Wandern am Wasser: Fünf der schönsten Suonenwege durch die Landschaften des Wallis

Seit Jahrhunderten bringen die Suonen kostbares Bergwasser auf die trockenen Wiesen, Felder und Weinberge des Wallis.

Heute führen entlang der historischen Kanäle einige der schönsten Wanderwege der Schweiz. Das leise Plätschern begleitet Sie durch Wälder, Rebberge und spektakuläre Felspassagen.

Lebensadern einer trockenen Bergregion

Das Wallis zählt zu den trockensten Regionen der Schweiz. Hohe Bergketten halten einen grossen Teil der Niederschläge ab. Gleichzeitig profitieren die Südhänge des Rhonetals von zahlreichen Sonnenstunden. Für die Landwirtschaft bedeutete diese Lage während Jahrhunderten eine besondere Herausforderung: Wasser war vorhanden, doch es floss häufig tief unten in Bächen und Schluchten.

Die Walliser entwickelten deshalb ein weit verzweigtes System künstlicher Bewässerungskanäle. Im deutschsprachigen Oberwallis heissen sie Suonen, im französischsprachigen Teil des Kantons Bisses. Sie leiten Wasser aus Bergbächen, Gletschern und Flüssen zu Weiden, Äckern, Obstplantagen und Weinbergen.

Der Bau war aufwendig und teilweise lebensgefährlich. Arbeiter schlugen Rinnen in den Fels, befestigten hölzerne Leitungen an steilen Wänden und errichteten Übergänge über tiefe Schluchten. Das Wasser musste mit möglichst gleichmässigem Gefälle fliessen. War der Kanal zu steil, riss die Strömung das Material mit. War das Gefälle zu gering, blieb das Wasser stehen.

Viele Suonen sind weiterhin in Betrieb. Sie bewässern landwirtschaftliche Flächen und werden von Gemeinden, Genossenschaften und freiwilligen Helfern gepflegt. Daneben entwickelten sie sich zu einem besonderen touristischen Angebot. Die Wege verlaufen oft über längere Strecken nahezu eben. Einige Routen sind familienfreundlich, andere führen durch ausgesetztes Gelände und verlangen Trittsicherheit sowie Schwindelfreiheit.


Die Bisse Vieux leitet Wasser aus der Printse zu den Weiden bei Nendaz.

1. Grand Bisse d’Ayent: Wandern entlang der Hundertfrankennote

Die Suone von Ayent gehört zu den bekanntesten Wasserleitungen des Wallis. Ein historischer Abschnitt ist auf der aktuellen Schweizer Hundertfrankennote dargestellt. Die Wahl des Motivs unterstreicht die Bedeutung der Suonen für die Schweizer Wasserwirtschaft und das kulturelle Erbe des Alpenraums.

Die Wanderung beginnt an der Staumauer des Lac de Tseuzier auf rund 1779 Metern. Von dort folgt der Weg der 1442 erbauten Wasserleitung in Richtung Mayens d’Arbaz. Zu den Höhepunkten gehört die rekonstruierte Holzkonstruktion bei Torrent-Croix. Dort wurde die Wasserleitung mit hölzernen Trägern an einer steilen Felswand befestigt.

Die gesamte Strecke ist etwa 11,7 Kilometer lang. Für die Wanderung sollten rund drei Stunden und 15 Minuten eingeplant werden. Da der Endpunkt rund 460 Höhenmeter tiefer liegt als der Start, führt die Route überwiegend bergab. Einige Abschnitte verlaufen jedoch an steilen Hängen und eignen sich nicht für Wanderer mit starker Höhenangst.

Unterwegs wechselt die Landschaft mehrfach ihren Charakter. Der Weg führt durch Nadelwälder, über offene Weiden und an felsigen Passagen entlang. Immer wieder öffnet sich der Blick auf die Walliser Alpen und das Rhonetal. Das gleichmässig fliessende Wasser sorgt selbst an warmen Tagen für eine angenehme Atmosphäre.

Streckenprofil: etwa 11,7 Kilometer, rund 3 Stunden 15 Minuten, mittlere Schwierigkeit, teilweise ausgesetzte Passagen.

