Synthese des europäischen Barock – die Würzburger Residenz

21.04.2015 |  Von  |  Europa
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Synthese des europäischen Barock – die Würzburger Residenz
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Die Würzburger Residenz gilt als der vollkommenste Schlossbau des Barock im süddeutschen Raum – ein Bau, der in einer Reihe mit seinen Pendants in Versailles und Schönbrunn steht. Er repräsentiert den höfischen Prunk im Absolutismus des 18. Jahrhunderts und weist gleichzeitig auf sein Ende hin. 

Das Bauwerk verhalf gleichzeitig einem bis dahin unbekannten Architekten zum Durchbruch und zu grossem Ruhm – Balthasar Neumann, einem genialen Baumeister des Barock und Rokoko, der aus einfachen Verhältnissen stammte und mit der Würzburger Residenz gleichsam sein Meisterstück ablieferte.

Ein angemessener Bischofssitz für einen Schönborn

Zu verdanken ist das prachtvolle Schloss dem Würzburger Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn, einem Spross aus jenem vielverzweigten Adelsgeschlecht, das seit Jahrhunderten im deutschsprachigen Raum zahlreiche Bischofsstühle besetzt hat. Dem Fürstbischof war Anfang des 18. Jahrhundert seine angestammte Residenz auf der Festung Marienberg oberhalb Würzburgs zu eng und unbequem geworden. Er wollte einen repräsentativen Neubau im Stil der Zeit. Ein prachtvolles Schloss für einen Bischof mag heute dem Amt unangemessen erscheinen, damals waren die Würzburger Fürstbischöfe auch – vielleicht sogar in erster Linie – weltliche Regenten und orientierten sich ganz an anderen absolutistischen Herrschern ihrer Epoche, insbesondere in Frankreich. Was uns heute als Widerspruch und fragwürdig erscheint, wurde in dieser Zeit als ganz selbstverständlich angesehen.

Das kostspielige Projekt wurde möglich, als der Fürstbischof von seinem ehemaligen Hofkammerdirektor – heute würde man Finanzminister sagen – Gallus die aufsehenerregende Summe von 600’000 Gulden in einem Prozess erstritt. Gallus hatte sich zuvor in riesigem Umfang persönlich bereichert. Der „Schadenersatz“ bildete das Fundament der Schloss-Finanzierung. 1719 wurde mit den Arbeiten begonnen, doch schon 1724 stockte der Bau, als der Fürstbischof starb. Sein Nachfolger setzte die Arbeiten nur halbherzig fort. Erst nachdem diesem ein weiteres Familienmitglied – Friedrich Carl von Schönborn – gefolgt war, ging es zügig bis 1744 weiter. Der Rohbau und Teile der Innenausstattung wurden in seiner Zeit fertiggestellt. Dann führten ein erneuter Personalwechsel auf dem Bischofsthron sowie akute Geldnot wieder zum Baustopp. Zwischen 1749 und 1779 wurde die Residenz dann endgültig fertiggestellt. Es war bereits die Zeit des Rokoko – der Fortführung, Überhöhung und Vollendung des Barock.


Residenz Würzburg im Bau (1731) (Bild: © Wolfgang Högler - wiki.org)

Residenz Würzburg im Bau (1731) (Bild: © Wolfgang Högler – wiki.org)


An französischen Vorbildern orientiert

Die Würzburger Residenz beruht auf einem rechteckigen Grundriss und ist als mehrhöfige Anlage mit einem zur Stadt hin offenen Ehrenhof konzipiert. Die Ausmasse des Schlosses sind gewaltig. An der längeren Gartenseite misst es 167 Meter, die Schmalseite umfasst immerhin noch 97 Meter. Die Residenz enthält insgesamt rund 300 Räume. Bei der Aussengestaltung orientierte man sich stark an Schloss Weissenstein, einem anderen Schönborn-Bau bei Bamberg, aber auch an französischen Vorbildern. Fast noch bemerkenswerter als die äussere Fassade sind aber die Innenräume. Die Bauherren liessen die Residenz mit einer ganzen Reihe an Prunk- und Repräsentativ-Räumen ausstatten, die Höhepunkte der Barock- und Rokoko-Kunst darstellen.


Der Höhepunkt des Treppenhauses ist das Deckenfresko, das den gesamten Raum überwölbt. (Bild: © welleschik - CC BY-SA 3.0)

Der Höhepunkt des Treppenhauses ist das Deckenfresko, das den gesamten Raum überwölbt. (Bild: © welleschik – CC BY-SA 3.0)


Als zentraler Raum des ganzen Gebäudes wurde das Treppenhaus gestaltet. Es ist offener Zugang und Treppe zugleich und gilt als eine der grossartigsten Raumschöpfungen jener Zeit. Balthasar Neumann hat ihn mehr als Bühne und prunkvollen Empfangssaal errichtet, denn als Stiege, um Etagen zu erklimmen. Der Höhepunkt des Treppenhauses ist das Deckenfresko, das den gesamten Raum überwölbt. Es wurde von dem italienischen Maler Tiepolo geschaffen und ist mit rund 580 Quadratmetern das grösste zusammenhängende Deckenfresko der Welt. Die Darstellung verherrlicht den Fürstbischof unter Einbeziehung der Kontinente.

