Miyajima – Japans „Insel der Götter“

05.07.2016 |  Von  |  Asien
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Miyajima – Japans „Insel der Götter“
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Im Allgemeinen wird die japanische Stadt Hiroshima vor allem mit den Schrecken der Atombombe assoziiert. Nahe der einst völlig zerstörten und wiederaufgebauten Millionen-Metropole findet sich aber auch einer der ehrwürdigsten Orte Japans – die Insel Miyajima. 

Miyajima bedeutet übersetzt „Schrein-Insel“. Der Name weist auf eine religiöse Funktion und Bedeutung hin – zu Recht, denn hier ist eines der bedeutendsten Zentren des Shinto, Japans ursprünglicher Naturreligion, die noch vor dem Einzug des Buddhismus den Glauben der Japaner prägte. Der Shintoismus gehört zur japanischen Identität. Ein Besuch auf Miyajima führt weit zurück zu den Ursprüngen des Landes der aufgehenden Sonne.

Der Shintoismus – eine japanische Naturreligion

Der Shintoismus ist eine für uns fremde Religion. Die Shinto-Religion ist polytheistisch angelegt. Ihr Kennzeichen ist die Verehrung einer Vielzahl von Gottheiten, der sogenannten „Kami“. An der Spitze des vielgestaltigen Götter-Universums steht die Sonnen-Gottheit Ameratsu, die gleichzeitig als Urahnin des japanischen Kaisers gilt. Aus diesem Ursprung folgt bis heute die besondere Stellung des Tenno als Bindeglied zwischen der diesseitigen und der göttlichen Sphäre. Dementsprechend gilt der Kaiser auch als eine Art religiöses Oberhaupt des Shintoismus, obwohl seine Stellung eher mystisch ist und nicht mit dem Papst bei katholischen Christen oder den Oberhäuptern anderer Religionsgemeinschaften verglichen werden kann. Aber auch Normalsterbliche können im Shinto-Glauben nach ihrem Tod zu göttlichen Ahnen werden, ja selbst in Bäumen, Pflanzen und Steinen kann sich göttliche Gestalt verbergen.


Es gibt keine klar umrissene Trennlinie zwischen Buddhismus und Shintoismus (Bild: © Korkusung - shutterstock.com)

Es gibt keine klar umrissene Trennlinie zwischen Buddhismus und Shintoismus (Bild: © Korkusung – shutterstock.com)


Der Shintoismus bildet eine Religion, die sich schwer fassen lässt. Denn es gibt weder einen konkreten Religionsstifter, noch eine klar definierte Theologie oder religiöse Lehre. Ebenso fehlt eine übergreifende „kirchliche“ Organisation. Shinto besteht vielmehr aus einer Vielzahl von religiösen Kulten und Glaubensformen, die sich an die zahlreichen Gottheiten des Landes wenden. Es handelt sich in gewisser Weise also um einen Sammelbegriff, manche sprechen denn auch nicht von einer Religion, sondern von einer religiösen Tradition. Das gemeinsame Band ist die Verehrung von Göttern in extra dafür errichteten Schreinen nach bestimmten ähnlichen Riten. Ein Schrein ist dabei eine religiöse Verehrungsstätte, die jeweils einem oder mehreren Kami gewidmet ist.

Eine Insel, die auch Gottheit ist

Aufgrund seiner „Formlosigkeit“ lässt sich der Shintoismus gut mit anderen Religionen vereinbaren. Dies gilt vor allem für den Buddhismus, der von China kommend in Japan bereits ab dem 6. Jahrhundert Einzug gehalten hat. Es gibt keine klar umrissene Trennlinie zwischen Buddhismus und Shintoismus, viele Japaner bekennen sich zu beidem, ohne darin einen Widerspruch zu sehen, obwohl die Ursprünge beider Religionen weit auseinander klaffen. Daher lässt sich auch nicht immer eindeutig sagen, ob ein Heiligtum oder Schrein shintoistisch oder buddhistisch ist. Die buddhistischen Bodhisattvas wurden über die Jahrhunderte der Vermischung auch zu shintoistischen Kami und geniessen entsprechende Verehrung.


Die buddhistischen Bodhisattvas (Bild: © Tooykrub - shutterstock.com)

Die buddhistischen Bodhisattvas (Bild: © Tooykrub – shutterstock.com)


Miyajima ist seit Urzeiten ein heiliger Ort. Die etwa dreissig Quadratkilometer grosse Insel in der Bucht von Hiroshima wurde und wird selbst als Kami, als shintoistische Gottheit, gesehen und verehrt. Dies führte u.a. dazu, dass lange Zeit kein normal Sterblicher die Insel betreten durfte. Man hätte darin eine Verunreinigung gesehen. Die Zeiten haben sich schon länger geändert, Frauen durften Miyajima allerdings erst im letzten Jahrhundert erstmals betreten. Diese „göttliche“ Isolation hat wesentlich dazu beigetragen, dass das Eiland in der dicht besiedelten Region bis heute als ein nur wenig berührtes Naturparadies erhalten blieb – eine Ausnahmeerscheinung in Japan. Die Insel gilt als eines der landschaftlichen Highlights des Landes.


