Kleine Weltstadt Zürich, Teil 6: Jugend auf den Barrikaden

08.01.2014 |  Von  |  Alle Länder, Europa, Schweiz
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Kleine Weltstadt Zürich, Teil 6: Jugend auf den Barrikaden
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Das heutige Zürich ist eine Stadt der kulturellen Vielfältigkeit. Neben dem klassischen Kulturangebot wie Theater oder Museen blühen auch die alternativen und freien Kulturformen. Die letztgenannten hatten ihren Nährboden in den Jugendunruhen, die im Mai 1980 ganz Zürich auf den Kopf stellten und zum Ausgangspunkt für eine Jugendbewegung in mehreren Städten Europas wurden.

Für ältere Generationen ist die Jugend nie so, wie sie mal waren. Und das gilt grundsätzlich für alle Zeiten. Auch heute bezeichnen zahlreiche Studien zum Thema, wie zum Beispiel die regelmässig durchgeführte Shell-Jugendstudie, die Jugend als unpolitisch und uninteressiert. Auch Anfang  der 80er war es nicht anders. Der Stern behauptete in einem seiner Titel: „Die Schlaffis kommen!“ und teilte überzeugt mit: „Diese Jugend geht nicht auf die Barrikaden.“



Opernhaus Zürich (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

Opernhaus Zürich (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)




In Zürich herrschte zu dieser Zeit eine scheinbare Ruhe: Die Schweizerische Wirtschaftsmetropole, Banken- und Hochkulturstadt hatte die ´68-Jugendbewegung mehr oder weniger erfolgreich unter den Teppich gekehrt und ging ruhigen Herzens in Smoking und Pelzmantel in die Oper.

Doch empfanden die Jugendlichen die Stadt ganz anders, wie sie später im Film „Züri brennt“ erzählen: „Modern, viereckig, grau und in Ordnung sind die von plastifizierten Hollywoodmonstern belebten Kinderspielplätze. In Ordnung ist überhaupt alles, was glatt, kahl und sauber ist… riesige planierte Flächen vor den Einkaufszentren, so leer und wunschlos wie die Köpfe der Familienväter am Sonntag.“





Ein Schild in Zürich-Lindenhof (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

Ein Schild in Zürich-Lindenhof (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

Der Anlass, die unterdrückte Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen, kam im Frühling 1980, als die Stadt beschlossen hatte, 61 Millionen Franken für die Renovierung des Züricher Opernhauses auszugeben, während die Jugend mit ihrer Kultur buchstäblich auf der Strasse stand. Tausende von Jugendlichen gingen auf die Strassen: So begannen die in der Züricher Geschichte brutalsten Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den „Bewegten“, bekannt als Opernhauskrawall.

Über mehrere Monate hindurch fanden Strassenschlachten unter Einsatz von Wasserwerfern, Tränengas und Gummigeschossen seitens der Polizei statt. Ein autonomes Jugendzentrum wurde in einem leer stehenden Haus eröffnet und wenige Monate darauf wieder geschlossen. Als Folge verbrannte sich die AJZ-Bewohnerin Silvia Zimmermann am 12. Dezember 1980 mitten in der Züricher Luxusstrasse Bellevue.

Polizei im unfriedlichen Ordnungsdienst (Bild: Mark Hull, Wikimedia, CC)

Polizei im unfriedlichen Ordnungsdienst (Bild: Mark Hull, Wikimedia, CC)

Die aneinander folgenden Jugendkrawalle erschütterten Zürich noch über ein Jahr und griffen im Nu auf andere schweizerische und europäische Städte wie Bern, Basel, Lausanne, Amsterdam,  Berlin, Hamburg, Stuttgart, Freiburg im Breisgau über… Auf diese gewalttätige Art und Weise kam es doch zu einem Dialog mit der Jugend, mal auf Distanz, mal hautnah, mal mit Tränen, mal mit Tränengas. Und es erwies sich, wenn schon nicht als besonders effizient, dann doch als ziemlich effektiv: Unter der Administration von Thomas Wagner von 1982 bis 1990 wurde die Finanzierung für alternative und freie Kulturformen von nicht mal einer Million auf gut elf Millionen Franken erhöht. Es wurden Jugendräume wie Rote Fabrik, Gessnerallee, Kanzleizentrum, Rock-und Popkredit, Koprod und viele andere geschaffen.

