Wingsuit-Fliegen in der Schweiz: Zwischen Felswänden, Freiheit und Risiko
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Ein Anzug aus Stoff, der die Arme und Beine verbindet. Felswände, die in wenigen Metern Abstand vorbeirasen. Geschwindigkeiten von bis zu 250 Stundenkilometern. Wingsuit-Fliegen ist wohl eine der extremsten Sportarten der Welt – und die Schweiz gehört zu den begehrtesten Destinationen überhaupt. Das Lauterbrunnental im Berner Oberland hat sich zur weltweiten Pilgerstätte für Wingsuit-Piloten entwickelt.
Was aus der Ferne wie ein riskantes Spektakel wirkt, ist für seine Ausübenden eine Präzisionssportart, die jahrelange Vorbereitung, hunderte von Sprüngen und ein tiefes Verständnis für Physik, Wetter und Gelände erfordert. Wer im Wingsuit durch ein Schweizer Alpental fliegt, hat dafür oft Jahre trainiert.
Was ist ein Wingsuit?
Ein Wingsuit ist ein Spezialanzug, der zwischen den Armen und den Beinen Membranen aus Stoff spannt. Beim Sprung verwandelt sich der Körper so in eine Art menschlichen Gleiter: Der Luftwiderstand wird genutzt, um Auftrieb zu erzeugen und horizontale Distanz zurückzulegen, anstatt nur senkrecht zu fallen. Je nach Anzugdesign und Pilotentechnik lassen sich Gleitverhältnisse von bis zu 3:1 erreichen – das bedeutet drei Meter horizontale Strecke pro Meter Höhenverlust.
Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Varianten des Wingsuitfliegens: das Wingsuit-Skydiving, bei dem aus einem Flugzeug gesprungen wird und am Ende ein Fallschirm geöffnet wird, sowie das Wingsuit-BASE-Jumping, bei dem von festen Absprungpunkten wie Klippen, Brücken oder Gebäuden gestartet wird. Letzteres – besonders in Kombination mit sogenanntem Proximity Flying, also dem Fliegen in unmittelbarer Nähe zur Felswand – gilt als die gefährlichste Disziplin.
Lauterbrunnen: Die Welthauptstadt des Wingsuits
Das Lauterbrunnental im Berner Oberland ist weltweit unter Wingsuit-Piloten bekannt wie kaum ein anderer Ort. Das steile, von senkrechten Felswänden geprägte Tal bietet ideale topografische Bedingungen für Proximity-Flüge: zahlreiche Absprungpunkte in verschiedenen Höhenlagen, definierte Fluglinien entlang der Felsen und – trotz aller Gefahr – eine gut etablierte Community und Infrastruktur.
Jedes Jahr reisen Piloten aus aller Welt nach Lauterbrunnen, um hier zu fliegen. Das Tal ist aber auch für seine tragischen Unfälle bekannt: Kein anderer Ort der Welt hat so viele erfahrene Wingsuit-Piloten das Leben gekostet. Das Lauterbrunnental wird deshalb in der Szene respektvoll – und manchmal auch düster – als „Tal des Todes“ bezeichnet. Es ist kein Ort für Anfänger, sondern für die Erfahrensten der Erfahrenen.
Geraldine Fasnacht: Schweizer Pionierin in der Luft
Eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Schweizer Wingsuit-Szene ist Geraldine Fasnacht. Die Walliserin hat in den Disziplinen Freeride, Wingsuit und BASE-Jumping mehrfach Weltmeistertitel gewonnen und gilt als eine der besten Wingsuit-Pilotinnen der Welt. Sie schaffte als erste Person überhaupt einen Wingsuit-Sprung vom Matterhorn – ein Unterfangen, das selbst in der Szene als aussergewöhnlich gilt.
Wie wird man Wingsuit-Pilot?
Der Weg zum Wingsuitfliegen ist lang – und das ist keine Übertreibung. Wer Wingsuit fliegen möchte, muss zunächst das Fallschirmspringen erlernen. In der Schweiz ist dafür die AFF-Ausbildung (Accelerated Freefall) der erste Schritt, die je nach Dropzone zwischen 2’500 und 3’500 Franken kostet und mit mindestens 25 dokumentierten Sprüngen sowie einer Theorieprüfung zum Schweizer Fallschirmsprungschein führt.
Für den ersten Wingsuit-Kurs sind in der Regel mindestens 200 dokumentierte Fallschirmsprünge Voraussetzung. In der Schweiz bietet unter anderem das Wings4You Wingsuit Center entsprechende Firstfly-Kurse an. Das Wingsuit-BASE-Jumping setzt darüber hinaus umfangreiche Erfahrung im regulären BASE-Jumping voraus und gilt als Königsdisziplin, zu der nur ein sehr kleiner Kreis von Piloten weltweit Zugang hat. In Lauterbrunnen bietet LTBJ (Learn to Base Jump) professionelle Ausbildungskurse an – eine der renommiertesten BASE-Schulen der Welt.
Wo kann man in der Schweiz Wingsuit fliegen?
Die Schweiz verfügt über sieben professionelle Dropzones, die alle vom BAZL (Bundesamt für Zivilluftfahrt) zugelassen sind. Für Skydiving und Wingsuit-Skydiving stehen unter anderem folgende Standorte zur Verfügung:
- Skydive Luzern, Beromünster – einer der aktivsten Sprungplätze der Zentralschweiz
- Dropzone 47, Grenchen – bekannt für gute Ausbildungsinfrastruktur
- Skydiving Ostschweiz, Altenrhein – am Bodensee, mit Blick auf die Vorarlberger Alpen
- Locarno – Sprungplatz im Tessin mit mediterranem Flair
Für das Wingsuit-BASE-Jumping ist Lauterbrunnen der bekannteste Spot der Schweiz – und wohl der Welt. Wer lediglich zuschauen möchte: Im Sommer sind Wingsuit-Piloten im Tal regelmässig zu beobachten.
Tandem-Wingsuit: Auch für Einsteiger ein Erlebnis
Wer den Wingsuit-Flug erleben möchte, ohne jahrelange Ausbildung, für den gibt es eine besondere Option: den Tandem-Wingsuit-Sprung. In Interlaken bietet das Team von Skyvibration als eines der wenigen Anbieter weltweit Tandem-Wingsuit-Sprünge an. Dabei fliegt ein erfahrener Pilot gemeinsam mit dem Gast – Geschwindigkeiten von bis zu 250 Stundenkilometern und ein Freiflug von rund 3 Kilometern inklusive. Mindestalter ist 12 Jahre, der Sprung sollte wegen der Wetterabhängigkeit mit einem Zeitpuffer von drei Tagen geplant werden.
Video-Tipp: Wingsuit fliegen in den Schweizer Alpen
Das ARD-Weltspiegel-Magazin hat einen beeindruckenden Beitrag über das Wingsuitfliegen im Lauterbrunnental produziert – mit seltenen Einblicken in die Szene, die Faszination und die Risiken dieser extremen Sportart.
Fazit
Wingsuit-Fliegen ist kein Sport für Ungeduldige. Der Weg dorthin erfordert Jahre der Vorbereitung, hunderte von Sprüngen und ein tiefes Respektgefühl vor den Kräften, die beim Fliegen wirken. Die Schweiz – allen voran das Lauterbrunnental – ist dabei eine der faszinierendsten Bühnen der Welt für diese extreme Disziplin. Wer sie aus sicherer Distanz erleben möchte, kann das im Sommer im Tal tun. Wer den Traum vom Fliegen selbst verwirklichen möchte, beginnt am besten beim Fallschirmspringen – und arbeitet sich von dort aus vor.
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