Auf literarischen Spuren durch Lissabon

07.04.2014 |  Von  |  Alle Länder, Europa
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Auf literarischen Spuren durch Lissabon
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Wer erstmalig nach Lissabon kommt, sucht Orientierung. Zu gross und unübersichtlich erscheint eine solche Metropole vor einem. Alles kann man sowieso nicht entdecken, aber das Wichtigste möchte man mitnehmen. Was ist das Wichtigste? Dies ist immer subjektiv.

Gute Führer durch das Reich des Subjektiven sind Schriftsteller. In ihrer Literatur loten sie Möglichkeiten aus und finden einen roten Faden. Dies ist eine wunderbare Haltung, einer Stadt wie Lissabon zu begegnen und sich in sie hineinziehen zu lassen. Einige Schriftsteller, die mit Lissabon eng verbunden sind, aber auch ein Weltbestseller helfen dabei.



Mit dem Nachtzug zum Bahnhof Santa Apolonia

Der Schriftsteller Pascal Mercier lässt 2004 in seinem inzwischen hochkarätig verfilmten Weltbestseller „Nachtzug nach Lissabon“ seinen Helden Raimund Gregorius mit dem Nachtzug aus der Schweiz nach Lissabon reisen. Er kommt am Bahnhof Santa Apolonia an. Lissabon hat keinen eigentlichen Hauptbahnhof, aber Santa Apolonia schlüpft ein wenig in diese Rolle. Er wurde 1865 eröffnet und 2007 renoviert, so dass er heute in alter Pracht neu erscheint.

Ein Denkmal vor dem Bahnhof erinnert daran, dass nicht nur Menschen ankommen, sondern viele auch Portugal verliessen. „Für den portugiesischen Emigranten“ ist die Skulptur betitelt – so leben heute über 2 Millionen Portugiesen etwa in Frankreich, 200‘000 in der Schweiz und 160‘000 in Deutschland. Der Bahnhof Santa Apolonia liegt nahe dem Fluss Tejo. Ein Gang dahin ist nicht weit, eine Fahrt auf dem Tejo leicht zu organisieren.

Man lässt sich den frischen Wind um die Nase wehen und folgt gedanklich Raimund Gregorius, der ebenfalls den Tejo befuhr, ebenfalls auf literarischen Spuren eines portugiesischen Schriftstellers. Der Roman von Pascal Mercier ist so eine wunderbare Reisevorbereitung oder auch Reiselektüre in Lissabon. Doch die portugiesische Hauptstadt hat ja auch eigene literarische Kinder.





Denkmal „Für den portugiesischen Emigranten“ vor dem Bahnhof Santa Apolonia in Lissabon (Bild: Maradentro, Wikimedia)

Denkmal „Für den portugiesischen Emigranten“ vor dem Bahnhof Santa Apolonia in Lissabon (Bild: Maradentro, Wikimedia)

Fernando Pessoa – berühmter Sohn Lissabons

1888 in Lissabon geboren und 1935 verstorben, gilt Pessoa als bedeutendster Autor Portugals des letzten Jahrhunderts. Ein Rundgang im Geiste Pessoas muss in der Unterstadt Lissabons, Baixa Pombalina, beginnen. Hier herrscht reges Treiben, und am Chiado im Café A Brasileira kann man für einen Moment verschnaufen. Hier war Pessoa Stammgast und gab sich seiner Sehnsucht hin nach dem Abwesenden. Pessoas Werk wird auch als literarischer Fado bezeichnet. Fado ist ein portugiesischer Musikstil, in Musikkneipen allabendlich melancholisch inszeniert, den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Vor dem Café A Brasileira lassen sich gerne Touristen mit Pessoa fotografieren, der als Skulptur lebensgross an einem Tisch sitzt. Nicht weit von hier ist der Largo do Carmo, wo die Ruinen der gotischen Kirche Igreja do Carmo an das verheerende Erdbeben mit folgendem Tsunami von 1755 gemahnen. Viele gotische Bauten der Stadt wurden damals zerstört, ein Drittel der in Lissabon Lebenden kam zu Tode.