Auf einmal entfaltete sich die graue, biedere und kleinbürgerliche Bünzlistadt in ein Zentrum der kulturellen Innovation und Kreativität. Ein gutes Beispiel liefert das Kulturzentrum Rote Fabrik in Zürich-Wollishofen. Im Gebäude der Roten Fabrik befanden sich anfänglich Seidenwebereien. Die Stadt Zürich erwarb 1972 das Gebäude und plante es abzureissen.  Doch nach den Opernhauskrawallen wurde hier das Kulturzentrum Rote Fabrik eröffnet. Konzerte und Theateraufführungen standen im Mittelpunkt, aber auch andere Initiativen wie „Das selbstständige Veloflicken“, eine gemeinschaftlich genutzte Fahrradwerkstatt, wurden hier gestartet. Später kam auch das „Taktlos Festival“, das Restaurant „Ziegel oh Lac“ (der Name ist die Anspielung auf das Fünf-Sterne Hotel am Bürkliplatz in Zürich) und die „Shedhalle“, ein Zentrum für kontemporäre und kritische Kunst. 2012 wurde das 30-järiges Bestehen der Roten Fabrik gefeiert, die mittlerweile unter Denkmalschutz steht.

Videoinstallation von Myriam Thyes “Malta als Metapher” in der Shedhalle, Zurich, 2011 (Bild: Myriam Thyes, Wikimedia, CC)

Videoinstallation von Myriam Thyes “Malta als Metapher” in der Shedhalle, Zurich, 2011 (Bild: Myriam Thyes, Wikimedia, CC)

Auch heute noch treffen sich viele ehemalige Jugendbewegungs –Aktivisten und Immigranten in der Begegnungsstätte Kanzleizentrum. Im Sommer kann man hier ein Open-Air-Kino besuchen, oder einfach einen entspannten Sommerabend verbringen.  Auf dem Xenix-Areal werden Boule, Tischtennis und Federball gespielt. Die früheren Kämpfe um den Platz unter der Sonne sind längst Geschichte, das Kanzleizentrum erinnert mehr an einen Dorfplatz, wo sich alte Bekannte zum gemütlichen Stelldichein begegnen.

Diese positiven Entwicklungen hatten aber eine sehr dunkle Schattenseite: das Drogenproblem. Der Park Platzspitz ist ab Mitte der 80er Jahre als Needle Park europaweit bekannt geworden, weil hier der offene Drogenhandel und –konsum geduldet wurden. Massenhaft reisten die Drogensüchtigen aus der ganzen Schweiz und Europa nach Zürich und liessen sich auf dem Platzspitz nieder. Hygienewidrigkeiten, Armut, Diebstähle und bis zu 25 Wiederbelebungen, die die Nothilfesanitäter täglich auf dem Platzspitz wegen Heroinüberdosis durchführen mussten: Wegen all dem bekam Zürich einen sehr zweifelhaften Ruhm. Die Vertreibung der Drogensüchtigen vom Platzspitz war auch keine Lösung, denn sehr schnell okkupierten sie den stillgelegten Bahnhof Letten.

Platzspitzpark in Zürich (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

Platzspitzpark in Zürich (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

Die Wende in der Drogenproblematik kam erst mit der definitiven Räumung vom Bahnhof Letten und der Einführung von präventiven Massnahmen, wie Einrichtung von Drogenkonsumräumen, Gassenstübli genannt, wo die Süchtigen risikominimierend mithilfe steriler Instrumente Drogen konsumieren können. Dieses Modell der „akzeptierenden Drogenarbeit“ war in Zürich so erfolgreich, dass schon bald danach ähnliche Einrichtungen nach dem Züricher Model in anderen Städten in der Schweiz, Deutschland, Österreich, Holland, den USA und Kanada entstanden. Heute ist die Parkanlage Platzspitz mit ihren alten Bäumen und dem Spazierweg am Limmatufer von Züricher Einwohnern und Touristen sehr beliebt, und das Lettenareal ist eine der trendigsten Badeanlagen der Stadt.



 

Oberstes Bild: Rote Fabrik in Zürich (Bild: Ronald zh, Wikimedia, CC)

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Über Natalia Muler

Ich schreibe, seit ich schreiben kann, und reise, seit ich den Reisepass besitze. Momentan lebe ich im sonnigen Spanien und arbeite in der Modebranche, was auch oft mit Reisen verbunden ist, worüber ich dann gerne auf den Portalen von belmedia.ch berichte. Der christliche Glaube ist das Fundament meines Lebens; harmonisches Familienleben, Kindererziehung, gute Freundschaften und Naturverbundenheit sind meine grössten Prioritäten; Reisen und fremde Kulturen erleben meine Leidenschaft; Backen und Naturkosmetik meine Hobbys und immer 5 Minuten zu spät kommen meine Schwäche.




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