2. Torrent-Neuf bei Savièse: Über Hängebrücken durch die Schlucht

Der Torrent-Neuf zählt zu den spektakulärsten Suonenwegen des Wallis. Die historische Wasserleitung wurde zwischen 1430 und 1448 gebaut. Sie brachte Wasser aus der Morge zu den Feldern und Weinbergen der Gemeinde Savièse.

Besonders anspruchsvoll war der Verlauf an den Felswänden oberhalb der Schlucht. Teile der Leitung ruhten auf Holzkonstruktionen, die direkt am Gestein befestigt waren. Nach dem Bau eines Tunnels wurde der alte Kanal in den 1930er-Jahren aufgegeben. Jahrzehnte später begann ein Verein damit, den historischen Weg wieder zugänglich zu machen.

Heute führen vier Hängebrücken durch die eindrucksvolle Felslandschaft. Eine der Brücken ist rund 140 Meter lang und verläuft bis zu 76 Meter über dem Gelände. Der Blick reicht tief in die Schlucht und über die bewaldeten Hänge rund um Savièse.

Die Wanderung beginnt vergleichsweise ruhig. Sie folgt dem Wasser durch Wald und passiert kleine Rastplätze sowie die Kapelle Sainte-Marguerite. Danach wird der Weg zunehmend ausgesetzt. Die Hängebrücken schwanken leicht, und an einzelnen Stellen fällt das Gelände unmittelbar neben dem Weg steil ab.

Für den vollständigen Hin- und Rückweg sind je nach Ausgangspunkt ungefähr acht bis neun Kilometer einzuplanen. Die reine Wanderzeit beträgt etwa drei Stunden. Da es auf den Brücken und in den engen Passagen kaum Ausweichmöglichkeiten gibt, lohnt sich ein Start am frühen Vormittag.

Wichtiger Hinweis: Der Torrent-Neuf kann nach Gewittern, starken Niederschlägen oder Unterhaltsarbeiten kurzfristig ganz oder teilweise gesperrt werden. Prüfen Sie den aktuellen Zustand deshalb unmittelbar vor der Anreise auf der offiziellen Website des Torrent-Neuf.

Streckenprofil: etwa 8,6 Kilometer hin und zurück, rund 3 Stunden, Hängebrücken und ausgesetzte Passagen, Schwindelfreiheit erforderlich.


Eine der spektakulären Hängebrücken am Torrent-Neuf bei Savièse.

3. Grand Bisse de Lens: Weitblicke über das Rhonetal

Die Grand Bisse de Lens bezieht ihr Wasser aus der Lienne. Sie versorgt die Wiesen und Weinberge der Gemeinden Icogne, Lens, Montana und Chermignon. Die Wasserleitung wurde im 15. Jahrhundert angelegt und führt durch eine abwechslungsreiche Landschaft zwischen der Lienne-Schlucht und den sonnenverwöhnten Hängen über dem Rhonetal.

Ein besonders schöner Abschnitt umrundet den Hügel Châtelard. Auf seinem Gipfel steht die weithin sichtbare Statue Christ-Roi. Vom Suonenweg öffnen sich immer wieder weite Blicke über das Tal, die Rebberge und die gegenüberliegenden Bergketten.

Die Route folgt teilweise in den Fels gehauenen Rinnen. An anderen Stellen fliesst das Wasser durch gemauerte oder betonierte Kanäle. Oberhalb steiler Passagen wurden Holzstege angelegt. Sie erleichtern den Zugang, verlangen aber weiterhin konzentriertes Gehen.

Die offizielle Wanderung führt von Torrent-Croix bis Chermignon-d’en-Bas. Sie ist rund 16,4 Kilometer lang und dauert ungefähr vier Stunden und 15 Minuten. Wer eine kürzere Tour bevorzugt, kann nur den Abschnitt zwischen Icogne, dem Châtelard und Lens begehen. Die Ortschaften der Region sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln verbunden, was eine individuelle Routenplanung erleichtert.

Der Weg ist vor allem im Frühling und Herbst reizvoll. Im Hochsommer kann es an den offenen Hängen sehr warm werden. Ein früher Start, ausreichend Trinkwasser und Sonnenschutz sind dann besonders wichtig.

Streckenprofil: vollständige Route etwa 16,4 Kilometer, rund 4 Stunden 15 Minuten, mittlere Schwierigkeit, kürzere Varianten möglich.

