Prognose-Institut der Antike – das Orakel von Delphi

19.05.2015 |  Von  |  Europa
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Prognose-Institut der Antike – das Orakel von Delphi
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Der Mensch ist seit jeher brennend daran interessiert zu erfahren, was die ungewisse Zukunft bringt. Heute werden dafür Wissenschaft und Prognose-Institute bemüht, in der Antike befragte man Tempel-Orakel. Die berühmteste Einrichtung dieser Art im alten Griechenland war das Orakel von Delphi.

Seine Prophezeiungen galten damals – trotz mancher Zweideutigkeiten – als das Nonplusultra der Vorhersage. Das machte die Orakelstätte berühmt und reich. Die Überreste des Orakels sind auch heute noch eindrucksvoll, ein Besucht lohnt sich – nicht zuletzt, weil das Orakel-Heiligtum einst in einer bezaubernden landschaftlichen Lage errichtet wurde.


Blick auf das Tal unterhalb von Delphi.

Blick auf das Tal unterhalb von Delphi. (Bild: Neil and Kathy Carey – Flickr.com – CC BY-SA 2.0)


Am Fusse des Parnass

Die antiken Stätten befinden sich heute auf dem Gebiet der gleichnamigen griechischen Gemeinde Delfi, die im gebirgigen Hinterland des Golfes von Korinth in Mittelgriechenland liegt. Der Ort ist ein Dorf und zählt kaum mehr als 1000 Einwohner. Delfi entstand Ende des 19. Jahrhunderts an dieser Stelle, als die Bewohner des früheren Ortes Kastri wegen der Ausgrabungsarbeiten hierher umgesiedelt wurden. Heute lebt das Dorf vor allem vom Ausflugstourismus zu der Orakelstätte. Es gibt einige Hotels und zahlreiche Tavernen.

Das Orakel-Heiligtum grenzt unmittelbar östlich an das Gemeindegebiet. Die Bauten wurden in der Antike an exponierter Stelle errichtet. Sie liegen abgestuft an einem halbkreisförmigen Berghang am Fusse des Parnass, eines mächtigen Berges, dessen Gipfel fast 2500 Meter erreicht. Der Parnass ist in der griechischen Mythologie dem Gott Apollon geweiht und gleichzeitig Heimat der Musen, der Göttinnen der Künste. Der Sage nach sollen hier nach einer gewaltigen Sintflut auch die mythischen Gestalten Deukalion und Pyrrha gelandet sein – eine Art altgriechische Version der biblischen Noah-Geschichte.


Amphitheater waren wichtige Treffpunkte in den Städten der Antike.

Amphitheater waren wichtige Treffpunkte in den Städten der Antike. (Bild: © Tatiana Popova – shutterstock.com)


Der Nabel der Welt

Apollon spielte beim Orakel von Delphi eine zentrale Rolle. Ihm war das Tempel-Heiligtum geweiht, die geografische Nähe zum Parnass mag dabei eine Rolle gespielt haben. Für den antiken Menschen hatte Delphi aber noch eine ganz andere, existenzielle Bedeutung. Hier war der „Nabel der Welt“, also der Mittelpunkt des Universums. Der Sage nach hatte Göttervater Zeus einmal zwei Adler an den entgegengesetzten Enden der Welt aufsteigen lassen. Sie trafen sich genau in der Mitte, in Delphi. Der Nabel der Welt wurde in der Antike durch einen phallischen Stein, den Omphalos, markiert, der im Apollon-Tempel stand. Auch die Ursprünge des Orakels sind sagenhaft. Einst soll der Drachen Python in Delphi gelebt haben. Er verfügte über hellseherische Fähigkeiten. Python wurde von Apollon gejagt und hier getötet. Seine Seher-Gabe übertrug sich durch das vergossene Drachenblut auf den Ort.

Der Apollon-Tempel bildete den zentralen Bau des Orakel-Heiligtums. Sein Grundriss kann anhand der Ausgrabungen heute noch gut nachvollzogen werden. Er wurde von dorischen Säulen getragen, von denen sechs wieder aufgerichtet wurden. Den Eingang des Tempels sollen zwei Inschriften geziert haben: „Erkenne dich selbst“ und „Alles in Massen“ – zwei Appelle, die nach wie vor uneingeschränkt gelten.

Im unmittelbaren Umfeld des Tempels lagen einige kleinere Heiligtümer sowie etliche Schatzhäuser griechischer Stadtstaaten, in denen deren Weihegeschenke aufbewahrt wurden. Die Schatzhäuser reihten sich entlang der Heiligen Strasse auf, die auch heute noch serpentinenartig zum Apollon-Tempel führt. Das Athener Schatzhaus ist exemplarisch wiederaufgebaut worden. Teilweise rekonstruiert wurde auch der Rundtempel der Athena Pronaia.


