um den italienischen Einfluss auf die Architektur und Infrastruktur von Rhodos.



Wir wussten, wir waren auf einer griechischen Insel – Akropolis, Ausgrabungsstätten, Säulen, Statuen und jede Menge olympischer Legenden inbegriffen. Doch auf Schritt und Tritt bekamen wir von den Italienern zu hören: Das haben sie ausgegraben, dies rekonstruiert, jenes gebaut oder eingeführt. Nach jeder Besichtigung hatten wir mehr und mehr Puzzle-Teile in Besitz, bis wir allmählich anfingen zu begreifen, wie das Gesamtbild einmal ausgesehen hatte.

Bevor die Italiener Anfang des 20. Jahrhundert auf Rhodos kamen, war die Insel fast 400 Jahre lang unter der türkischen Herrschaft. Der Handel blühte zwar in diesem Winkelchen des Osmanischen Reichs, doch ging es sowohl in der Wirtschaft als auch im gesellschaftlichen Leben recht mittelalterlich zu.

Die Promenade (Bild: Irina Simonenko)

Die Promenade (Bild: Irina Simonenko)

Italien erlangte erst 1870 die nationale Einheit und hatte den Wettstreit der Weltmächte um die einträglichen Kolonien beinahe verpasst. Da die von Italien ausgesuchten Kuchenstücke Teile des Osmanischen Reichs waren, erklärten die Italiener dem türkischen Sultan 1911 unter einem fadenscheinigen Vorwand den Krieg und nahmen 1912 die Stadt Rhodos ein.

Im Stadtzentrum (Bild: Irina Simonenko)

Im Stadtzentrum (Bild: Irina Simonenko)

Bis 1923 war eine „provisorische“ Verwaltung damit beschäftigt, Ruhe und Ordnung auf der Insel zu gewährleisten und die Weichen für die Steuerannahmen in Richtung Rom umzustellen. Doch als 1922 Mussolini die Regierung Italiens übernahm und die faschistische Diktatur durchsetzte, änderten sich die Sachen auch auf Rhodos. Von nun an wurde Rhodos als ein Teil Italiens, „Possedimenti Italiani dell´Egeo“ betrachtet. Die faschistischen Besatzer sahen sich als die Erben des alten Römischen Imperiums. Das neue italienische Weltreich sollte entstehen, das wie in der Antike die Länder des Mittelmeerraums, zusammengehalten durch die eisernen Krallen des römischen Adlers, umfassen sollte. Die Ägäischen Inseln waren der erste Schritt auf diesem Weg.

Das alte Badezimmer in einem Haus aus den Zeiten der italienischen Besatzung (Bild: Irina Simonenko)

Das alte Badezimmer in einem Haus aus den Zeiten der italienischen Besatzung (Bild: Irina Simonenko)

Einerseits war das eigentliche Interesse der Italiener auf Rhodos rein militärischer Natur, denn die Insel an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien war schon immer von einer wichtigen strategischen Bedeutung. Andererseits wollten die Besatzer Rhodos in eine Art Muster neuer italienischer Modernität verwandeln. Enorme Geldsummen flossen in den Aufbau und Modernisierung der Infrastrukturen: Strassen und Krankenhäuser wurden gebaut, ein Telefonnetz verlegt, soziale Einrichtungen geschaffen. Mit besonderem Eifer führten die Italiener die Erforschung und Rekonstruktion der antiken und mittelalterlichen Bauten durch. Dabei dachte man weniger an die historische Exaktheit des Nachbaus als an die möglichst imposante Gestaltung der wiederaufgebauten Objekte. Der Grossmeisterpalast in Rhodos-Stadt wurde zum Beispiel in 1,5-facher Grösse rekonstruiert. Besonders eifrig suchte man nach Spuren römischer Präsenz auf der Insel, um die Neuauflage der Eroberungsgeschichte möglichst plausibel zu legitimieren.

Diese Infrastrukturreformen hatten auch noch einen anderen wichtigen Zweck – Rhodos als einen edlen touristischen Ort zu promovieren. Zahlreiche Hotels wurden gebaut, internationale Flugverbindungen eingeführt. Als Ergebnis dieser Reformen besuchten 1934 mehr als 60´000 Touristen Rhodos.

Im Grossen und Ganzen (bis dann die Geschichte an wirklich traurigen braungefärbten Seiten angelangt war) hinterliess die italienische Besatzung aussergewöhnlich viele positive Spuren auf Rhodos. Anstatt Unfug zu treiben, leiteten die unüblichen Besatzer viele nachhaltige Entwicklungen ein, dank derer die aktuellen Inselbewohner im boomenden Tourismus heutzutage ihr Geld verdienen.

 



Oberstes Bild: Die Landschaft auf Rhodos (Bild: Irina Simonenko)

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Über Natalia Muler

Ich schreibe, seit ich schreiben kann, und reise, seit ich den Reisepass besitze. Momentan lebe ich im sonnigen Spanien und arbeite in der Modebranche, was auch oft mit Reisen verbunden ist, worüber ich dann gerne auf den Portalen von belmedia.ch berichte. Der christliche Glaube ist das Fundament meines Lebens; harmonisches Familienleben, Kindererziehung, gute Freundschaften und Naturverbundenheit sind meine grössten Prioritäten; Reisen und fremde Kulturen erleben meine Leidenschaft; Backen und Naturkosmetik meine Hobbys und immer 5 Minuten zu spät kommen meine Schwäche.




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