Turnaround: Was zwischen Landung und Start passiert – die unsichtbare Arbeit am Flughafen

Wenn ein Flugzeug landet, beginnt für die meisten Passagiere das Warten. Für die Bodencrew beginnt in diesem Moment eine hochpräzise Choreografie, die unter extremem Zeitdruck ablaufen muss. Bis zu einem Dutzend Teams arbeiten gleichzeitig im, um und unter dem Flugzeug – und all das in einem Zeitfenster, das je nach Flugzeugtyp zwischen 35 Minuten und zwei Stunden liegt. Was in dieser Zeit geschieht, bekommen die wenigsten zu sehen.

Ein Flugzeug am Boden ist ein teures Flugzeug. Airlines berechnen die Wirtschaftlichkeit ihrer Flotten nach den sogenannten «Block Hours» – der Zeit zwischen dem Lösen der Bremsklötze («Off-Block») und dem Setzen der Bremsklötze nach der nächsten Landung («On-Block»). Jede Minute am Boden ist eine Minute, die keine Einnahmen generiert. Gleichzeitig ist der Turnaround – so heisst der Gesamtprozess der Bodenabfertigung – eine der komplexesten logistischen Operationen im zivilen Luftverkehr. Ein Fehler in einem einzigen Teilprozess kann eine Verspätung auslösen, die sich über den ganzen Tag und alle Folgeflüge der Maschine fortpflanzt.

Was ist ein Turnaround – und wer ist daran beteiligt?

Der Begriff Turnaround bezeichnet in der Luftfahrt den gesamten Zeitraum, den ein Flugzeug zwischen der Ankunft am Standplatz (On-Block) und dem nächsten Abflug (Off-Block) am Boden verbringt – inklusive aller dabei stattfindenden Abfertigungstätigkeiten.

Am Flughafen Zürich (ZRH) – einem der wichtigsten Drehkreuze Europas mit rund 100 Direktdestinationen – koordiniert ein sogenannter Ramp Agent den gesamten Ablauf. Er ist die zentrale Schnittstelle zwischen der Cockpitcrew, den verschiedenen Bodendienstleistern und dem Flughafen. Sobald das Flugzeug am Gate angedockt ist, laufen folgende Teams parallel an:

  • Gepäck- und Frachtabfertigung: Entladen der ankommenden Gepäckstücke und Container, Umladen von Transfergepäck, Beladen des Ausflugsgepäcks
  • Kabinenreinigung: Reinigung und Herrichtung aller Kabinenbereiche für den nächsten Flug
  • Catering-Crew: Austausch sämtlicher Bordverpflegung, Getränkevorräte und Verbrauchsmaterialien
  • Betankungsteam: Betankung des Flugzeugs mit dem präzise berechneten Kerosinbedarf
  • Technisches Personal: Walk-around-Inspektion und etwaige technische Korrekturen
  • Wasser und Toiletten: Leeren der Toilettentanks, Auffüllen des Trinkwassers

Phase 1: On-Block – der Startschuss

Sobald das Flugzeug am Gate angedockt und die Fluggastbrücke angeschlossen ist, beginnt die «heiße Phase» des Turnarounds. Der Moment hat einen fachlichen Namen: AIBT – Actual In-Block Time. Ab diesem Zeitpunkt läuft die Uhr für alle Teams.

Die Frachtraumtüren öffnen sich typischerweise bereits, während die letzten Passagiere noch aussteigen. Moderne Bodenabfertigung ist so getaktet, dass keine Sekunde verloren geht: Die Gepäckabfertigung beginnt parallel zum Deboarding, nicht danach. Gleichzeitig dockt bereits das erste Cateringfahrzeug an, das Betankungsfahrzeug fährt vor, und die Reinigungscrew wartet in Position.

Das Flugzeug wird unmittelbar nach dem Andocken von seiner eigenen Stromversorgung (APU – Auxiliary Power Unit) auf den Bodenstrom des Terminals umgeschaltet. Das spart Kerosin und schont die Triebwerke. Am Flughafen Zürich sind in das Vorfeld sogenannte Hydrantenstationen eingelassen – ein unterirdisches Rohrleitungssystem, das deutlich schneller betanken kann als mobile Tankwagen.

