Tadschikistan: Schöner kann es kaum sein – Radeln auf dem Pamir Highway

18.07.2015 |  Von  |  Asien
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Tadschikistan: Schöner kann es kaum sein – Radeln auf dem Pamir Highway
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„Was war das?“ „Schnell, mach mal die Taschenlampe an.“ „Mist, das Zelt ist hinüber. Schau hier, ein Stein. Ein Riesenloch in der Zeltwand.“ „Das können nur die Buben vom letzten Dorf gewesen sein!

Wahrscheinlich waren sie selber überrascht was für einen Schlag es getan hat. Ein dummer Jungenstreich. Ein Glück regnet es hier nicht so häufig.“

Die Schlucht des Panj-Flusses (Grenzfluss zu Afghanistan) entlang des Wakhan-Korridors kann kaum spektakulärer sein. Die Landschaft ist einfach atemberaubend schön und der Schock der Nacht schnell vergessen.

Immer wieder sehen wir Dörfer auf der anderen Seite. Afghanistan zum Greifen nahe. Männer auf Eseln traben entlang schmalster Pfade im staubtrockenen Geröll. Doch leider trennt uns der reissende Fluss davon ein Schwätzchen mit ihnen zu halten.

Die Nacht über finden wir einen wunderschönen Zeltplatz an einer der engsten Stellen der Schlucht. Ich beobachte im Mondschein die kleinen Häuser in der steilen Felswand und frage mich, wie die Leute überhaupt zu ihren Häusern gelangen und wovon sie leben?


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Die Schlucht weitet sich und ein breites Tal liegt vor uns. Die Berge werden immer majestätischer. Gletschereis soweit das Auge reicht. Pakistanische Gipfel in der Ferne und viel Staub unter unseren Reifen. Die Natur hat hier eine Kulisse geschaffen, die eine Superlative nach der anderen für uns bereit hält.

„Wie sollen wir da jetzt rüber kommen?“ „Keine Ahnung“, antwortet Frank etwas verunsichert. „Die Schlammlawine reisst uns am Ende noch den Hang mit runter.“ „Da drüben fahren zwei Autos einen riesigen Umweg. Komm, wir versuchen es.“

Eine Schinderei. Über Stock und Stein versuchen wir dem Schlamm aus dem Weg zu gehen und anstelle dass er weniger wird, habe ich den Eindruck, dass immer mehr davon den Hang herunter geschossen kommt. Bei mir kommt Panik auf und ich schreie zu Frank rüber: „Lass uns die Nacht abwarten, vielleicht hat sich die Situation bis morgen entschärft“.


Majaestaetische Gletscher Hindukuschs.... (Bild: © Heike Pirngruber)

Majaestaetische Gletscher Hindukuschs…. (Bild: © Heike Pirngruber)


Kaum haben wir die Schlammlawine hinter uns gebracht, stehen wir vor einem tosenden Wasserfall, der den Weg komplett versperrt und die halbe Piste weggerissen hat. Links kommen die Wassermassen nur so heruntergeschossen während es rechts steil den Hang runter geht.

Ein japanischer Radler steht auf der anderen Seite, doch das Wasser donnert so laut auf die Strasse, dass eine Kommunikation unmöglich ist.

Die ersten Hirten kommen des Wegs und zerren mit ihren Pferden das Vieh entlang des Wasserfalls. Doch eine Ziege kommt ins Straucheln, wird vom Wasser erfasst und stürzt sicherlich hundert Meter in die Tiefe.


Im Hintergrund die Berge des Hindukuschs. (Bild: © Heike Pirngruber)

Im Hintergrund die Berge des Hindukuschs. (Bild: © Heike Pirngruber)


Mir wird ganz mulmig und bei dem Gedanken, das Rad auf die andere Seite zu bringen, wird mir noch viel schlechter.