Miyajima ist seit Urzeiten ein heiliger Ort. (Bild: © Luciano Mortula - shutterstock.com)

Miyajima ist seit Urzeiten ein heiliger Ort. (Bild: © Luciano Mortula – shutterstock.com)


Der Itsukushima-Schrein – Zentrum der Verehrung 

Das Wahrzeichen und Heiligtum Miyajimas ist der Itsukushima-Schrein, der an der Nordwestküste der Insel liegt. Der Schrein ist genau genommen ein Komplex von Gebäuden, der aus dem Hauptschrein und mehreren über einen langen Korridor miteinander verbundenen Nebengebäuden besteht. Der Schrein wurde auf einer Art Pier in eine kleine Meeresbucht hinein errichtet, so dass er bei Flut fast über dem Wasser zu schweben scheint. Bei Ebbe erkennt man gut die hölzernen Pfähle, auf denen die Baukonstruktion ruht. Der ganze Gebäudekomplex ist ein Holzbauwerk, in dem leuchtendes Rot einen starken Kontrast zu weissen Zwischenwänden und dunkelgrauen Dächern bildet. Im Umfeld des Itsukushima-Schreins befinden sich weitere Sehenswürdigkeiten: eine eindrucksvolle fünfstöckige Pagode und der Senjo-kaku, der „Turm der tausend Tatamis“, eine grosse buddhistische Sutren-Halle.


Der Itsukushima-Schrein (Bild: © sano kazuki - shutterstock.com)

Der Itsukushima-Schrein (Bild: © sano kazuki – shutterstock.com)


Das markanteste Stück des Schreins bildet aber das Torii, das hölzerne rote Eingangstor, das etwa 160 Meter entfernt in die Bucht hineingebaut wurde. Bei Flut steht es mitten im Wasser, von der übrigen Insel getrennt. Bei Ebbe kann es zu Fuss erreicht werden. Das Torii ist eines der meistfotografierten Motive in Japan und so etwas wie ein Nationalsymbol. Es ist als Eingang eher im übertragenen Sinne zu verstehen. Früher bildete die Fahrt mit dem Boot bzw. der Gang hindurch allerdings die einzige Möglichkeit, zum Schrein zu gelangen. Denn die Insel selbst durfte ja wegen ihrer Göttlichkeit nicht betreten werden.


Schrein auf dem 535 Meter hohen Berg Misen (Bild: © Sam DCruz - shutterstock.com)

Schrein auf dem 535 Meter hohen Berg Misen (Bild: © Sam DCruz – shutterstock.com)


Der Schrein ist ein uralter Verehrungsort. Der erste Bau erfolgte wohl bereits im 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Im 9. Jahrhundert ist ein Bau erstmals urkundlich belegt. Durch Feuer und Wirbelstürme kam es immer wieder zu Zerstörungen, denen jedes Mal der Wiederaufbau folgte. Das heutige Erscheinungsbild ist ein Werk aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Das Torii musste insgesamt achtmal wiedererrichtet werden, zuletzt 1875. Die Verehrung widmet sich insgesamt fünf Kami, darunter drei weiblichen See-Kami: Tagori-hime, Tagitsu-hime und Ichikishima-hime.


Das Torii ist eines der meistfotografierten Motive in Japan. (Bild: © Nattee Chalermtiragool - shutterstock.com)

Das Torii ist eines der meistfotografierten Motive in Japan. (Bild: © Nattee Chalermtiragool – shutterstock.com)


Nie verlöschendes Feuer am Berg Misen

Es lohnt sich, nicht nur den Schrein zu besuchen, sondern auch ein wenig über die Insel zu streifen. Es gibt sogar ein richtiges Wanderwege-Netz. Miyajima zeichnet sich durch grün bewaldete Berghänge aus, die dem Eiland ein ausgesprochen malerisches Bild verleihen. Höchster „Gipfel“ ist der 535 Meter hohe Berg Misen. Der buddhistische Mönch Kukai soll ihn als erster im Jahre 806 erklommen haben, um sich hier hundert Tage lang der Askese zu widmen. Das von ihm entzündete Feuer sollte niemals erlöschen und brennt noch heute in der „Halle des nie verlöschenden Feuers“ unterhalb der Spitze. Die Gegend um den Misen ist ein Lebensraum der Japanmakaken, einer einheimischen Affenart. Daneben ist auf der Insel viel freilebendes Wild zu finden, dass sich oft an die zahlreichen Besucher gewöhnt hat und sich daher aussergewöhnlich zahm zeigt.



Japan von seiner traditionellen Seite kennenlernen – es gibt kaum einen besseren Ort dafür als die Insel Miyajima mit dem Itsukushima-Schrein in der Bucht von Hiroshima. Ein Besuch sollte bei einer Reise nach Japan nicht fehlen.

 

Artikelbild: © Luciano Mortula – shutterstock.com

Über Stephan Gerhard

ist seit Jahren als freier Autor und Texter tätig und beschäftigt sich bevorzugt mit Themen rund um Finanzen, Geldanlagen und Versicherungen sowie Wirtschaft. Als langjähriger Mitarbeiter bei einem Bankenverband und einem grossen Logistikkonzern verfügt er über umfassende Erfahrungen in diesen Gebieten.

Darüber hinaus deckt er eine Vielzahl an Themen im Bereich Reisen, Tourismus und Freizeitgestaltung ab. Er bietet seinen Kunden kompetente und schnelle Unterstützung bei der Erstellung von Texten und Präsentationen.


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