Phase 2: Die parallelen Prozesse im Detail

Gepäck und Fracht – Hochleistungslogistik unter Zeitdruck

Die Gepäckabfertigung ist einer der zeitkritischsten Prozesse. Das ankommende Gepäck wird über spezielle Förderbänder und Containerfahrzeuge – sogenannte Dollies mit ULD-Containern (Unit Load Devices) – aus dem Frachtraum transportiert. Ein erheblicher Teil des Gepäcks ist für Anschlussflüge bestimmt und muss enge Transferzeiten einhalten. Am Flughafen Zürich gilt für kurze Anschlüsse eine Minimum-Verbindungszeit von 30 Minuten für Inlandflüge und 45 Minuten für internationale Verbindungen.

Parallel dazu werden die ULD-Container des nächsten Fluges beladen und für die Verladung bereitgestellt. Die genaue Platzierung im Frachtraum ist dabei nicht zufällig: Die Gewichtsverteilung beeinflusst direkt den Schwerpunkt des Flugzeugs und damit die Triebwerksleistung und den Kerosinverbrauch des nächsten Fluges.

Kabinenreinigung – mehr als Staubsaugen

Das Reinigungsteam arbeitet unter extremem Zeitdruck. Beim Turnaround eines Airbus A380 am Flughafen Zürich – wie aeroTELEGRAPH in einer detaillierten Dokumentation berichtet – umfasst das Reinigungsteam 22 Personen, die sich gleichzeitig auf alle Kabinenbereiche aufteilen. Böden, Bordküchen, Sitze, Toiletten und das Cockpit werden parallel gereinigt.

Bei Kurzstrecken-Turnarounds von 35 bis 45 Minuten bleibt für die Reinigung oft nur ein Bruchteil dieser Zeit. Das hat direkte Konsequenzen für die Gründlichkeit: Oberflächenreinigung und Nachfüllen von Verbrauchsmaterialien (Papierhandtücher, Seife, Servietten, Zeitschriften) sind Pflicht, eine Tiefenreinigung ist für kürzere Turnarounds nicht möglich. Diese findet in der Regel nachts statt, wenn das Flugzeug seinen Heimatflughafen angesteuert hat.



Catering – ein Logistikwunder im Zeitraffer

Das Catering ist ein eigener Mikrokosmos. Spezielle Lifterfahrzeuge heben die Cateringcontainer auf Höhe der Flugzeugküchen. Der Austausch läuft in zwei Richtungen gleichzeitig: die verbrauchten Reste raus, die vorbereiteten Portionen für den nächsten Flug rein. Beim bereits erwähnten Emirates A380 werden pro Flug im Schnitt 478 Flaschen Wein und 31 Flaschen Champagner zugeladen – dazu für jede der 517 Sitzpositionen ein individuelles Menü.

Betankung – Präzisionsarbeit mit Zehntausenden Litern

Die Betankung ist ein Prozess, der minutiös berechnet wird. Der Kapitän erhält vor jedem Flug einen Fuel Plan, der den exakten Kerosinbedarf für die Strecke plus gesetzlich vorgeschriebene Reserven enthält. Diese Reserven umfassen Treibstoff für den Flug zum Ausweichflughafen, eine 30-minütige Haltereserve sowie eine zusätzliche Krisenreserve nach Ermessen des Kapitäns.

Die Mengen sind beeindruckend: Ein Airbus A320 auf einem zweistündigen Flug benötigt rund 6’300 Kilogramm Kerosin – das entspricht etwa 7’900 Litern. Ein Langstreckenjet wie die Boeing 777-300ER fasst bis zu 181’000 Liter Kerosin und verbraucht auf langen Strecken zwischen 5’000 und 7’000 Liter pro Stunde. Am Flughafen Zürich erfolgt die Betankung grösserer Maschinen unterflügelig über das eingelassene Hydrantensystem des Vorfelds – deutlich schneller als mit mobilen Tankwagen.

Eine flugbetriebliche Besonderheit: Während der Betankung darf gleichzeitig an Bord geboardet oder deboarded werden – aber nur unter ganz spezifischen Sicherheitsbedingungen. Die Fluchtwege müssen frei sein, und Feuerwehrfahrzeuge müssen innerhalb von zwei Minuten vor Ort sein können. Es handelt sich nicht um ein Sicherheitsrisiko, sondern um eine streng regulierte Ausnahme, die sorgfältig koordiniert wird.

