Die Insel Rhodos, Teil 6: Petaloudes – zu Besuch im Tal der Schmetterlinge

06.11.2013 |  Von  |  Alle Länder, Europa
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Die Insel Rhodos, Teil 6: Petaloudes – zu Besuch im Tal der Schmetterlinge
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Wenn man nicht gerade im Hochsommer, etwa von Mitte Juni bis September, auf Rhodos Urlaub macht, wird man kaum glauben, dass das Schmetterlingstal nicht nur dem Namen nach etwas mit Schmetterlingen zu tun hat. Schliesslich ist der einzige Falter, den man zu sehen bekommt, die eigene Faltkarte unter dem Arm. Berühmt wurde das Schmetterlingstal dank dem israelischen Satiriker Ephraim Kishon, der sich in einem seiner Bücher aufrichtig wunderte, wo denn die versprochenen Schmetterlinge stecken. Doch wenn man das Glück hat, zu der richtigen Jahreszeit das Schmetterlingstal zu besuchen, wird man zum Zeugen eines aussergewöhnlichen Naturspektakels.

Petaloudes oder das Tal der Schmetterlinge befindet sich im Inselinneren und kann von Rhodos-Stadt her sowohl auf der Westküstenstrasse über Kalithies und Psinthos als auch auf der Ostküstenstrasse über die Abzweigung hinter Paradisi erreicht werden. Das Tal hat drei Eingänge. Merkwürdigerweise zahlt man Eintritt nur am mittleren. Wer sich wirklich für die  Schmetterlinge und nicht nur fürs Wandern interessiert, sollte schon im Juli oder August kommen. Aber auch in der Hochsaison ist die für den Besuch gewählte Uhrzeit nicht unwichtig – denn „tiefe Stille herrscht im Wasser“ gegen Mittag.



Ein Schwarm Russischer Bär (Bild: Maria A. Grunewald, Wikimedia, CC)

Ein Schwarm Russischer Bär (Bild: Maria A. Grunewald, Wikimedia, CC)

Das Tal der Schmetterlinge ist einmalig und weltberühmt wegen der zahlreichen Falter-Kolonie, die die grüne Landschaft bewohnt. Die Art heisst russischer Bär oder Spanische Flagge. Die Schmetterlinge sind etwa fünf Zentimeter breit und haben bläulich-schwarze Aussenflügel mit weissen oder gelben Streifen. Die Hinterflügel sind grell orange oder leuchtend rot mit ein paar schwarzen Punkten darauf.

Lange Zeit konnte man nicht verstehen, warum die Schmetterlinge gerade dieses Tal als ihr Heim gewählt haben. Die Naturwissenschaftler fragten sich ergebnislos danach, bis ein deutscher Insektenforscher nach einer zweijährigen Beobachtung das Geheimnis gelöst hat. Im Tal wachsen nämlich sehr viele orientalische Amberbäume. Der etwas an Vanille erinnernde Harzgeruch dieser Bäume zieht die Schmetterlinge magisch an und versetzt sie in eine für die Fortpflanzung ausserordentlich günstige Stimmung. Als Folge dieser Liebeslust schlüpfen im Frühling aus den Puppen tausende neue Schmetterlinge. Sie breiten ihre zarten Flügel aus, machen einen Probeflug, spüren den aromatischen süsslichen Harzgeruch der Amberbäume und der Lebenskreis fängt von vorne an…

Im Schmetterlingstal (Bild: Irina Simonenko)

Im Schmetterlingstal (Bild: Irina Simonenko)




Zahlreich ist die Kolonie aber zurzeit nur in Theorie. Die Populationszahl ist seit 80er Jahren drastisch gesunken. Die Enttäuschung vieler Ausflügler, die nur wenige Exemplare zu Gesicht bekommen, ist leicht nachzuvollziehen. Die tatsächlichen Opfer sind aber in diesem Fall nur die Schmetterlinge. Je mehr Touristen in das Tal kamen, desto scheuer wurden die bunten Harlekine. Der Lärm, den die Touristenströme während des Tages erzeugen, liess die Falter nie zur Ruhe kommen, für die nächtlichen Schäferstündchen hatten die Tiere keine Kraft mehr. Die armen Euplagia quadripunctaria sind sozusagen in einen Circulus vitiosus geraten: Je mehr Menschen kamen, um die Schmetterlinge zu sehen, desto weniger Schmetterlinge gab es eigentlich zu sehen.