Goldener Stuck, rosa Säulen und Lichtreflexe

Ein weiterer eindrucksvoller Grossraum ist der Kaisersaal. Er bildet das Zentrum der Gartenfront und den Mittelpunkt der sich seitlich anschliessenden nördlichen und südlichen Kaiserzimmer. Der Kaisersaal ist ganz der Idee des Heiligen Römischen Reiches und der Stellung der Würzburger Bischöfe darin gewidmet. Auch dazu schuf Tiepolo Fresken. Sie zeigen u.a. die Eheschliessung Kaiser Friedrich Babarossas und die Belehnung des Würzburger Bischofs mit dem Herzogtum Franken durch den Kaiser. Die Fresken, vergoldete Stukkaturen, zartrosa marmorierte Säulen, das Licht und die Lüster des Kaisersaals fügen sich zu einer einmaligen Symbiose. Einen starken farblichen Kontrast dazu bildet der angrenzende Weisse Saal, der mit meisterhaftem Stuck ausgestattet, aber vollständig  in schlichtem Weiss gehalten ist.


Der Kaisersaal ist ganz der Idee des Heiligen Römischen Reiches und der Stellung der Würzburger Bischöfe darin gewidmet. (Bild: © Andreas Faessler - CC BY-SA 4.0)

Der Kaisersaal ist ganz der Idee des Heiligen Römischen Reiches und der Stellung der Würzburger Bischöfe darin gewidmet. (Bild: © Andreas Faessler – CC BY-SA 4.0)


Ein Höhepunkt stellt das Spiegelkabinett dar. Spiegelgalerien, -säle und -räume sind ein unverzichtbarer Bestandteil barocker Schlösser. Auch in Würzburg gibt es einen solchen Raum. Das Spiegelkabinett gehört zu den südlichen Kaiserzimmern und gilt als der kostbarste Raum der Residenz. Es ist durchgehend an den Wänden von Spiegeln umgeben, die mit Hinterglasmalereien versehen sind. Die Spiegel werden durch vergoldete Stuckflächen miteinander verbunden. Das sich spiegelnde Licht verleiht dem Raum eine ganz eigene Wirkung. Das Spiegelkabinett gilt als das vollkommenste Raumkunstwerk des Rokoko überhaupt.

Ganz dem Stil der profanen Räume ist auch die Innenausstattung der Hofkirche angepasst. Sie wurde vom Baumeister vollständig in den Schlossbau integriert, so dass sie für den äusseren Betrachter kaum erkennbar ist. Im Inneren knüpfte man an die Prachträume der Residenz an. Die Farbgebung ist -ähnlich wie beim Kaisersaal – eine Kombination aus Rosa und Gold. Die Bilder der Seitenaltäre stammen wiederum von Tiepolo. Auch bei der Hofkirche wurden Spiegel als Gestaltungselement genutzt. Die Wandseite ohne Fenster wurde mit entsprechenden Spiegel-Pendants ausgestattet, die das Licht der Fenster reflektieren und die Raumwirkung vergrössern.


Hofkirche, Innenansicht (Bild: © Christian Horvat - CC BY-SA 3.0)

Hofkirche, Innenansicht (Bild: © Christian Horvat – CC BY-SA 3.0)


Zur Residenz gehört der Hofgarten als selbstverständliches architektonisches Element. Hier wurde die alte Stadtbastion Würzburgs in die Gartengestaltung mit einbezogen. Auch bei der Gartenanlage folgte man dem Stil der Zeit. Der Hofgarten stellt in seinem Kern einen typischen Barockgarten mit strengen geometrischen Formen dar. Er geht später in einen englischen Landschaftsgarten über. Von der ehemaligen Bastion aus haben Besucher einen wunderbaren Blick auf die Gartenfront des Schlosses und die Gartenanlagen.

Ende der Fürsten-Herrlichkeit und schwere Zeiten

Lange sollten die Würzburger Fürstbischöfe die Pracht der Residenz nicht geniessen dürfen. Als sie 1779 fertiggestellt wurde, war die Französische Revolution nicht mehr fern. In ihrer Folge endete bereits 1802 die Fürsten-Herrlichkeit der Bischöfe. Stadt und Land fielen an Bayern. Dass die Würzburger Residenz heute in ihrer Schönheit wieder erstrahlt, ist dabei keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Ganz am Ende des Zweiten Weltkriegs, am 16. März 1945, wurde die Würzburger Innenstadt durch einen Luftangriff fast völlig zerstört. Die Residenz kam mit schweren Schäden davon. Das Spiegelkabinett und andere Schätze gingen dabei verloren.



Die heutige Erscheinung ist aufwändiger Wiederherstellung und Rekonstruktion zu verdanken. Es ist zu wünschen, dass dieser wiedergewonnene Schatz erhalten bleibt.

 

Oberstes Bild: © Scirocco340 – shutterstock.com

Über Stephan Gerhard

ist seit Jahren als freier Autor und Texter tätig und beschäftigt sich bevorzugt mit Themen rund um Finanzen, Geldanlagen und Versicherungen sowie Wirtschaft. Als langjähriger Mitarbeiter bei einem Bankenverband und einem grossen Logistikkonzern verfügt er über umfassende Erfahrungen in diesen Gebieten.

Darüber hinaus deckt er eine Vielzahl an Themen im Bereich Reisen, Tourismus und Freizeitgestaltung ab. Er bietet seinen Kunden kompetente und schnelle Unterstützung bei der Erstellung von Texten und Präsentationen.


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