In Delphi können Touristen auf den antiken Wegen gehen.

In Delphi können Touristen auf den antiken Wegen gehen. (Bild: © Ratikova – shutterstock.com)


Orakel in Trance

Zum Gelände des Heiligtums gehören ausserdem ein gut erhaltenes Theater für rund 5000 Zuschauer und das Stadion. Beide Stätten waren Austragungsorte der sogenannten „Pythischen Spiele“ – einer Mischung aus Sportwettkämpfen und musischen Darbietungen, die im antiken Griechenland nur noch von Olympia übertroffen wurden. Von den Plateaus des Tempel-Heiligtums bietet sich ein wunderbarer Panoramablick auf die umliegende Berg- und Tallandschaft. Es ist eine felsige Region, die durch das Grün zahlloser Zypressen, Pinien und Olivenbäume aufgelockert wird. In der Ferne ist schon das Blau des Meeres zu erblicken.

Die Weissagungen selbst fanden im Apollon-Tempel statt. Hier sass eine Priesterin – die Pythia – im Adyton, dem Allerheiligsten des Tempels, auf einem Dreifuss über einer Erdspalte. Zuvor hatte sie sich rituell mit Quellwasser gereinigt. Aus der Spalte traten wahrscheinlich Dämpfe aus, die die Priesterin in Trance versetzten und zum Orakel inspirierten. Ob die Pythia ihre Botschaft direkt an die Fragesteller richtete oder ihre Sprüche durch Priester interpretiert und dann verkündet wurden, ist umstritten.

Jedenfalls erfolgte die Weissagung bereits damals kundensegmentiert. Zahlungskräftige Kunden wurden individuell und ausführlich beraten. Die ärmere Klientel musste sich mit einfachen Ja-Nein-Antworten aus einer Urne mit schwarzen und weissen Bohnen begnügen.



Nebulöse Aussagen und ein letzter Spruch

Der Einfluss des Orakels im antiken Griechenland und darüber hinaus war beträchtlich. Vor wichtigen Entscheidungen und Projekten wie Feldzügen oder Stadtgründungen wurde das Orakel regelmässig befragt. Nicht selten fielen die Antworten nebulös und interpretationsfähig aus. Dies musste zum Beispiel der berühmte König Krösus erfahren, der auf seine Frage nach den Erfolgsaussichten eines Krieges gegen die Perser die Antwort erhielt, er werde ein grosses Reich zerstören. Krösus zog in den Krieg, verlor und zerstörte ein grosses Reich – sein eigenes.

Prominente Fragesteller sah das Heiligtum im Lauf der Jahrhunderte viele – Krösus, Themistokles, Alexander den Grossen und Pyrrhus, um nur einige in einer langen Reihe zu nennen. Auch in der Römerzeit florierte der Orakel-Betrieb. Das Ende kam mit der zunehmenden Verbreitung des Christentums im vierten Jahrhundert. In dieser Zeit war für Weissagungen im Namen Apollons kein Platz mehr. Der Legende nach soll das Orakel sein eigenes Ende selbst prophezeit haben. So lautete der letzte Orakel-Spruch:

„Sage dem König, das schöngefügte Haus ist gefallen /

Die Zuflucht Apollons dahin, der heilige Lorbeer verwelkt /

Die Quellen schweigen für immer, die Stimme verstummt.“

Danach verfiel das Heiligtum und diente unter anderem als Steinbruch – eine Ursache, warum heute vielfach nur noch Grundmauern erhalten sind. Später wurde über den Ruinen das Dorf Kastri erbaut. Erst Ende des 19. Jahrhunderts begannen französische Archäologen mit den Ausgrabungen. Wichtige Fundstücke sind im Archäologischen Museum der Orakel-Stätte zu sehen, darunter auch eine Nachbildung des Nabels der Welt. Aus ihnen lässt sich die Bedeutung des Ortes für die antike Welt erahnen. Das kann auch der Besucher von heute nachempfinden.

 

Oberstes Bild: Daniel Enchev – Flickr.com – CC BY 2.0

Über Stephan Gerhard

ist seit Jahren als freier Autor und Texter tätig und beschäftigt sich bevorzugt mit Themen rund um Finanzen, Geldanlagen und Versicherungen sowie Wirtschaft. Als langjähriger Mitarbeiter bei einem Bankenverband und einem grossen Logistikkonzern verfügt er über umfassende Erfahrungen in diesen Gebieten.

Darüber hinaus deckt er eine Vielzahl an Themen im Bereich Reisen, Tourismus und Freizeitgestaltung ab. Er bietet seinen Kunden kompetente und schnelle Unterstützung bei der Erstellung von Texten und Präsentationen.


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