In unmittelbarer Nähe wohnte Pessoa von 1908 bis 1912. Hätte er im April 1974 noch gelebt, hätte er hier miterlebt, wie durch eine Belagerung einer nahe gelegenen Kaserne der Guardia Nacional durch übergelaufene Polizisten und Widerstandskämpfer die fast 50 Jahre faschistische Diktatur ein unblutiges Ende fand. Mehr zum Kampf gegen die faschistische Diktatur findet man im bereits erwähnten „Nachtzug nach Lissabon.“

Am Abend kann man den nahegelegenen Elevator Santa Justa aufsuchen, einen frei stehenden Aufzug aus dem Jahr 1902. Auf dem Dach ist ein kleines Café, und ein Blick über das vom warmen Abendlicht glänzenden Lissabon ist ein grandioser Übergang zum bunten Nachtleben der Metropole.

Fernando Pessoa vor dem Café A Brasileira in Lissabon (Bild: DIMSFIKAS, Wikimedia, CC)

Fernando Pessoa vor dem Café A Brasileira in Lissabon (Bild: DIMSFIKAS, Wikimedia, CC)

Auf Schienen durch die Stadt



Das letzte Wohnhaus, in dem Pessoa lebte, liegt etwas entfernt im Stadtteil Campo de Onrique. Dort befindet sich heute ein kleines Museum, das den Interessierten Details aus Pessoas Leben zeigt. Man sollte den Weg dorthin und zurück wie Pessoa einst unbedingt mit der Electrico, der Strassenbahn, zurücklegen.

Die schönen alten Wagen tragen einen schaukelnd und quietschend bergauf und ab durch das emsige Stadtleben. Wieder zurück an der Brasileira do Chado kann man in wenigen Gehminuten das Geburtshaus Pessoas erreichen. Es liegt gegenüber der prachtvollen Oper am Largo de Sao Carlos. Pessoas Vater hatte hier als Musikkritiker gearbeitet. Wenn man sich hier nach einem Einkaufsbummel etwas umsieht, ist man fasziniert von den wunderbaren, mit schönem Stuck verzierten Gebäudefassaden. Leider wurden die schönsten Häuser bei einem Grossbrand 1988 vernichtet.

Auf Schienen durch Lissabon (Bild: Lisboabelle, Wikimeia, CC)

Auf Schienen durch Lissabon (Bild: Lisboabelle, Wikimeia, CC)

Ein reservierter Platz auf Lebenszeit

Fernando Pessoa liegt begraben im Kreuzgang des Klosters Hieronymus im Stadtteil Belem, der sich sehnsuchtsvoll dem Fluss Tejo entgegenstreckt. Ein alltägliches Zeugnis der Allgegenwart des grossen portugiesischen Autors ist am Praca do Comercio im Café Martinho do Arcada zu bestaunen. Dieses Café suchte Pessoa in seinen letzten Lebensmonaten auf, schrieb dort wie besessen und trank sich seinem Tod durch Leberzirrhose entgegen.

Praca do Comercio in Lissabon (Bild: Koshelyev, Wikimedia, CC)

Praca do Comercio in Lissabon (Bild: Koshelyev, Wikimedia, CC)

In diesem Café ist für Pessoa für alle Zeit ein Platz reserviert, und ein Gedeck steht immer für ihn auf dem Tisch, so als würde er gleich hier erscheinen. Jeder Besucher Lissabons darf noch gerne weiterziehen und Spuren anderer Literatur folgen. Es wären da noch einige, etwa von Jose Saramago und seinem Romanhelden Ricardo Reis, dem Hochstapler Felix Krull von Thomas Mann und andere mehr.



 

Oberstes Bild: Altstadt von Lissabon (Bild: Dieter Schütz  / pixelio.de)

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