In den letzten Jahren veränderte sich erfreulicherweise sie Situation immer mehr zum Besten. Die Falterkolonie wird intensiv geschützt. Wenn man laut wird, ist mit einer Geldstrafe zu rechnen. Gleich am Eingang verbietet ein mehrsprachiges Schild, Lärm jeder erdenklichen Art zu machen, zu klatschen oder zu rauchen. Wer also 50 Euro loswerden will, muss dazu nur einmal laut pfeifen. Ausserdem, damit die Schmetterlinge auch in der Trockenzeit mit Wasser versorgt werden, hat man im Tal einen Stausee eingerichtet.

Die schattige Allee im Tal der Schmetterlinge (Bild: Irina Simonenko)

Die schattige Allee im Tal der Schmetterlinge (Bild: Irina Simonenko)




Aber wenn man auch kein Glück hat und die Schmetterlingssaison verpasst, ist eine Wanderung im Tal trotzdem eine Körper und Seele erfreuende Angelegenheit. Man läuft auf den malerischen Pfaden und Brücken durch den prächtigen schattigen Pflanzenwuchs; der Bach, der das Tal durchquert, rauscht beruhigend, stürzt ab und zu in umher spritzenden Wasserfällen und ruht dann eine Weile in kleinen Seen, um weiter mit neuer Kraft zum fernen Meer hinunterzuströmen.

Zu Besuch auf der Straussenfarm (Bild: Irina Simonenko)

Zu Besuch auf der Straussenfarm (Bild: Irina Simonenko)

Mit positiver grüner Stimmung vollgetankt fahren wir am Rückweg noch an einer Straussenfarm vorbei. Die freundlichen und neugierigen Vögel kommen, um uns zu begrüssen. Wir verweilen eine Zeit lang bei den lustigen langbeinigen Gefiederten und kaufen uns noch am Schluss ein Straussenei. In der Pension angekommen geraten wir in einen Interessenkonflikt: Einerseits möchten wir ein Rührei machen; andererseits darf das Ei bitte-bitte nicht kaputt gehen. Also heisst es, Ei ausblasen. Das ist aber gar nicht so einfach. Mit einem von unseren Gastgebern kurz ausgeliehenen Akkubohrer machen wir im Ei oben und unten je einen Loch. Dann verrühren wir den Dotter mit dem Eiweiss mit einem Holzspiess. Schon das ist nicht mehr angenehm. Das eigentliche kommt aber erst: von unten führen wir einen Strohhalm ein und pusten kräftig. Nach dem Anblick der herausfliessenden blubbernden schleimigen Flüssigkeit, ist mir der Appetit nach dem Rührei schnell vergangen. Und noch Monate lang danach könnten alle Hühner und Strausse der Welt von mir aus Urlaub machen und keine Eier mehr legen. Auch jetzt, wenn ich nur darüber schreibe, steigt eine leichte Übelkeit in meinem Bauch. Aber dann erinnere ich mich schnell an die flatternden Schmetterlinge und den grünen Wald, und es wird alles wieder schön ruhig.



 

Oberstes Bild: Russischer Bär (Bild: Rosenzweig, Wikimedia, CC)

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Über Natalia Muler

Ich schreibe, seit ich schreiben kann, und reise, seit ich den Reisepass besitze. Momentan lebe ich im sonnigen Spanien und arbeite in der Modebranche, was auch oft mit Reisen verbunden ist, worüber ich dann gerne auf den Portalen von belmedia.ch berichte. Der christliche Glaube ist das Fundament meines Lebens; harmonisches Familienleben, Kindererziehung, gute Freundschaften und Naturverbundenheit sind meine grössten Prioritäten; Reisen und fremde Kulturen erleben meine Leidenschaft; Backen und Naturkosmetik meine Hobbys und immer 5 Minuten zu spät kommen meine Schwäche.




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