Phase 3: Walk-around und technische Freigabe

Unabhängig von der Kürze des Turnarounds ist eine Pflicht unveränderlich: der Walk-around der Piloten. Vor jedem Abflug begehen Kapitän oder Copilot das gesamte Flugzeug zu Fuss und überprüfen systematisch die Aussenhaut auf Schäden, Lecks, Fremdkörper und Auffälligkeiten. Triebwerke, Fahrwerk, Steuerflächen, Pitot-Rohre (Geschwindigkeitssensoren) und Beleuchtungsanlage werden visuell kontrolliert. Der Walk-around ist gesetzlich vorgeschrieben und findet ausnahmslos bei jedem Flug statt – bei Regen, Schnee, Hitze und Dunkelheit.

Parallel dazu führt das technische Personal seine eigenen Kontrollen durch. Erst wenn alle technischen Freigaben erteilt sind, darf das Boarding beginnen.

Phase 4: Boarding, Pushback und Triebwerksstart

Sobald Reinigung, Catering und Beladung abgeschlossen sind, beginnt das Boarding der neuen Passagiere. Nach dem Einsteigen aller Reisenden und dem Schliessen der Türen wird die Fluggastbrücke zurückgezogen. Ein Pushback-Traktor schiebt das Flugzeug vom Gate – Flugzeuge können nicht aus eigener Kraft rückwärts fahren. Erst wenn der Schlepper abgekoppelt ist und der Ramp Agent die Freigabe erteilt hat, können die Triebwerke gestartet werden.

Das Flugzeug rollt nun eigenständig zur Startbahn. Der Moment, in dem der Ramp Agent die Bremsklötze entfernt und das letzte Team das Vorfeld verlassen hat, heisst AOBT – Actual Off-Block Time. Dieser Zeitstempel ist für die Pünktlichkeitsstatistik der Airline entscheidend.

Wenn alles gleichzeitig schiefgeht: Verspätungen im Kaskadeneffekt

Ein Turnaround ist so gut wie sein schwächstes Glied. Kommt das Catering-Fahrzeug zu spät, kann das Boarding nicht beginnen. Fehlt ein Gepäckstück in der Sicherheitsüberprüfung, verzögert sich die Abflugfreigabe. Eine technische Auffälligkeit beim Walk-around kann den gesamten Prozess stoppen. Diese sogenannten Kaskadeneffekte erklären, warum eine einzige Verzögerung von 15 Minuten am Morgen zu einer Stunde Verspätung am Abend führen kann – weil dasselbe Flugzeug oft fünf bis sieben Rotationen pro Tag fliegt.

Moderne Flughäfen setzen deshalb zunehmend auf digitale Turnaround-Management-Systeme, die alle beteiligten Teams in Echtzeit über den Status jedes Teilprozesses informieren. Verzögerungen werden automatisch erkannt und direkt an den verantwortlichen Koordinator gemeldet – bevor sie sich zu einem ernsthaften Problem ausgewachsen haben.

Video-Tipp: A380 – Von der Landung bis zum Start am Flughafen Zürich

Wer den Turnaround-Prozess einmal live und in voller Länge erleben möchte, dem empfehlen wir dieses eindrückliche Video, das den gesamten Turnaround eines Emirates A380 am Flughafen Zürich dokumentiert – von der Landung bis zum Start. Rund vier Stunden lang sind über 50 Personen im Einsatz, um das grösste Passagierflugzeug der Welt wieder startklar zu machen:



Fazit

Der Turnaround ist das unsichtbare Herzstück des Flugbetriebs. Während Passagiere auf ihre Koffer warten oder im Terminal einen Kaffee trinken, läuft auf dem Vorfeld eine präzise abgestimmte Operation ab, die in ihrer Komplexität einem Formel-1-Boxenstopp nicht unähnlich ist – nur dass das «Fahrzeug» 70 bis 500 Tonnen wiegt und 300 bis 500 Menschen an Bord hat. Jede dieser Minuten ist erkämpft, koordiniert und protokolliert. Pünktlichkeit im Luftverkehr beginnt nicht in der Luft – sie beginnt am Boden.

 

Bildquellen: Bild 1: Symbolbild © CuteIdeas/Shutterstock.com; Bild 2: Symbolbild © Michael Derrer Fuchs/Shutterstock.com

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