„Lass uns die Nacht hier zelten. Das Wasser kommt sicherlich vom Gletscher und vielleicht haben wir Glück und morgen früh ist es weniger“, meint Frank, während ich antworte: „Bestimmt nicht hier, schau dich mal um, wie viele Steine hier überall rumliegen. Ich habe keine Lust, in der Nacht von Felsbrocken begraben zu werden“. „Aber ich habe keine Lust mehr wieder ewig zurück zu radeln.“ „Ach komm, da vorne, nicht weit von hier war eine Wiese.“

Plötzlich beobachten wir, wie der Japaner mit Hilfe der Einheimischen die Stelle überquert. Das Rad bleibt immer wieder an den Felsbrocken hängen und er zerrt es irgendwie hinter sich her. Das Seil, dass sie ihm zur Hilfe gegeben haben, scheint nicht weiter zu helfen und die Querung sieht von Weitem gar nicht gut aus. Doch er schafft es und man sieht ihm seine Erleichterung deutlich an. Sehr mutig oder vielleicht auch einfach nur leichtsinnig von ihm.

Patschnass kommt er auf uns zu und ist noch völlig von der Rolle. Sein Rad ist ziemlich demoliert. Wir helfen ihm, das Nötigste wieder zu reparieren, zumal er eh mit einem Baumarkt-Rad unterwegs ist und sicherlich vorher schon einiges daran kaputt war. „Zieh deine Schrauben öfters nach, sonst verlierst du irgendwann mal noch deine Gepäckträger“ meint Frank zu ihm.

Sein Gesicht ist total verbrannt. Die Hautfetzen hängen ihm von der Stirn. Ein witziger Kerl.


Frau in Tadschikistan (Bild: © Heike Pirngruber)

Frau in Tadschikistan (Bild: © Heike Pirngruber)


Früh morgens, kurz nach Sonnenaufgang stehen wir erneut an der Stelle. Der Wasserfall ist über Nacht tatsächlich deutlich kleiner geworden. Eiskaltes Wasser. Jetzt oder nie, das ist uns beiden klar. Einzeln tragen wir die Taschen und Räder über die komplett zerstörte Strasse. Ich bin heilfroh, dass Frank die Räder übernimmt. Langsam und super vorsichtig stapfe ich im Wasser den Strassenresten entlang und meide es in die Tiefe zu schauen, möchte aber zeitgleich auch nicht Gefahr laufen, von den Wassermassen erfasst zu werden und bahne mir den Weg durch die goldene Mitte. Hin und wieder zurück, bis am Ende alles auf der sicheren Seite ist und wir erleichtert weiter radeln können.

Die Luft wird nun immer dünner. Die 4000-Meter-Marke ist erreicht und wir zelten auf einer Yakwiese neben einem kleinen Haus. Keine fünf Minuten dauert es, bis uns die Leute ins Haus rufen. Unheimlich liebe und nette Leute. Die Oma des Hauses backt gerade Brot in einem uralten, selbstgebastelten Holzofen. Das Brot mit Yakbutter ist einfach nur köstlich. Dazu gibt es heissen, süssen Milchtee, der meine Kräfte wieder etwas mobilisiert. Mit einem russischen Wörterbuch versuchen wir ein wenig zu kommunizieren.


Wakhan Valley - Tadschikistan (Bild: © Heike Pirngruber)

Wakhan Valley – Tadschikistan (Bild: © Heike Pirngruber)


Mein Kopf donnert vor Schmerzen. Meine Kondition ist total im Eimer. Die Höhenluft schlägt bei mir voll ein.

Doch die Landschaft entschädigt für alles.

Die letzten 300 Höhenmeter sind die härtesten der bisherigen Strecke. Ich bin bereits total platt und leider wird der Weg nur noch immer steiler. Selbst Schieben ist mir zu heftig. Doch endlich der Pass, 4600 Meter und eine herzliche Freudenumarmung am Gipfel. Ein Wahnsinns-Erlebnis in einer wunderschönen, einsamen und kargen Gegend. Einfach traumhaft und alle Mühe wert.

 

Bilder: © Heike Pirngruber


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