Von Tell Halaf nach Bonn – eine Zeitreise

07.07.2014 |  Von  |  Alle Länder, Europa
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Von Tell Halaf nach Bonn – eine Zeitreise
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Die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in der früheren deutschen Bundeshauptstadt Bonn gehört zu den letzten grossen Repräsentativbauten, die mit Blick auf die Funktion als Regierungssitz umgesetzt wurden. Sie ist insofern selbst ein Baudenkmal der Zeitgeschichte. Am 17. Oktober 1989, unmittelbar vor dem Fall der Mauer, wurde der Grundstein gelegt, 1992 wurde die Bundeskunsthalle eröffnet. Seither hat sie sich – trotz des zwischenzeitlich erfolgten Regierungsumzugs nach Berlin – zu einem der bedeutendsten Ausstellungshäuser in Deutschland entwickelt.

In diesem Beitrag soll es um eine besonders interessante Ausstellung gehen, die dort zurzeit stattfindet und noch bis zum 10. August andauert: Abenteuer Orient – Max von Oppenheim und seine Entdeckung Tell Halaf. Sie führt den Besucher in den alten Orient, weist aber auch auf die Wechselfälle der Geschichte hin und gibt über die reinen Ausstellungsstücke hinaus einen Einblick in die Unwägbarkeiten des Lebens. Wer sich darauf einlässt, begibt sich auf eine faszinierende Zeitreise.

Tell Halaf ist ein uralter Siedlungshügel und eine Ruinen- und Ausgrabungsstätte im nord-östlichen Syrien fast unmittelbar an der Grenze zur Türkei. Wegen des syrischen Bürgerkriegs ist der Ort derzeit nicht zugänglich. Als Max von Oppenheim dort mit den Ausgrabungen begann, gehörte Tell Halaf noch zum Osmanischen Reich.

Tell Halaf in Syrien – Nordost-Palast von Nordoste (Bild: Bertramz, Wikimedia, CC)

Tell Halaf in Syrien – Nordost-Palast von Nordoste (Bild: Bertramz, Wikimedia, CC)

Ein bemerkenswerter Forscher



Der Diplomat, Orientalist und Hobby-Archäologe war selbst eine schillernde Persönlichkeit. Der 1860 in Köln geborene Bankierssohn konnte sich dank des Vermögens seiner Familie bereits in jungen Jahren seinen Neigungen widmen. Sein Vater war Mitgesellschafter der noch heute bestehenden Bank Sal. Oppenheim. Ab 1892 unternahm der Filius mehrere Forschungsreisen im Nahen Osten und in Ostafrika, jahrelang lebte er in Kairo, wo er auch diplomatische Funktionen ausübte und viele Kontakte knüpfte. Dabei passte er sich immer mehr der arabischen Lebensweise und Kultur an.



1899 kam Max von Oppenheim erstmals nach Tell Halaf, mit systematischen Ausgrabungen konnte er aber erst 1911 beginnen. Der Erste Weltkrieg unterbrach die Arbeiten. In dieser Zeit wirkte Oppenheim in Berlin und Istanbul und versuchte, die arabischen Völker zu einem „Dschihad“ gegen die Engländer aufzustacheln. Er war insofern ein Gegenspieler des berühmten Lawrence von Arabien. Sein Versuch misslang.

Skulptur aus dem Palast von Tell-Halaf  (Bild: MaryG90, Wikimedia, CC)

Skulptur aus dem Palast von Tell-Halaf (Bild: MaryG90, Wikimedia, CC)

Guzana – die Hauptstadt der Aramäer



Nach dem Ersten Weltkrieg wurden trotz grosser finanzieller Schwierigkeiten die Ausgrabungen in den 1920er-Jahren fortgesetzt. Dabei konnte Oppenheim umfangreiche Palastanlagen, Stadtmauern und mehrere Grabkammern freilegen. Auch viele Skulpturen, Figuren, Reliefs und kostbare Grabbeigaben wurden gefunden. Tell Halaf war bereits seit frühester Zeit bewohnt gewesen. Bereits um 6000 v. Chr. ist wohl von der ersten Besiedlung auszugehen. Die Blütezeit des Ortes begann aber ab der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr., als hier die Stadt Guzana entstand. Sie wurde zur Hauptstadt eines Aramäischen Königreichs, später geriet die Stadt unter assyrische Herrschaft. Danach verlor sie immer mehr an Bedeutung.