4. Niwärch, Gorperi und Undra: Historische Suonen bei Ausserberg

Die sonnenverwöhnte Lötschberg-Südrampe wäre ohne künstliche Bewässerung kaum landwirtschaftlich nutzbar gewesen. Das Wasser wurde deshalb unter schwierigen Bedingungen aus dem Baltschiedertal auf die trockenen Hänge geleitet.

Drei der bedeutendsten Suonen bei Ausserberg sind das Niwärch, die Gorperi und die Undra. Das Niwärch wurde bereits 1381 angelegt. Die Undra stammt aus dem Jahr 1377, während die Gorperi 1640 entstand. Die historischen Wasserwege vermitteln einen besonders eindrucksvollen Eindruck davon, welche Leistungen frühere Generationen mit einfachen Werkzeugen vollbrachten.

Die Rundwanderung beginnt und endet in Ausserberg. Auf rund 15,6 Kilometern führt sie zu den drei Suonen und tief in die Landschaft des Baltschiedertals. Etwa 580 Höhenmeter sind im Auf- und Abstieg zu bewältigen. Die offizielle Wanderzeit beträgt ungefähr vier Stunden und 45 Minuten.

Einige Abschnitte des historischen Suonenwegs sind schmal und ausgesetzt. Alternativ kann ein rund zwei Kilometer langer Tunnel benutzt werden. Dafür ist eine zuverlässige Taschen- oder Stirnlampe erforderlich. Im Tunnel ist es kühl und stellenweise feucht. Warme Kleidung und feste Schuhe gehören daher auch an sonnigen Tagen in den Rucksack.

Diese Wanderung eignet sich für geübte Wanderer mit guter Kondition. Familien mit kleinen Kindern und Menschen mit Höhenangst wählen besser einen der einfacheren Suonenwege. Wer die Route bewältigt, erlebt dafür eine aussergewöhnliche Verbindung aus Natur, Technikgeschichte und Walliser Kulturlandschaft.

Streckenprofil: 15,6 Kilometer, rund 4 Stunden 45 Minuten, etwa 580 Höhenmeter, mittlere Schwierigkeit mit anspruchsvollen Passagen.

5. Suonenrundweg Saas-Fee: Wasser, Wald und Murmeltiere

Der Suonenrundweg in Saas-Fee verbindet die beiden Wasserleitungen Unnerwasser und Bodmerwasser. Im Unterschied zu den exponierten Routen bei Savièse oder Ausserberg steht hier das entspannte Naturerlebnis im Vordergrund.

Die Rundwanderung startet am Postplatz in Saas-Fee. Entlang des Unnerwassers informieren Tafeln über die Geschichte und Funktion der Walliser Bewässerungskanäle. Mehrere Plätze laden zu einer Pause am Wasser ein. Mit etwas Glück lassen sich unterwegs Murmeltiere beobachten.

Ein weiterer Höhepunkt ist das alte Wasserrad von Saas-Fee. Danach folgt die Route dem Bodmerwasser. Sie passiert die Kneippanlage im Bifig und führt durch den Bereich des Abenteuerwaldes zurück zum Ausgangspunkt.

Die Strecke ist 7,5 Kilometer lang. Rund 225 Höhenmeter müssen bewältigt werden. Für den gesamten Rundweg sollten etwa zwei Stunden und 15 Minuten eingeplant werden. Offiziell wird die Route als mittelschwer eingestuft. Sie ist jedoch deutlich weniger ausgesetzt als die Suonenwege an den steilen Talflanken.

Durch die Höhenlage auf rund 1800 Metern bleibt es in Saas-Fee häufig angenehmer als unten im Rhonetal. Der Rundweg eignet sich daher gut für warme Sommertage. Nach dem Wandern bieten das autofreie Dorf und die umliegende Bergwelt zahlreiche Möglichkeiten für einen längeren Aufenthalt.

Streckenprofil: 7,5 Kilometer, rund 2 Stunden 15 Minuten, etwa 225 Höhenmeter, mittlere Schwierigkeit und vergleichsweise familienfreundlich.

Was die Suonen bis heute so wertvoll macht

Die historischen Kanäle sind keine bedeutungslosen Überreste. Viele Suonen führen weiterhin Wasser und erfüllen eine wichtige landwirtschaftliche Funktion. Das offene System bringt das Wasser langsam zu Wiesen, Reben und Obstkulturen. Ein Teil versickert auf dem Weg und trägt zur Versorgung der umliegenden Böden bei.

Angesichts trockener Sommer gewinnen traditionelle Bewässerungssysteme erneut an Aufmerksamkeit. Sie zeigen, wie Wasser mit einfachen technischen Mitteln über grosse Entfernungen verteilt werden kann. Gleichzeitig bleibt ihre Pflege arbeitsintensiv. Laub, Äste, Steine und Geröll müssen regelmässig entfernt werden. Beschädigte Abschnitte benötigen nach Unwettern schnelle Reparaturen.

Früher überwachte ein Suonenwärter den Wasserlauf. Er kontrollierte den Kanal, beseitigte Hindernisse und sorgte dafür, dass die vereinbarten Wassermengen die vorgesehenen Flächen erreichten. Mancherorts kündigten kleine, vom Wasser angetriebene Klopfvorrichtungen den regelmässigen Fluss an. Verstummte das Geräusch, deutete dies auf eine Störung hin.

Sieben Tipps für eine sichere Suonenwanderung

  • Route sorgfältig auswählen: Suonenwege reichen vom gemütlichen Spaziergang bis zur ausgesetzten Bergwanderung.
  • Aktuelle Hinweise prüfen: Unwetter, Steinschlag und Unterhaltsarbeiten können kurzfristige Sperrungen verursachen.
  • Feste Schuhe tragen: Feuchte Erde, Wurzeln und nasse Holzstege können rutschig sein.
  • Höhenangst ernst nehmen: Hängebrücken und schmale Felspassagen sind für manche Wanderer ungeeignet.
  • Ausreichend Wasser mitführen: Das Wasser in den Suonen ist kein garantiertes Trinkwasser.
  • Sonnen- und Regenschutz einpacken: Das Wetter kann sich in den Bergen rasch ändern.
  • Auf dem Weg bleiben: Abkürzungen beschädigen die empfindliche Landschaft und können gefährlich sein.

Besondere Vorsicht ist nach Gewittern geboten. Lose Steine, beschädigte Stege oder überlaufende Kanäle sind nicht immer sofort erkennbar. Offizielle Sperrungen und Absperrungen müssen unbedingt beachtet werden.

Video: Unterwegs an der Suone von Ayent

Die SRF-Dokumentation „Wanderparadies Schweiz“ begleitet eine Wanderung entlang der Suone von Ayent. Sie zeigt die jahrhundertealte Wasserleitung, die Walliser Berglandschaft und die historischen Konstruktionen an den steilen Felswänden.



Dem Wasser durch das Wallis folgen

Suonenwege verbinden Bewegung, Landschaft und Geschichte auf besondere Weise. Das Wasser gibt die Richtung vor und führt zu Orten, die ohne die alten Kanäle kaum erreichbar wären. Dabei zeigt jede Route einen anderen Teil des Wallis.

Die Suone von Ayent verbindet ein eindrucksvolles Bergpanorama mit historischen Holzkonstruktionen. Der Torrent-Neuf fordert auf seinen Hängebrücken Mut und Schwindelfreiheit. Die Grand Bisse de Lens bietet weite Ausblicke über das Rhonetal. Rund um Ausserberg wird die Bedeutung der Bewässerung für die trockenen Südhänge sichtbar. Der Suonenrundweg in Saas-Fee ermöglicht einen ruhigeren Einstieg in das Thema.

Wer dem leisen Plätschern folgt, entdeckt eine Kulturlandschaft, die über Jahrhunderte durch Wasser geformt wurde. Die Suonen sind damit weit mehr als attraktive Wanderziele. Sie gehören zu den eindrucksvollsten Zeugnissen des Lebens und Arbeitens in den Schweizer Alpen.

 

Bildquellen: Bild 1: Symbolbild © DjemoGraphic/Shutterstock.com; Bild 2: Symbolbild © Jonathan Mills/Shutterstock.com; Bild 3: Symbolbild © Oleg Lopatkin/Shutterstock.com

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