Tell-Halaf-Museum in Berlin – 1943 zerstört



Die Entdeckung und Ausgrabung von Tell Halaf galt seinerzeit als archäologische Sensation. Sie machte erstmals die bis dahin weitgehend unbeachtete Kultur der Aramäer bekannt. Oppenheim brachte viele Fundstücke nach Berlin, wo er sie ab 1930 in einem privaten Museum präsentierte. Prominente Besucher kamen, um sich die Ausstellung anzusehen.

Das Museum mit seinen Ausstellungsstücken wurde 1943 bei einem Luftangriff zerstört. Oppenheim sorgte selbst dafür, dass die rund 27’000 Bruchstücke im Pergamon-Museum in Berlin eingelagert wurden. Dort wurden sie lange vergessen. Oppenheim selbst – obwohl nach Nazi-Gesetzen „Halbjude“ – überstand den Krieg unbeschadet und starb 1946.





Sitzendes Paar – Tell-Halaf Skulptur (Bild: Z thomas, Wikimedia, CC)

Sitzendes Paar – Tell-Halaf Skulptur (Bild: Z thomas, Wikimedia, CC)

Die Rekonstruktion

Die Wiederauferstehung seiner Funde sollte er nicht mehr miterleben. Es dauerte bis zur Jahrtausendwende, ehe man sich der eingelagerten Reste annahm. Zwischen 2001 und 2010 wurden die Bruchstücke von einem kleinen Forscherteam sortiert und – soweit möglich – wieder zusammengefügt. Es handelte sich um eine Sisyphusarbeit, die eine ausserordentliche wissenschaftliche Leistung darstellt. Insgesamt konnten 30 zum Teil monumentale Figuren der ursprünglichen Ausstellung rekonstruiert werden. Das Pergamon-Museum zeigte die Funde erstmals im Jahr 2011.

Die Bonner Ausstellung

Die Bonner Ausstellung setzt dies jetzt fort, die Exponate aus Berlin werden dabei durch Leihgaben aus dem British Museum und dem Louvre in Paris ergänzt. In der Bundeskunsthalle wird erstmals die berühmte, fast sechs Meter hohe Eingangsfassade des West-Palastes von Guzana mit den originalen Skulpturen nachgestellt. Besucher erleben ausserdem eine virtuelle Rekonstruktion von Guzana und können sich ein Bild vom Aussehen zur Aramäer-Zeit machen. Ein weiterer Ausstellungsschwerpunkt sind das Leben und die Person Max von Oppenheims selbst. Besucher können hier dem Wanderer zwischen Okzident und Orient nachspüren.

Die Geschichte von Tell Halaf selbst ist noch nicht zu Ende. Grabungen wurden auch nach dem Zweiten Weltkrieg bis in jüngere Zeit durchgeführt. Viele Rätsel um den Hügel von Tell Halaf sind noch nicht gelöst. Wie es angesichts der Situation in Syrien weitergehen wird, steht allerdings in den Sternen.

 

Oberstes Bild: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik in Bonn (© Andreas Lischka, Wikimedia, CC)

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Über Stephan Gerhard

ist seit Jahren als freier Autor und Texter tätig und beschäftigt sich bevorzugt mit Themen rund um Finanzen, Geldanlagen und Versicherungen sowie Wirtschaft. Als langjähriger Mitarbeiter bei einem Bankenverband und einem grossen Logistikkonzern verfügt er über umfassende Erfahrungen in diesen Gebieten.

Darüber hinaus deckt er eine Vielzahl an Themen im Bereich Reisen, Tourismus und Freizeitgestaltung ab. Er bietet seinen Kunden kompetente und schnelle Unterstützung bei der Erstellung von Texten und Präsentationen.


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